Neulich beim Kiddusch

Angst vorm Scheitel

Mit Scheitel und Jeschiwe-Bocher nach Brooklyn? Foto: fotolia

Echt schwierig, auf dieser zugeschwollenen Visage auch noch Make-up aufzubringen, aber es muss sein! Meine Freundin Shira mit dem verheulten Gesicht ist gestern von ihrem Freund abserviert worden, diesem Fiesling. Seitdem hockt sie auf meinem Sofa und flennt ohne Pause. Gestern hat Shira ihre Gefilte Fisch nicht angerührt, aber dafür mein Tischtuch und etliche Servietten nass geheult. Sie muss unbedingt mal raus aus dem Haus und runter vom Sofa. Nachdem ich drei großzügige Lagen Make-up auf Shira verteilt habe, schleppe ich sie zum Kiddusch ins Beit Chabad, die sind ja immer alle so freundlich und verständnisvoll – genau das Setting, das wir jetzt brauchen.

Mag Shira die Chabadnitzas mit ihren traurigen Storys volllabern bis zum Abwinken. Und außerdem kann meine Tochter Emma dort ihre geliebten Madrichot vom Chabad Summer Camp wiedersehen.

liebeskummer Während Shacharit und Mussaf sitzt Shira wie ein mit rosa Rüschen besetzter Trauerkloß auf der hintersten Synagogenbank, plop-plop-plop machen die vom Mascara geschwärzten Tränen, die auf ihren Siddur fallen. Langsam geht mir diese Seifenoper tierisch auf den Keks. »Jetzt reiß dich mal zusammen und dreh den Hahn zu«, zische ich und schüttele Shira an den Schultern. Ich merke, ich muss mal fünf Minuten raus aus diesem Jammertal, mir die Nase pudern – sonst erwürge ich die Frau am Ende noch.

Als ich zurückkomme, hat jemand anderes sich meines Problemfalls angenommen: Links und rechts von Shira sitzen Emmas Madrichot Chaja Muschka und Sara Lea, tätscheln Shiras Hand und reichen ihr im Sekundentakt neue Kleenextücher. Shira hat sich beruhigt und schnüffelt nur noch leise vor sich hin. Dass Chaja Muschka gut mit kreischenden Gören umgehen kann, habe ich schon während des Sommer-Camps bemerkt, aber dass sie auch auf Erwachsene eine so beruhigende Wirkung hat, finde ich erstaunlich. Shira blickt dankbar zu den beiden auf und nimmt sich noch ein Kleenex.

trost Auch beim Kiddusch weichen die beiden Mädels nicht von ihrer Seite: Die eine hält die Kleenex-Box, die andere füttert Shira mit Fischbällchen und erzählt ihr inspirierende Storys vom Lubawitscher Rebben. Als die beiden Shira nach dem Kiddusch noch mit zu einem Farbrengen mit anschließendem Melaveh Malka à la Lubawitsch mitschleppen, schwant mir, dass die Lubas wieder mal ein begeistertes neues Schäfchen gewonnen haben.

Und so verwundert es nicht, dass Shira am folgenden Montag bei Emmas Camp auftaucht, wo sie mit den Madrichot hingebungsvoll Butterbrote schmiert. Weiterhin war ja zu erwarten, dass sie binnen weniger Tage zum fanatischsten Groupie der Chabad-Rebbezin mutiert und in ihr Haus mit den neun Kindern einzieht, dass sie sich schließlich unsterblich in den Cousin von Chaja Muschka verliebt, ihn drei Monate später heiratet und nach Brooklyn zieht. Ihre weitere Verwandlung – Scheitel, Schwangerschaft, Baby – kann ich live auf Facebook mitverfolgen.

chabad-trip Zwischenzeitlich hat sich meine Emma in eine Chaja-Muschka-Kopie verwandelt: Sie liebt bodenlange Röcke, dekoriert ihr Zimmer mit Rebbe-Stickern und Modellen des Beth Hamikdasch aus Alufolie. Sie sammelt eifrig Mizwa-Punkte, luchst mir dauernd Kleingeld für die Zedaka-Box ab und wirft mir vor, ich sei nicht »tznu’a« (züchtig) in meinen Jeans.

Angesichts all dieser Tatsachen denke ich ernsthaft darüber nach, ob ich mich nächstes Jahr noch mal auf diesen Chabad-Trip begeben und Emma wieder ins Sommer-Camp einschreiben soll. Was ist, wenn sie dann auch irgendwann mit Scheitel und Jeschiwe-Bocher nach Brooklyn abwandert? Aber was soll’s, wir leben schließlich im Zeitalter der Billigflieger. Oder vielleicht ziehe ich einfach mit. Emmas Platz im Chabad-Camp jedenfalls ist schon reserviert.

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