Exodus

Angst vor Strafe

Charlton Heston als Mosche (l.) und Yul Brynner als Pharao in dem Monumentalfilm »Die Zehn Gebote« (USA 1956) Foto: dpa

Manche Mitglieder unserer Frankfurter Gemeinde wurden in den Jahren unmittelbar nach der Schoa im Lager für sogenannte Displaced Persons in Föhrenwald geboren und wuchsen dort auf. Das Camp war für viele eine Anlaufstelle. Zerbrochene Menschen und zerbrochene Familien machten hier ihre ersten Schritte in ein neues Leben.

Die Erinnerungen an traumatische Erlebnisse blieben zwar Teil ihres Lebens, doch man war jetzt vor allem mit der Sorge um die Zukunft beschäftigt. Wie geht es weiter? Wo wird das neue Zuhause sein? Manche lernten Hebräisch, viele lernten Tora, man hatte viel Hoffnung und fand allmählich sogar die Lebensfreude wieder.

Bademeister In Föhrenwald gab es ein Badehaus. Wasser zu erwärmen und sich zu säubern, war sehr wichtig für jene Menschen, die dies in den Jahren der Schoa vermisst hatten. Der Bademeister war ein freundlicher Mensch. Wie viele andere lebte er allein und behielt seine Geschichte für sich, genauso wie es auch die anderen mit ihren Geschichten taten. Man sprach nicht gern über die Vergangenheit.

Man wusste sehr wenig über den Bademeister, und keiner fragte. Eines Tages starb er. Der Tod war niemandem fremd, der die Schoa überlebt hatte. Er war jedem auf schrecklichste Weise begegnet.

Jetzt, nach dem Tod des Bademeisters, musste die Tahara durchgeführt, die Leiche rituell gewaschen werden. Der Bademeister lag auf dem Tisch, das Wasser stand da, und auch die Tachrichim, die Totenkleider, lagen bereit. Doch als die Männer der Chewra Kadischa beim Waschen den Arm des Bademeisters hoben, stockte ihnen der Atem: Sie sahen das Zeichen der SS – tätowiert unter die Achsel des vermeintlich freundlichen Mannes.

Midrasch Auch der Pharao, der ägyptische König, war ein böser Mensch. Er versklavte andere, und nicht nur das. Der Befehl, die Kinder zu töten, erwuchs laut dem Midrasch nicht nur aus der Angst, dass es zu viele Hebräer geben werde und sie zu stark würden, sondern es war der unmenschliche Wunsch des Pharaos nach deren Blut.

Doch er war nicht nur den Hebräern gegenüber, sondern auch zu seinem eigenen Volk böse. Seine Berater und das ganze Volk riefen ihn auf, die Hebräer in die Freiheit ziehen zu lassen, doch der Pharao hörte nicht darauf. Trotz der Plagen, die nicht nur den Besitz, sondern auch das Leben in Ägypten zerstörten, ließ er die Hebräer nicht frei, sondern kämpfte weiter gegen G’tt.

Höhepunkt In der letzten Nacht der Israeliten in Ägypten erreicht die Bestrafung der Ägypter ihren Höhepunkt. Die Hebräer streichen das Blut von Lämmern auf ihre Türpfosten. Die Ägypter spüren, dass die kommende Nacht ihr Leben verändern wird. Auch der Pharao spürt es.

Er ruft Mosche und Aharon und bittet sie, gemeinsam mit dem Volk Israel Ägypten zu verlassen. Der Pharao, der wenige Tage später den Israeliten nachjagen wird, um sie zurückzuholen, lässt sie nach langen Jahren vorübergehend frei und erlaubt ihnen, für ein paar Tage in die Wüste zu gehen, um G’tt zu dienen.
Zuerst wollte er nur die Männer gehen lassen, doch jetzt erlaubt er allen Israeliten, auszuziehen und ihren gesamten Besitz mitzunehmen.

In dem Moment, in dem er nicht mehr viel zu verlieren hat, versucht der Pharao, seine Seele zu retten. Der große Verlierer ist jetzt bereit, sich zu ändern. Er ist ein anderer Mensch geworden, den wir so vorher nicht kannten. Aus Angst scheint er plötzlich Anteil zu nehmen an den Menschen, die er bis jetzt versklavte.
»Geht! Und erwirkt auch mir einen Segen!«, bittet er Mosche und Aharon.

Der Kommentator Raschi (1040–1105) fragt, ob der Pharao jetzt etwa Angst hat, dass er als Erstgeborener bei der Zehnten Plage auch sterben wird? Oder hat er, wie Nachmanides, der Ramban (1194–1270), meint, keine Angst davor und wünscht sich nur, dass die Hebräer für ihn und für Ägypten beten? Oder glaubt er vielleicht, wie Rabbiner Jakov Mecklenburg (1785–1865) fragt, dass er den Segen bekommt, weil er die Israeliten freilässt und nun nicht dafür bestraft wird?

Nazis Der Pharao erinnert mich an den Bademeister von Föhrenwald und einige andere Nazis. Auch sie verhielten sich lange Zeit unmenschlich, doch änderten sie sich gegen Kriegsende oder danach – möglicherweise auch nur nach außen hin –, um der Strafe zu entkommen.

Einen Segen hat der Pharao auf jeden Fall bekommen: Er überlebt seine Gefährten. Er stirbt nicht als Erstgeborener und wird auch nicht vom Meer verschlungen wie seine Soldaten.
Laut dem Midrasch wurde der Pharao später König von Ninive, jener Stadt, die G’tt durch den Propheten Jona, wie wir im gleichnamigen Buch lesen, zur Umkehr (Teschuwa) mahnte. Der König hörte den Ruf und rief sein Volk auf, umzukehren, nachdem er selbst die Mächtigkeit G’ttes erlebt hatte.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt/Main und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland.

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