Generationenwechsel

Auf dem Altenteil

Jetzt auch in Rente: Staatspräsident Schimon Peres am letzten Arbeitstag vergangene Woche in seinem Jerusalemer Büro Foto: Reuters

Wird man weiser, wenn man älter wird? Oder nur zynisch und depressiv? Mosche war nie wirklich Großvater – er hat den Kontakt zu seinen beiden Söhnen früh verloren, konnte die Opa-Rolle nie spielen. Aber er ist der Patriarch seines Volkes geworden. Vieles im Leben hat er für sein Volk geopfert – doch wurde ihm dafür kaum Dankbarkeit entgegengebracht.

In diesem Wochenabschnitt steht Mosche buchstäblich vor dem Aus. Nach vier Jahrzehnten muss er in hohem Alter den Platz an der Spitze des Volkes räumen und Abschied nehmen. Rente wird er nicht bekommen, einen Ruhestand in dem Sinne, wie wir ihn heute kennen, wird es nicht geben. Hat Mosche überhaupt etwas erreicht, oder war alles umsonst? Werden seine Pläne und Hoffnungen mit ihm sterben?

In unserem Wochenabschnitt lesen wir, wie Mosche die Chance nutzt, mit einigen Reden die Israeliten daran zu erinnern, was wichtig war und was wirklich passierte. Er erklärt ihnen ihre Geschichte – besser gesagt, die Geschichte ihrer Eltern, denn die meisten aus jener Generation sind bereits gestorben. Es ist wie bei uns: Die wir nach dem Krieg geboren wurden und in einem relativ friedlichen Europa leben, haben keine persönliche Erfahrung mit Angriffskrieg, Besatzung, Deportation und Schoa. Wir mussten nie in den Widerstand und um unsere Existenz kämpfen. Doch was passiert heute? Es kommt verstärkt zu Nationalismus und Rassismus – und alles, wofür die Generation unserer Eltern gekämpft hat, wird ignoriert.

Nachfolger Stellen Sie sich vor, Sie haben jahrzehntelang gearbeitet, sei es in einer Firma, einer Schule, einer Partei, einem Verein oder in einer Gemeinde – und jetzt ist die Zeit gekommen, sich zu verabschieden. Ein Nachfolger steht bereit – nicht ohne Erfahrung, aber immerhin neu im Amt. Bald muss man aus dem täglichen Treiben verschwinden, man wird unwichtig, bedeutungslos. Jetzt hat man die Gelegenheit, eine Abschiedsrede zu halten, Erfahrungen weiterzugeben, zu mahnen und zu kritisieren. Man hat nichts mehr zu verlieren, jetzt kann man endlich sagen, was man von den Kollegen und der Geschäftsführung wirklich denkt. Es wird keinen Einfluss auf die Rente haben – eine Abfindung gibt es sowieso nicht.

Jahrzehntelang hat man also geschuftet, Tag und Nacht, hatte kaum Freizeit, übernahm oft zusätzlich Verantwortung und versuchte, alle Verpflichtungen zu erfüllen. Und jetzt muss man die Kollegen verlassen. Was werden sie tun, wenn man nicht mehr da ist, um zu beraten, zu helfen, zu kontrollieren?

plan
»Dies sind die Worte, die Mosche damals in der Wüste sprach.« So beginnt das fünfte Buch der Tora. Mosche ist noch immer in der Wüste. Das war nicht sein ursprünglicher Plan nach dem Auszug aus Ägypten und der Befreiung aus der Sklaverei, damals, als alles noch voller Hoffnung war. Jetzt ziehen die Israeliten bereits seit 40 Jahren durch die Wüste – und erst in den vergangenen Tagen war es möglich, wieder vorwärtszukommen. Die Völker der Umgebung, vor allem die Moabiter und die Emoriter, machen es den Israeliten schwer.

Mosche ist jetzt 40 Jahre älter als beim Auszug aus Ägypten – zu alt, um weiterzugehen. Er darf weder das lang ersehnte Land betreten, noch wird er dort eine Grabstelle finden.

In einer solchen Situation werden viele Menschen sehr verbittert sein. Auch Mosche hat seine Wutanfälle. Nun ja, man erkennt einen guten Führer nicht an dem, was er tut, wenn er stark ist, sondern wie er reagiert, wenn er schwächer geworden ist und sich auf sein Ende vorbereiten muss. Ist er in der Lage, die Machtübergabe zu organisieren und ordentlich durchzuführen? Gelingt es ihm, als »Emeritus« im Hintergrund zu bleiben? Denken wir an ehemalige Parteivorsitzende, Elder Statesmen und frühere Minister, die nach ihrer Amtszeit ein neues Leben finden müssen, ohne Macht und Einfluss. Das ist nicht einfach.

Tradition Mosche sagte dem Volk Israel alles, was ihm der Ewige aufgetragen hatte: Es solle sich aufmachen und seinen Zug fortsetzen. Die neue Generation wird ihren eigenen Weg gehen müssen. Das war immer so, und das wird so bleiben. Als Vater oder Mutter, als Opa oder Oma kann man mit den Jüngeren reden und ihnen erzählen: von Traditionen, Familiengeschichte, Herkunft, guten und schlechten Zeiten, vom Schicksal und vom Sterben von Verwandten, man kann ihnen die wichtigsten Jahrzeitdaten weitergeben, alte Rezepte, Liebesgeschichten und Tagebücher.

Man kann auch versuchen, die Erbschaft vorher zu regeln, um mögliche Konflikte zu vermeiden. Man kann als alter Mensch natürlich auch weinen, um die Kinder moralisch und emotional unter Druck zu setzen. Am Ende jedoch muss man gehen, und die nächste Generation wird weitermachen – bis auch sie sich irgendwann von ihren Kindern verabschieden muss.

Das 5. Buch Mose endet 34 Kapitel später mit Mosches Tod. Er bekommt sogar von Gott eine Art »Sterbehilfe«, mit einem Kuss. Die Israeliten trauern um ihn: Es gab bisher keinen, der so viel für sie getan hat. Aber – wir lesen: »Die Kinder Israels hörten auf Jehoschua, seinen Nachfolger, und taten, wie der Ewige Mosche befohlen hatte« (34,9). Das heißt, die Geschichte geht weiter, wie sie weitergehen muss. Bis heute.

Der Autor ist Landesrabbiner von Schleswig-Holstein.

Inhalt
Mit dem Wochenabschnitt Dewarim beginnt das fünfte Buch der Tora. Er erzählt vom 40. Jahr, in dem Mosche am Ersten des elften Monats zu den Kindern Israels spricht. Sie stehen kurz vor der Überquerung des Jordans, und Mosche blickt auf die Reise zurück. Er erinnert an die schlechten Nachrichten der Spione und sagt, dass Jehoschua an seine Stelle treten werde. Dann erinnert Mosche an die 40-jährige Wanderung und die Befreiung der ersten Generation aus Ägypten. Seiner Meinung nach gehört das, was die Eltern erlebt haben, zum Schicksal ihrer Kinder. Wozu sich die Vorfahren am Sinai verpflichtet haben, ist auch für die Nachkommen bindend. Es wird bestimmt, mit welchen Völkern sich die Israeliten auseinandersetzen dürfen und mit welchen nicht. Mosches Bitte, das Land Israel doch noch betreten zu dürfen, lehnt Gott ab.
5. Buch Mose 1,1 – 3,22

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