Sprache

Auf ein Wort

Das Internet ist Segen und Fluch zugleich. Doch hinter jeder Art von Technik steckt immer auch der Mensch. Foto: Getty Images/iStockphoto

Neudeutsch würde man ihn vielleicht als Influencer bezeichnen: Moses Maimonides, auch unter dem Akronym Rambam bekannt, war im Hochmittelalter Rabbiner, Arzt und Philosoph. Er wollte jüdisches Wissen für jedermann zugänglich machen. Und das ist ihm gelungen, unter anderem mit der ersten Kodifizierung jüdischer Gesetze, der »Mischne Tora«.

Darin befasste er sich vor über 800 Jahren unter anderem mit Phänomenen, die einfach als Gerüchte, Unterstellungen und Verleumdungen beschrieben wurden. Heute zu Fake News, alternative Fakten und Hate Speech mutiert, sind sie zunehmend ein gesellschaftliches Problem.

populisten Wie aktuell dieses Meisterwerk ist, zeigt sich, seit wir den Vormarsch der Populisten und sogenannten Querdenker erleben. Das gesellschaftliche Klima wird immer mehr vergiftet – wir alle atmen diese kontaminierte Luft ein, ob nun virtuell oder analog: Das ist auch eine Klimakatastrophe. Auch sie bedroht uns alle existenziell.

Dem Rambam ging es darum, solches Gift zu erkennen. Schließlich war er auch Arzt und wollte seine Patienten warnen – sowohl vor dem Gift selbst als auch davor, darüber mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Denken wir nur an Goethe, der einst dichtete: »Habt ihr gelogen in Wort und Schrift, anderen ist es und euch ein Gift.«

Was heißt das nun für uns, die wir nicht nur mit, sondern zunehmend auch in der digitalen Welt leben? Hinter jeder Technik – egal, in welchem Zeitalter – steckt schließlich immer auch der Mensch.

Der Homo sapiens zeichnet sich gegenüber allen anderen Wesen gerade auch durch Sprache aus. Sprache ist das Medium zum Beschreiben, Erklären, Mitteilen, Ein- und Aufteilen und so weiter. Nietzsche hat darauf hingewiesen, dass mit Worten auch Absichten ausgedrückt werden können; also Handlungen, die erst später vollzogen werden (sollen).

chaos Damit, so Nietzsche, wird durch das Wort nicht wie sonst mit Sprache etwas Vorhandenes artikuliert, sondern etwas geschaffen, was in der Zukunft vollendet würde. Ein Schöpfungsakt also. Wie in der Schöpfungsgeschichte wird dabei aus Nichts oder bestenfalls aus Chaos Ordnung geschaffen. Das Chaos bestünde aus unseren Möglichkeiten und Grenzen und aus allem, was dazwischen ist – von animalischen Instinkten bis zu menschlichen Trieben, Wünschen und Emotionen.

Auch Hass zählt dazu. Er ist eine menschliche Emotion und damit eine Konstante der Menschheit. Mit neuester Technik versehen, wird er tödlich – wie das schreckliche Beispiel der Verbindung von Antisemitismus mit der Eisenbahn zeigt.

Mit neuester Technik versehen, wird der Hass tödlich.

Die einst modernen Dampfloks sind inzwischen veraltet, doch der Hass ist geblieben. Nicht die schnellen ICEs haben die Loks von damals abgelöst, sondern das Internet. Und so wie es damals die Dampfloks waren, ist das Internet Segen und Fluch zugleich. Es transportiert zwar nicht direkt in den Tod, aber doch jede Menge Hass, Desinformation und Copy-Paste-Diskussionen, die schlimmstenfalls auch tödlich wirken können. Geschaffen wird dabei ein Klima, das alle Bereiche des Lebens durchdringt und verändert – oft zum Nachteil einer Zivilgesellschaft. Das ist die Klimakrise ziviler Art. Sie zerstört die Grundlage unseres Gemeinwesens; in ihr gedeiht sogar Mordlust gegen friedliche Mitmenschen.

zivilität Maimonides, Goethe und Nietzsche kannten weder ICE noch Internet. Aber als Dichter und Denker, die in der Sprache zu Hause waren, waren sie sich der Nachteile bewusst, die der Zivilität durch Sprache entstehen können. Und sie kannten die Menschen. Der Rambam wusste um die Gesetze der Tora. Sie sind zeitlos, unabhängig von jeder Technik. Daher wird der Umkehrschluss interessant: Wie verhält sich Technik zum Gesetz? Die Konstante dabei ist der Mensch – und das Medium Sprache.

Durch Sprache bindet sich der Mensch an den Mitmenschen. Durch einen Bund wird eine Ordnung gebracht in das Chaos unserer Triebe, Wünsche, Talente und Emotionen – ein Schöpfungsakt. Grundlage für das Gelingen eines jeden Bundes ist das Vertrauen in Worte: »Ich gebe dir mein Wort.«

Das Wort ist das Bindende für einen Bund. Für den Rambam, Goethe und Nietzsche die Garantie einer Zivilgesellschaft; für den Rambam darüber hinaus immer auch an Gesetze gebunden, um diese Garantie abzusichern. Diese einzuhalten, ist nicht nur eine Rückversicherung; es stellt die Voraussetzung dar für Rechtssicherheit und Fortschritt. Bringt dieser Fortschritt neue Medien der Kommunikation hervor, stehen sie eben auch unter dem Gesetz, wenn sie dem Menschen nützlich statt schädlich sein sollen.

prüfstand Als vor über 100 Jahren die Technik der Elektrizität begann, immer mehr unser Leben zu bestimmen, kam sie ebenfalls auf den Prüfstand des Rechts, auch des jüdischen. Nur durch Gesetze kann gezähmt werden, was sonst zum nachteiligen Schöpfungsakt zu werden droht.

Wenn nun »Big Tech« und »Big Data« häufiger vor Gericht stehen, ist dies ein gutes Zeichen. Zu hoffen ist, dass die Richter auch Klassiker wie den Rambam kennenlernen und seine Analysen anwenden, bevor sie richten. Schließlich ist auch jeder Richterspruch ein Wort, ein in die Zukunft weisender Schöpfungsakt.

Und wir, die Nutzer der Sprache, die User der Technik, sind da ebenfalls in der Pflicht, ganz nach dem Wort des Rabbi Tarfon in der Mischna: »Es ist nicht an dir, das Werk zu vollenden – aber du kommst nicht um deinen Anteil daran herum.«

Der Autor ist Rabbiner der Budge-Stiftung in Frankfurt am Main.

Lech Lecha

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