Schabbat

Angst und Bangen

Giovanni Maria Bottala: »Jakobs friedliche Zusammenkunft mit Esau« (1636–1641), Öl auf Leinwand, Musei Capitolini Rom Foto: dpa

An diesem Schabbat lesen wir im Wochenabschnitt über die Begegnung der verfeindeten Brüder Jakow und Esaw (1. Buch Mose 32,4). Nachdem sich Jakow mit seiner Großfamilie vor der drohenden Gewalt seines Schwiegervaters Lawan retten konnte, erfährt er, dass ihm sein nach Rache dürstender Bruder mit 400 bewaffneten Kriegern entgegeneilt. Die Tora beschreibt seine Reaktion mit folgenden Worten: »Da fürchtete sich Jakow sehr, und es war ihm bange« (32,7).

Nach den Kommentaren des Midrasch, der die Meinungen der Schriftgelehrten enthält, war Jakows Furcht in dieser Lage eine doppelte, so wie es die Schrift auch betont: »… er fürchtete sich – und es war ihm bange«. Er fürchtete um sein Leben und darum, dass Esaw womöglich auch seine Familie ausrotten würde. Nicht minder bange wurde ihm jedoch bei der Vorstellung, dass er im Laufe der bewaffneten Auseinandersetzung vielleicht derjenige sein könnte, der seinen Bruder töten muss, um sich zu verteidigen.

Der Midrasch erklärt: Die meisten Menschen, die in den Krieg ziehen, plagt nur die Furcht, dass sie getötet werden und dann ihre Angehörigen nicht wiedersehen. Nur wenige haben auch Angst davor, dass sie selbst im Krieg einen anderen Menschen töten. Jakow fürchtete sich vor beidem gleichermaßen.

Der Midrasch, der Jakow eher nüchtern beurteilt, kennt den Grund für sein Verhalten: Als Riwka, seine Mutter, ihn 20 Jahre zuvor aus Angst vor Esaws Rache zu ihrem Bruder Lawan schickte, begründete sie dies mit den Worten: »Warum soll ich euer beider beraubt werden an einem Tag?« (27,45). Dieser schmerzliche Seufzer der Mutter kann nur so verstanden werden, dass, wenn einer ihrer Söhne tötet oder getötet wird, es unweigerlich den Tod des anderen bedeutet. Jakow hatte Angst davor, dass sich die Sorge seiner Mutter bewahrheiten könnte. Es wäre wünschenswert, dass diese doppelte Angst alle Kriegstreiber packen würde. Vielleicht wären sie dann eher in der Lage, die Waffen zu strecken.

In der Nacht vor dem Zusammentreffen mit Esaw blieb Jakow allein in der Stille der Nacht. »Da rang ein Mann mit ihm« (32,25).

Unsere Weisen deuten diese Episode des Kampfes auf vielerlei Weise, aber sie geben keine eindeutige Antwort darauf, wer dieser geheimnisvolle Mann gewesen sein könnte. Man vermutet, dass es sich vielleicht um einen »Schutzengel« Esaws handelte. Der Rambam, Maimonides (1138–1204), meint jedoch, dass Jakow lediglich eine Vision hatte oder einen inneren Kampf führte. Als die Dämmerung nahte, bat der Mann Jakow, ihn gehen zu lassen. Doch Jakow wollte ihn erst ziehen lassen, wenn er einen Segen erhält. So bekam Jakow einen neuen Namen: Jisrael, was so viel heißt wie »G’ttes Streiter«. Dies wird Jakows zweiter Name und zugleich der Name unseres Volkes.

Als Folge dieses Kampfes hinkte Jakow, denn er war am Hüftgelenk verletzt worden. Die Tora schließt die Beschreibung dieses Kampfes so ab: »Daher essen die Kinder Israels keine Spannader auf dem Gelenk der Hüfte bis auf den heutigen Tag, weil die Spannader an dem Gelenk der Hüfte Jakows angerührt ward« (32,33).

Mythos Die Religionswissenschaftler bezeichnen diese Episode als einen »aitiologischen Mythos«. So schreibt Jörg Rüpke in seinem Aufsatz »Properz: Aitiologische Elegie in Augusteischer Zeit« (2009): »Häufig sind die gründenden Vorgänge in einer besonderen, fernen und in bestimmter Weise abgeschlossenen Vergangenheit angesiedelt. Zugleich aber ist diese Vergangenheit in besonderer Weise auf die Gegenwart bezogen. Gerade im Angesicht bereits diagnostizierter oder erwarteter Traditionsbrüche wird die grundsätzliche Kontinuität der Gegenwart mit der Vergangenheit betont.«

Für unser Volk gilt das Verbot, die Spannader zu essen, aufgrund dieser Erzählung über Jakows Kampf als eine gültige und unabänderliche Halacha.

Das Zusammentreffen der beiden Brüder Jakow und Esaw nahm dann unerwartet eine andere Wende: Als Esaw seinen Bruder Jakow samt Frauen und Kindern erblickte, »lief er ihm entgegen, umarmte ihn, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Und sie weinten« (33,4). So berichtet die Schrift darüber.

Rabbi Schimon bar Jochai, ein Gelehrter aus dem zweiten Jahrhundert n.d.Z., bewertet diese Episode so: Es sei bekannt, meint er, dass Esaw Jakow hasste. Trotzdem konnte er sich seiner erbarmen, ihn aus reinem Herzen küssen und ihm damit verzeihen.

Mir scheint, dass Rabbi Schimon bar Jochai hier ein Beispiel geben wollte: Selbst unter denen, die sich jahrzehntelang hassen, wie Jakow und Esaw, kann der Moment eintreten, in dem sie sich einer anderen Haltung besinnen.

Konsequenzen Die Toragelehrten, die diesen Abschnitt kommentierten, schienen alle nicht nur diese Begegnung der feindlichen Brüder vor Augen zu haben. Sie werteten diese Episode aus der Sicht ihrer Zeit, aber waren darum bemüht, daraus auch Lehren und Konsequenzen für später zu formulieren.

Der Rambam deutete diesen Abschnitt wie folgt: »Hier ist ein weiterer Hinweis für künftige Generationen enthalten: All das, was unserem Vater (Jakow) mit seinem Bruder Esaw passiert ist, wird uns mit den Nachkommen von Esaw geschehen. Es ist angebracht, dass wir am Weg des Gerechten (Jakow) festhalten und uns auf die drei Dinge vorbereiten, auf die er sich vor seinem Treffen mit Esaw am Ufer des Jabbok vorbereitete: auf das Gebet, auf das Geschenk (das er Esaw sandte, um ihn milde zu stimmen) und auf die Rettung und Flucht vor der Gewalt ...«

Diese Worte schrieb der Rambam im zwölften Jahrhundert. Aus heutiger Sicht hat der Philosoph die Umstände der künftigen Jahrhunderte richtig erahnt. Es blieb Juden im christlichen Mittelalter in Europa häufig kaum eine andere Alternative als zu beten, ihre Peiniger durch reichliche, meist erzwungene Gaben milde zu stimmen oder vor der drohenden Vernichtung zu fliehen.

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