Brauch

Apfel mit Zucker?

Rabbi Josef Chaim aus Bagdad schreibt, dass man an Rosch Haschana Äpfel in Zucker eintauchen oder mit Zucker backen soll. Foto: Getty Images

Brauch

Apfel mit Zucker?

Es muss nicht immer Honig sein. Warum manche sefardischen Juden an Rosch Haschana eine andere Kombination bevorzugen

von Rabbiner Dovid Gernetz  15.09.2023 10:38 Uhr

Obwohl es im Judentum unzählige Bräuche gibt, ist der Brauch, an Rosch Haschana Apfel in Honig zu tauchen, wahrscheinlich der bekannteste jüdische Brauch überhaupt. Die älteste Quelle für den Verzehr von Äpfeln an Rosch Haschana ist der Machsor Vitri (11. Jahrhundert): »Die Juden in Frankreich haben den Brauch, an Rosch Haschana rote Äpfel zu essen.«

Interessanterweise ist in dieser Quelle nur von roten Äpfeln die Rede (vielleicht weil sie süßer sind), während Honig überhaupt nicht erwähnt wird. In Wahrheit jedoch ist der Brauch, Honig an Rosch Haschana zu verwenden, noch älter als der Äpfel-Brauch, und er wurde schon von Rabbi Natronai Gaon praktiziert (Äpfel werden von ihm nicht erwähnt).

Den Brauch, so wie wir ihn kennen, also Äpfel in Honig zu tunken, finden wir erst später im halachischen Werk Arba Turim von Rabbi Jaakow ben Ascher (1269–1343). Er bezeichnet ihn als »Minhag Aschkenas«. Rabbi Jaakow Halevi Molin (1365–1427), die Quelle für viele aschkenasische Bräuche, zitiert diesen ebenfalls.

Unterschiede Rabbi Mosche Isserles (1530–1572) erwähnt diesen Brauch, so wie er von Rabbi Jakov ben Ascher und Rabbi Jakov Levi Molin überliefert wird, in seinem Kommentar zum Schulchan Aruch. Äpfel in Honig essen alle aschkenasischen Juden an Rosch Haschana. Bei sefardischen Juden hingegen gibt es unterschiedliche Bräuche: Während marokkanische Juden ebenfalls Äpfel mit Honig essen, wird in anderen sefardischen Gemeinden Honig an Rosch Haschana aus kabbalistischen Gründen vermieden. Rabbi Josef Chaim aus Bagdad (1835–1909) schreibt, dass man an Rosch Haschana Äpfel in Zucker eintauchen oder mit Zucker backen soll.

Doch warum ausgerechnet Äpfel und Honig? Nachdem Jakow, als Esaw verkleidet, vor Jizchak erschien, um sich von ihm segnen zu lassen, steht in der Tora: »Und er roch an seiner Kleidung und er (Jizchak) segnete ihn, indem er sagte: ›Siehe, der Geruch meines Sohnes ist wie der Geruch der Felder, die Gʼtt gesegnet hat‹«. (1. Buch Mose 27,27). Raschi (1040–1105) zitiert zu diesem Vers den Midrasch, dass Jizchak den Geruch des Gan Eden wahrnahm, und den Talmud, dass sich »Felder« auf Apfelbaumplantagen bezieht. Demnach symbolisieren Äpfel den Garten Eden. Im Talmud steht, dass die Zaddikim (Gerechten) schon an Rosch Haschana ins Buch des Lebens eingeschrieben werden. Laut einigen Gelehrten ist damit der Gan Eden gemeint.

Daher nehmen wir an Rosch Haschana einen Apfel, das Symbol des Gan Eden, als Bitte, so wie die Gerechten gleich ins Buch des Lebens eingeschrieben zu werden. Zudem steht im Talmud, dass das jüdische Volk mit Apfelbäumen verglichen wird, sodass auch Äpfel das jüdische Volk symbolisieren können. . Somit wäre die erste Hälfte des »Apfel-in-Honig-Brauches« geklärt. Während die Gelehrten des Mittelalters für die Symbolik des Apfels an Rosch Haschana sogar tiefsinnige kabbalistische Erklärungen vorschlagen, scheint Honig auf den ersten Blick nur aufgrund seiner Süße verwendet zu werden.

