Halacha

An Kindes statt

Manche jüdische Eltern, die selbst keine Kinder bekommen können, gehen den Weg der Adoption – auch wenn er nicht einfach ist, Foto: Thinkstock

Halacha

An Kindes statt

Wie Orthodoxie und Reformbewegung mit Adoptionen umgehen

von Rabbiner Adrian Schell  26.08.2013 18:45 Uhr

Eine Familie zu gründen, ist für viele Paare ein Herzensanliegen. Im wahrsten Sinne des Wortes liegt dieser Wunsch uns im Blut, und so sehr wir uns auch über die »jiddische Mamme« amüsieren mögen, ist es doch schön für uns zu wissen, dass wir unsere Traditionen und Werte an die nächste Generation weitergeben können. Nicht zu vergessen, dass es auch ein biblisches Gebot ist, eine Familie zu gründen.

Nun gibt es aber unterschiedliche Gründe, warum für einige der »natürliche« Weg, eigene Kinder zu bekommen, versperrt ist. Die geläufigste Alternative, die in diesen Fällen genannt wird, ist die Adoption eines Kindes. Obwohl es sich bei Adoptionen um ein jahrtausendaltes Rechtsinstitut handelt, ist dieser juristische Begriff für die Halacha erstaunlicherweise recht jung. Das bedeutet jedoch nicht, dass es im Judentum keine Konzepte gab, Kindern, um die sich niemand kümmern konnte, ein Zuhause zu geben und für ihre Zukunft und Erziehung zu sorgen. Im Gegenteil: Während über Jahrhunderte mit Adoptionen vor allem eine Nachfolgeregelung für alleinstehende Paare ohne Erben geschaffen wurde, wurde im Judentum bereits mit der Tora der Fokus zuallererst auf die Kinder gelegt.

Waisen Kinder ohne Eltern galten (wie auch Witwen) als schutzlos. Die Tora gebietet daher dem ganzen Volk Israel, sich um Waisen zu kümmern. Die besondere Stellung wird zusätzlich dadurch unterstrichen, dass Gott selbst als Vater aller Waisen dargestellt wird und dadurch Versorgung und Schutz der Kinder zu einer heiligen Aufgabe erhoben werden. Diese besondere Aufgabe bildete für die Rabbiner aller Generationen die Grundlage, der Fürsorge für auf Hilfe angewiesene Kinder höchste Beachtung zu schenken: »Glücklich sind diejenigen, die jederzeit das Gesetz wahren und zu jeder Zeit Gerechtigkeit üben« (Psalm 106,3).

Doch wie soll es möglich sein, jederzeit das Gesetz zu wahren? Unsere Rabbiner zu Javne legten es so aus – manche sagen es gemäß Rabbi Eliezer: »›Das ist, wer seine kleinen Söhne und Töchter ernähre.‹ Rabbi Schmuel bar Nachmani sagte: ›Das ist, wer großzieht einen Waisen oder eine Waise in seinem Haus und verheiratet‹« (Babylonischer Talmud, Kettubot 50a).

Es scheint ein Widerspruch zu sein, dass dieser Überlieferung zum Trotz die Adoption als Rechtsinstitut keinen Eingang in die Halacha gefunden hat. In der gesamten klassischen Halacha findet sich kein Begriff für Adoptionen. Das, was die Rabbiner in der Aufnahme der Kinder sahen und was sich entsprechend in der Halacha herausgebildet hat, ist am ehesten mit der uns bekannten Pflegschaft oder Vormundschaft von Kindern zu vergleichen.

Erst das Ende der beiden Weltkriege und die Staatsgründung Israels führten eine Änderung herbei. Der Grund hierfür ist vor allem in der nichtjüdischen Umwelt zu sehen, in der Adoptionen zunehmend auch aus altruistischen Gründen, also zum Wohle der Kinder, vorgenommen wurden. Und in der jüdischen Welt wollte man besonders den Schoa-Waisen durch klare Familienverhältnisse eine stabile Umgebung bieten.

Status Jedoch entsteht bei der Übernahme von zivilen Rechtsideen in die Halacha häufig das Problem, dass beide Systeme von ganz unterschiedlichen Prämissen ausgehen. So auch bei der Frage, wie sich Adoptionen in die Halacha integrieren lassen. Nach zivilem Rechtsverständnis bedeutet eine Adoption die Annahme einer minderjährigen Person an Kindes statt – sowie die künstliche Herstellung eines Verwandtschaftsverhältnisses zwischen den neuen Eltern und dem Kind.

