Lebenskunst

Balance halten

Wie diese Artistin ihren Körper in der Schwebe hält, sollte der Mensch in all seinem Tun auf sein Gleichgewicht achten. Foto: imago

Wie viel Zeit soll ich der Arbeit widmen und wie lange täglich Bücher lesen? Wie lange mich mit meinem Partner unterhalten und wie viele Stunden schlafen? Und wie viel Sport muss ich treiben?

Wer findet schon den Ausgleich zwischen all diesen wichtigen Aktivitäten? In der modernen Welt und vielleicht schon in der alten haben sich unterschiedliche Typen von Menschen entwickelt. Es gibt den Faulen, den nichts aus der Ruhe bringen kann, dem es gut geht, auch wenn er nichts tut.

Wenn es ihm schlecht geht, wird er sich lediglich darüber beschweren, aber er würde nie versuchen, etwas zu ändern. Dann gibt es den Fleißigen, der den ganzen Tag rennt und alles schnell schaffen will. Er ist bereit, auf Essen, Schlafen und Ausgehen zu verzichten, um sein Ziel schnellstmöglich zu erreichen. Und sobald das geschehen ist, peilt er das nächste an.

Was ist der richtige Weg? Beim Blick in die Schriften finden wir zwei Regeln, die sich scheinbar widersprechen. Einerseits heißt es: Durch Hinzufügen vermindert man. Andererseits steht geschrieben: Je mehr, desto besser. Unsere Weisen gehen von einem klaren Standpunkt aus. Sie wissen: Der Mensch muss bei all seinem Tun das richtige Maß finden.

König David drückte über diese Auseinandersetzung im Leben seinen Kummer aus. Er sagte: »Unsere Lebensjahre, das sind 70 Jahre, und wenn’s hoch kommt 80 Jahre« (Psalm 90,10). Das heißt, G’tt gibt uns eine langfristige Möglichkeit, aus unserem Leben das Beste zu machen.

Doch wenn wir das Menschenleben betrachten, finden wir eine traurige Realität vor: Der Mensch verschwendet den Großteil seiner Zeit. Er schafft es nicht, sein Potenzial zu verwirklichen. Doch woher soll er wissen, wie er es im richtigen Maße ausschöpft und sein Leben nicht verschwendet?

Freiheit Nachdem das Volk Israel mehrere hundert Jahre von den Ägyptern versklavt worden war, musste es sich in der Wüste Sinai ganz neu mit dem Leben in Freiheit auseinandersetzen. Diese Zeit war nicht einfach, denn das Leben in der Wüste birgt Gefahren.

Die Wasserquellen sind rar, und der trockene Boden erschwert jegliche langfristige Verbesserung des Lebensniveaus. Trotzdem war klar, dass die Anpassungsschwierigkeiten erheblich größer gewesen wären, wenn das Volk sofort das Land bekommen hätte, in dem es wohnen soll.

In der Wüste wuchsen keine Obstbäume, und es gab keine Weiden für Vieh. Da sagte das Volk: »Wären wir doch gestorben durch die Hand des Ewigen im Lande Mizrajim, da wir saßen am Fleischtopf, da wir Brot aßen zur Genüge. Denn ihr habt uns herausgeführt in diese Wüste, um diese ganze Volksschar Hungers sterben zu lassen« (2. Buch Moses 16, 3). Sie wären also lieber Sklaven geblieben, als unter diesen Umständen in Freiheit zu leben.

Doch in der Wüste, wo die Erde nicht bearbeitet werden kann, um den Menschen zu ernähren, hat G’tt Wunder vollbracht und dem Volk Brot vom Himmel gegeben. G’tt wollte die Israeliten in der Wüste erziehen. Das Volk sollte lernen, auf eigenen Beinen zu stehen.

Jeder Mensch braucht zum Überleben eine bestimmte Menge an Nahrungsmitteln. Weder wer zu viel isst, noch derjenige, der zu wenig isst, tut seiner Gesundheit einen Gefallen. Aber es gibt Menschen, die sich Sorgen über ihre Zukunft machen und deshalb Nahrungsmittel hamstern. Jedes Manna, das man für den nächsten Tag aufbewahrte, wurde von Würmern befallen.

Es gibt hier eine wichtige Lehre für den Menschen. Rabbi Elazar HaModai sagt: »Derjenige, der den Tag geschaffen hat (G’tt), wird auch für die Nahrungsmittel sorgen.« Jeder Mensch, der für heute etwas zu essen hat und sich fragt, was er morgen essen soll, glaubt nicht an G’tt.

Als Angehöriger des Volkes Israel muss man wissen, dass es jeden Tag Nahrungsmittel geben wird. Zwar ist es falsch, sich auf die faule Haut zu legen, denn der Mensch muss etwas tun, um sich ernähren zu können. Doch auch das Hamstern ist nicht richtig, weil alles, was heute übrig bleibt, morgen von Würmern befallen sein wird.

Der Mensch betrachtet alles selektiv. Er konzentriert sich auf einen Bereich und blendet den anderen aus. Die Welt wurde sehr harmonisch gebaut. Jeder, der nur in eine Sache investiert, wird bei einer anderen verlieren.

Wunder Um den Glauben an G’tt zusätzlich zu stärken und um zu verstehen, wie viele Kräfte es in seine Existenz investieren muss, wurde das Volk vor eine weitere Herausforderung gestellt: Jeden Freitag geschah ein Doppelwunder.

Nicht nur, dass Manna vom Himmel fiel, sondern es kam so viel, dass es sowohl für Freitag als auch für den Schabbat reichte. Und was für den Feiertag vorgesehen war, wurde nicht von Würmern befallen.

Der Schabbat erhielt dadurch eine tiefere Bedeutung. Man hätte denken können, dass die Schabbatruhe durch die Tatenlosigkeit Fortschritte verhindere. Doch bringt gerade sie dem Ruhenden besonderes Glück. So lesen wir: »Sechs Tage sollst du arbeiten und all deine Werke verrichten. Am siebenten Tag aber sollst du ruhen« (2. Buch Moses 34,21). Nach dieser Beschreibung ist der zentrale Punkt am Schabbat die Ruhe. Derjenige, der dieses Gebot hält, wird am Freitag die doppelte Portion Brot bekommen.

Raschi (1040–1105) kommentiert: Entweder bedeutet es die doppelte Menge oder eine bessere Qualität als das Werktagsbrot. Die Schabbatruhe bringt besonderen Segen mit sich. Sie bedeutet nicht, dass die treibende Kraft des Menschen nachlässt, sondern sie ist ein Segen für diese Kraft. Die Kräfte, die in den sechs Arbeitstagen nicht berücksichtigt werden konnten, bekommen am Schabbat die Möglichkeit, sich zu entfalten.

Eine wichtige Regel im Leben lautet: Alles in Maßen. Man muss den Mittelweg suchen: nicht zu viel und nicht zu wenig. Aus seiner Natur heraus wird der Mensch immer wieder davon abkommen. Nur die innere Überzeugung hilft ihm, seinen Mittelweg zu bewahren.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Beschalach erzählt, wie die Kinder Israels auf der Flucht vor dem Pharao und seinen Truppen trockenen Fußes das Schilfmeer durchquerten. Es öffnete sich vor ihnen und schloss sich hinter ihnen wieder, sodass die Männer des Pharao in den Fluten ertranken. Danach beginnt der eigentliche Weg Israels durch die Wüste. Es wird berichtet, wie der Ewige die Menschen mit Manna und Wachteln versorgt und sie auffordert, Speise für den Schabbat beiseitezulegen. Dennoch fehlt es an Wasser, und die Kinder Israels beschweren sich bei Mosche. Der lässt daraufhin Wasser aus einem Felsen hervorquellen. Schließlich werden die Israeliten von Amalek angegriffen, aber sie schlagen ihn.
2. Buch Moses 13,17 – 17,16

Talmudisches

Cäsar und die Rippe Adams

Wie der Kaiser Rabban Gamliel herausforderte

von Noemi Berger  20.09.2019

Ki Tawo

Das Gefühl, dazuzugehören

Was den Kindern Israels Herz und Augen öffnete – mehr als alle g’ttlichen Offenbarungen

von Rabbiner Jaron Engelmayer  20.09.2019

Drisha

In Yentls Fußstapfen

An der Bar-Ilan-Universität erscheint eine Zeitschrift von Frauen, die sich mit dem Talmud beschäftigen

von Yizhak Ahren  19.09.2019

Slichot

Schlaflos beim Minjan

Sefarden rezitieren sie schon seit Wochen. Nun beginnen auch die Aschkenasen mit den Bußgebeten

von Rabbiner Arie Folger  19.09.2019

USA

Rabbiner wird Mitglied in katholisch-islamischem Komitee

M. Bruce Lustig verstärkt das im Vatikan gegründete Gremium zur Förderung des interreligiösen Dialogs

 18.09.2019

Ki Teze

Ein Monat Bedenkzeit

Warum die Tora Soldaten vorschrieb, nach der Rückkehr aus dem Krieg erst einmal innezuhalten

von Rabbiner David Geballe  13.09.2019