Verwandlung Es hat lange gedauert, bis ich auch für den Kosum von Honig an Rosch Haschana eine »tiefere« Erklärung gefunden habe: Rabbi Ascher ben Jechiel (1250–1327) zitiert in seinen Responsen die Meinung von Rabbi Jona ben Awraham Gerondi (1200–1263), wonach Honig trotz der Überreste von Bienen gegessen werden darf, weil er über die Fähigkeit verfügt, seinen gesamten Inhalt in Honig umzuwandeln. Im Talmud steht, dass Teschuwa (Rückkehr zu Gʼtt) aus Furcht dazu führt, dass dem Menschen die Sünden lediglich verziehen werden. Wenn man aber Teschuwa aus Liebe zu Gʼtt macht, dann verwandeln sich alle Sünden in Mizwot!

So erklärt auch Rabbi Menasche Klein (1924–2011) die Symbolik von Honig an Rosch Haschana. Die Annahme, dass es sich bei der verbotenen Frucht im Garten Eden um einen Apfel handelte, ist zwar im Judentum nicht belegt – im Talmud und Midrasch gibt es eine Meinungsverschiedenheit darüber, welche Frucht es gewesen ist, aber es werden nur Weizen, Trauben, Feigen oder Etrogim (Zitrusfrucht) vorgeschlagen. Doch es könnte sein, dass sich der Brauch in genau der Annahme etablierte, einen Apfel als (irrtümliches) Symbol der Sünde in Honig, das Emblem der Umwandlung und Rückkehr, einzutauchen.

Wenn Sie an Rosch Haschana den Apfel in den Honig tunken, nehmen Sie sich doch eine Minute Zeit, darüber nachzudenken, wofür der Apfel und der Honig stehen und was wir uns für das neue Jahr vornehmen sollten.

Schelach Lecha

Mit der Kraft des Ewigen

Die biblische Erzählung lehrt, dass sich mit Gottvertrauen auch aktuelle Herausforderungen bewältigen lassen

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  12.06.2026

Talmudisches

Spiel des Lebens

Was unsere Weisen über Fußball lehrten

von Avi Frenkel  12.06.2026

Fußball-WM

Darf man einem Kraken glauben?

Was das Judentum über Orakel, Omen und Vorhersagen lehrt

von Rabbiner Dovid Gernetz  11.06.2026

Dresden

Elnet: Initiative soll Neugier auf jüdisches Leben wecken

Die Kampagne ist Teil des Themenjahres »Tacheles. Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026« und wird zunächst sechs Wochen sichtbar sein

 11.06.2026

Interview

»Verbinde dich mit etwas Größerem«

Rabbiner Levi Shmotkin landete mit »Worte fürs Leben« einen Bestseller. Ein Gespräch über die Stärke, sich von Krieg und antisemitischen Bedrohungen nicht lähmen zu lassen

von Detlef David Kauschke  09.06.2026

Beha’alotcha

Macht der Gewohnheit

Die Tora zeigt am Beispiel Aharons, warum die tägliche Pflicht den Menschen wachsen lässt

von Avi Frenkel  05.06.2026

Talmudisches

Geister

Was antike jüdische Überlieferungen über Besucher aus dem Jenseits erzählen

von Rabbinerin Yael Deusel  04.06.2026

München/Jerusalem

Rabbinerkonferenz weist Kritik an deutschen Yad-Vashem-Standorten zurück

Die geplanten Außenstellen von Yad Vashem in Deutschland stoßen auch auf Skepsis. Doch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz warnt davor, die Arbeit der Gedenkstätte zum Gegenstand politischer Abrechnungen zu machen

 31.05.2026

Bonn

»Es ist ein Bruch eingetreten.«

Rabbiner Andreas Nachama betonte, dass Jüdinnen und Juden immer weiter in eine »Defensivposition« gebracht würden. Eine Studientagung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit lotete aus, wie es anders gehen könnte

von Leticia Witte  31.05.2026