Herzensbildung

»Anmut der Seele«

Als Empfänger des göttlichen Wortes ist Mosche der Hauptakteur im Verlauf der Erlösung aus dem ägyptischen Exil. Er tritt als Wortführer gegenüber dem Pharao auf und bringt auf Haschems Anweisung die Plagen über Ägypten. Sein Bruder Aharon scheint lediglich die Aufgabe des Vermittlers im Gespräch mit dem Pharao zu haben. Überraschenderweise aber ist es Aharon, der die ersten drei Plagen auslöst.

Zu den ersten beiden, bei denen der Nil erst in Blut verwandelt und dann mit Fröschen geschlagen wird, erklärt Raschi (2. Buch Moses 17,19), dass dies nicht durch Mosche bewirkt wurde, da die Wasser des Flusses ihn in Sicherheit trugen, als er als Kind auf ihm ausgesetzt wurde. Zur dritten Plage, bei der Läuse aus dem Staub der Erde hervorgebracht wurden, bemerkt Raschi (2. Buch Moses 8,12) wiederum, dass dies nicht durch Mosche geschah, da die Erde ihm einst half, einen erschlagenen Ägypter zu verbergen und ihn so vor der Todesstrafe bewahrte.

Sensibilität Der in Raschis Kommentar zum Ausdruck gebrachte Gedanke liegt dem talmudischen Sprichwort (Baba Kama 92b) »Werfe nicht einen Stein in den Brunnen, von dem du Wasser getrunken hast« zugrunde, und er findet praktische Anwendung in dem Verbot an auf dem Boden liegendem Essen vorüberzugehen, ohne es aufzuheben (Baba Metzia 23a). Es wird hier die Sensibilität gefordert, nichts, was einem persönlichen Nutzen gebracht hat oder sonst für den menschlichen Gebrauch bestimmt ist, herabwürdigend zu behandeln.

In diesem Zusammenhang wirft jedoch der große Denker Rabbiner Eliyahu Elieser Dessler (Michtaw MeEliyahu III, S. 100) die Frage auf, ob die Plagen über Wasser und Staub tatsächlich mit dem achtlosen Werfen eines Steins in einen Brunnen zu vergleichen sind: Man stelle sich einen Brunnen vor, der mit abergläubiger Ehrfurcht behandelt wird. Wäre es unter solchen Umständen nicht gerechtfertigt, einen Stein in den Brunnen zu werfen, um deutlich zu machen, dass dieser nicht göttlich ist, nur weil er wertvolles Trinkwasser enthält? Gäbe es doch für diesen Brunnen keinen dem Menschen dienlicheren Zweck, als dem Menschen eine ethische Lehre zu erteilen.

Rabbiner Dessler zitiert Rabbiner Mosche Chaim Luzatto (Mesilas Yesharim, Kap.1), um dieses grundlegende Konzept jüdischer Weltanschauung zu verdeutlichen: »Die Welt wurde für den Menschen geschaffen, jedoch unter einer wichtigen Voraussetzung. Gerät der Mensch in den Bann der Welt und entfremdet sich von Haschem, so beschädigt er sein eigenes Wesen und die Welt mit sich. Ist er jedoch Haschem verbunden und gebraucht die Welt ausschließlich als Mittel zum Zweck seines Dienstes an Haschem, erhebt er sich und die Welt mit ihm. Tatsächlich widerfährt allem Geschaffenen eine große geistige Erhöhung, wenn es dem vollendeten Menschen als Werkzeug dient, geheiligt mit der Heiligkeit des Allmächtigen, gelobt sei Er.«

Offenbarung Die Plagen zeigten die wahre Quelle und lenkende Kraft der Schöpfung. »So spricht Haschem: ›Damit sollst du wissen, dass Ich Haschem bin‹. Siehe, Ich werde mit dem Stab in meiner Hand das Wasser im Fluss schlagen, und es wird zu Blut werden« (2. Buch Moses 7,17). Staub und Wasser sollten zum Mittel der göttlichen Offenbarung werden, der höchsten Bestimmung aller geschaffenen Dinge. Die körperliche Materie wurde darin keineswegs herabgewürdigt, sondern geistig erhoben.

Rabbiner Dessler weist darauf hin, dass die Beschaffenheit des inneren Wesens des Menschen weniger durch die Schärfe seines Intellekts als die Empfänglichkeit seines Gemüts geprägt wird. »Haschem verlangt das Herz des Menschen« (Sanhedrin 106b), nicht nur seinen Verstand. Die Einfühlsamkeit des Herzens abzustumpfen, mindert die Anmut der Seele. Ein Mensch von tiefwurzelnder Großherzigkeit wird nicht nur Lebewesen, sondern auch einfachen Gegenständen gegenüber Dankbarkeit für von ihnen empfangenen Nutzen empfinden und darauf achten, dass sie nicht zu Schaden kommen. Gewiss bleibt das Instrument menschlicher Entscheidung der Verstand. Jedoch verbindet sich mit jeder Handlung auch die emotionale Erziehung des Menschen, um Haschem das zu geben, wonach Ihm am meisten verlangt – das Herz.

Der Autor ist Mitglied des Edgware Kollel in London.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Waera erzählt, wie die Kinder Israels Mosche und Aharon kein Gehör schenkten, obwohl G’ttes Name ihnen von Mosche offenbart worden war. Mosche verwandelt vor den Augen des Pharao seinen Stab in ein Krokodil und fordert den Herrscher auf, die Kinder Israels ziehen zu lassen. Der Pharao aber bleibt hart, und so kommen die ersten sieben Plagen über Ägypten: Blut, Frösche, Ungeziefer, wilde Tiere, Viehseuche, Aussatz und Hagelschlag. Aber auch danach bleibt der Pharao weiterhin hart und lässt die Kinder Israels nicht gehen.
2. Buch Moses 6,2 – 9,35

Schelach Lecha

Mit der Kraft des Ewigen

Die biblische Erzählung lehrt, dass sich mit Gottvertrauen auch aktuelle Herausforderungen bewältigen lassen

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  12.06.2026

Talmudisches

Spiel des Lebens

Was unsere Weisen über Fußball lehrten

von Avi Frenkel  12.06.2026

Fußball-WM

Darf man einem Kraken glauben?

Was das Judentum über Orakel, Omen und Vorhersagen lehrt

von Rabbiner Dovid Gernetz  11.06.2026

Dresden

Elnet: Initiative soll Neugier auf jüdisches Leben wecken

Die Kampagne ist Teil des Themenjahres »Tacheles. Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026« und wird zunächst sechs Wochen sichtbar sein

 11.06.2026

Interview

»Verbinde dich mit etwas Größerem«

Rabbiner Levi Shmotkin landete mit »Worte fürs Leben« einen Bestseller. Ein Gespräch über die Stärke, sich von Krieg und antisemitischen Bedrohungen nicht lähmen zu lassen

von Detlef David Kauschke  09.06.2026

Beha’alotcha

Macht der Gewohnheit

Die Tora zeigt am Beispiel Aharons, warum die tägliche Pflicht den Menschen wachsen lässt

von Avi Frenkel  05.06.2026

Talmudisches

Geister

Was antike jüdische Überlieferungen über Besucher aus dem Jenseits erzählen

von Rabbinerin Yael Deusel  04.06.2026

München/Jerusalem

Rabbinerkonferenz weist Kritik an deutschen Yad-Vashem-Standorten zurück

Die geplanten Außenstellen von Yad Vashem in Deutschland stoßen auch auf Skepsis. Doch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz warnt davor, die Arbeit der Gedenkstätte zum Gegenstand politischer Abrechnungen zu machen

 31.05.2026

Bonn

»Es ist ein Bruch eingetreten.«

Rabbiner Andreas Nachama betonte, dass Jüdinnen und Juden immer weiter in eine »Defensivposition« gebracht würden. Eine Studientagung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit lotete aus, wie es anders gehen könnte

von Leticia Witte  31.05.2026