Auf der religionsrechtlichen Seite steht dem jedoch das Prinzip entgegen, dass die Abstammung und auch der religionsrechtliche Status eines jüdischen Menschen nicht verändert werden kann. Dies schließt auch die Beziehung zwischen einem Kind und seinen biologischen Eltern ein. Ein Kind bleibt, traditionell-halachisch betrachtet, auch nach einer Adoption das Kind seiner biologischen Eltern, und sein Status ist weiterhin durch den Status seiner biologischen Eltern und die Umstände seiner Geburt determiniert.

Abstammung Das bedeutet konkret, dass der Status eines angenommenen Kindes – je nach seiner Herkunft – nicht mit dem der Adoptiveltern übereinstimmen kann. Entsprechend können Verwirrungen und Irritationen im religiösen Alltag entstehen, oder religionsrechtliche Gebote und Verbote unwissentlich übertreten werden. Dies bezieht sich zunächst auf die »Stammes«-Zugehörigkeit. Gemeint ist damit, welchem traditionellen jüdischen Stamm ein Jude (in Teilen des konservativen Judentums ist auch die Stammeszuschreibung einer Frau von Bedeutung) angehört: Kohen (Priester), Levi oder Israel.

Ist zum Beispiel der Adoptivvater Kohen, aber der Adoptivsohn nicht, könnte die Gemeinde (wenn sie nichts von der Adoption weiß) annehmen, dass der Sohn auch ein Kohen sei, und ihn bitten, religiöse Aufgaben eines Kohen zu übernehmen (wie den Priestersegen zu spenden oder Erstgeborene zu lösen), was der Adoptivsohn aber nicht darf, da er durch die Adoption eben nicht den Priesterstatus seines Adoptivvaters erhält. Ein weiteres Beispiel betrifft die Namensgebung des Kindes. Welchen Nachnamen soll es bekommen, wenn es halachisch betrachtet noch mit den biologischen Eltern verbunden ist, aber andere es großziehen?

band Dadurch, dass der Status ein unzerstörbares Band zwischen den biologischen Eltern und dem Kind darstellt und nicht künstlich zwischen Adoptiveltern und dem Kind angeglichen werden kann, fehlt ein für das orthodoxe Judentum wichtiger Bestandteil in der Beziehung zwischen Eltern und Kind. Auch wenn man in diesem Zusammenhang die Aufnahme von nichtjüdischen Kindern in das Judentum als Änderung des religiösen Status werten würde, schafft diese keine verwandtschaftliche Aufnahme in die Adoptivfamilie, sondern sorgt nur im religionsrechtlichen Kontext für einen klaren Status von nicht jüdisch geborenen Kindern.

Dass orthodoxe Rabbiner vereinzelt die Aufnahme von nichtjüdischen Kindern bevorzugt empfehlen, hat seine Ursache einzig darin, dass bei diesen Kindern keine Zweifel über den Status entstehen können. Jedoch ist die Aufnahme von Kindern in das Judentum nicht so einfach, wie es vereinzelt angenommen wird, und bildet eine der Hürden, die ein jüdisches Paar bei Adoptionen bewältigen muss.

Die fehlende Möglichkeit, innerhalb der orthodoxen Auslegung eine halachisch gültige Verwandtschaft herzustellen, wie es durch die zivilrechtliche Adoption im nichtreligiösen Kontext geschieht, bedeutet auch, dass in diesem Sinne keine Elternschaft etabliert werden kann, die gleichwertig zu einer biologisch entstandenen Elternschaft zu bewerten wäre. Adoptionen sind daher innerhalb weiter Teile der Orthodoxie nur eine erweiterte beziehungsweise moderne Form der im Talmud definierten Pflegschaft.

Pflegeeltern Für adoptierte Kinder gilt, folgt man dieser halachischen Auslegung, dass die biologischen Eltern die einzigen Eltern bleiben und die Adoptiveltern als Pflegeeltern zu verstehen sind, denen zwar hohe Anerkennung zuteil werden soll, aber nicht eine vergleichbare Ehre, wie sie aus dem biblischen Gebot »Kibud Av ve-Em« (Du sollst Vater und Mutter ehren) abgeleitet wird.

Die Auslegungspraxis, dass eine Adoption nach orthodoxer und auch konservativer Auffassung kein echtes verwandtschaftliches Verhältnis zwischen Eltern und Kindern schafft, beantwortet noch eine weitere Frage, die häufig im Zusammenhang mit Adoptionen diskutiert wird: Kann durch Adoptionen auch das biblische Gebot zur Fortpflanzung erfüllt werden? Beide Strömungen positionieren sich in dieser Frage sehr eindeutig auf der Seite der Ablehnung. Die Gebotserfüllung kann nur durch »natürliche« Weise erfolgen. