Spiritualität

Auf der Suche nach dem Guten

Der Rambam (1135–1204) gilt als rabbinische Autorität. Foto: cc Yuval Y

Die Menschen kommen nicht immer gut miteinander aus. Wir sind oft müde oder gestresst, und es ist schwierig, gelassen zu bleiben, wenn jemand uns mitten im Berufsverkehr auf der Autobahn schneidet, uns seinen Kaffee über die Hosen gießt oder es zulässt, dass sein Hund sein Revier ausgerechnet auf unserer Fußmatte markiert.

Als klinischer Psychiater, der in Harvard studiert hat und in einer geschlossenen Abteilung an einem Krankenhaus arbeitet, ist es Teil meines Jobs, Menschen dabei zu helfen, das große Ganze zu sehen und die Dinge ins rechte Licht zu rücken.

Ein Großteil meiner Arbeit auf der geschlossenen psychiatrischen Station besteht darin, angemessene Verhaltensweisen für meine Patienten und ihre Angehörigen zu modellieren und zu entwickeln. Von einem Psychiater erwartet jeder, dass er kühl, ruhig und gefasst ist, und die meisten Leute denken, diese Eigenschaften würden sich ganz von selbst einstellen. Völlig falsch!

Burn‐out Vielleicht wären die Leute überrascht zu hören, wie viele Psychiater am Rande des Burn‐outs arbeiten. Es gibt sogar einen Begriff in der psychologischen Umgangssprache – die Gegenübertragung –, der die intensiven Gefühle beschreibt, die Therapeuten und Psychiater in ihrer klinischen Arbeit durchleben. Für mich persönlich besteht das beste Mittel, mit meinen eigenen Reaktionen der Gegenübertragung umzugehen, immer darin, in jedem meiner Patienten das Gute zu sehen, egal wie schwierig sein Fall ist.

Diese Lektion habe ich nicht etwa von Sigmund Freud erhalten oder während meiner Ausbildung in den heiligen Hallen der Harvard Medical School gelernt. In jedem Menschen das Gute zu finden, ist etwas, das ich in der Jeschiwa gelernt und aus den Lehren unserer chassidischen Meister gezogen habe.

Eine schöne Geschichte wird von Rabbi Levi Jizchak von Berditschew seligen Angedenkens erzählt: Einmal sah er einen Juden, der am Schabbat eine Zigarette rauchte, was das jüdische Religionsgesetz verbietet. Rabbi Levi Jizchak ging zu dem Mann und sagte: »Du rauchst wahrscheinlich, weil du nicht weißt, dass Schabbat ist.« Der Mann antwortete, er wisse sehr wohl, was für ein Tag es sei.

Rauchen Darauf Rabbi Levi Jizchak: »Wahrscheinlich weißt du nicht, dass es verboten ist, am Schabbat zu rauchen.« Der Mann erwiderte, er sei sich darüber im Klaren, dass Rauchen am Schabbat verboten ist. Rabbi Levi Jizchak versuchte es wieder: »Du rauchst vermutlich deshalb, weil du glaubst, Rauchen sei gut für die Gesundheit.«

Der Mann sagte ihm, er rauche nicht aus gesundheitlichen Gründen. Rabbi Levi Jizchak blickte auf in den Himmel und rief: »Gott, schau, wie herrlich und ehrlich Deine Menschen sind! Selbst wenn sie eine Sünde begehen, machen sie es nicht schlimmer, indem sie lügen und Ausflüchte suchen!«

Die Mischna ermahnt uns: »Urteile über jeden zu seinen Gunsten« (Pirkej Awot –Sprüche der Väter 1,6). Rebbe Nachman von Bratzlaw seligen Angedenkens schrieb: »Selbst wenn dein Bruder ein durch und durch böser Mensch ist, musst du versuchen, eine einzige Sache in ihm zu finden, die nicht ganz böse ist. Damit wirst du das Gute entdecken und die Fähigkeit, deinen Bruder positiv zu beurteilen« (Likutei Moharan 1,282).

Durch die Suche nach dem Guten in anderen und die Konzentration auf deren positive Eigenschaften können wir einen starken Einfluss auf den Rest des jüdischen Volkes ausüben und Juden dazu inspirieren, bessere Menschen zu werden. Das macht den Kern meiner Arbeit aus – zu versuchen, meinen Mitmenschen dabei zu helfen, ihr volles Potenzial auszuschöpfen.

Mutter Wenn ich bei der Arbeit bin, muss ich oft daran denken, was meine Mutter immer sagte: »Jeder Mensch ist der Sohn oder die Tochter von jemandem und trägt etwas Gutes in sich.« Zu Hause, und wenn wir mit anderen Juden zusammen sind, müssen wir uns immer in Erinnerung rufen, dass jeder Mensch nicht nur der Sohn oder die Tochter eines anderen ist …, sondern dass jeder Mensch mein Bruder oder meine Schwester ist!

Der Talmud (Yoma 9B) sagt, der Heilige Tempel sei wegen Sinat Chinam – sinnloser Hass zwischen Juden – zerstört worden. Wenn das stimmt, dann ist klar, dass die Wiedergutmachung dieser Zerstörung Ahavat Chinam erfordert – Liebe zwischen Juden. Sicherlich gibt es keine bessere Möglichkeit, einander zu lieben, als die Suche nach dem Guten in unseren Mitjuden, und wenn wir das tun, helfen wir ihnen, ihre Persönlichkeit voll zu entwickeln.

Wir müssen für den Wiederaufbau des Tempels nicht nur beten, sondern wir müssen uns direkt an seinem Wiederaufbau beteiligen, indem wir unsere Beziehungen zu anderen Menschen stärken und verbessern.

Übersetzung und Abdruck mit freundlicher Genehmigung von www.aish.com

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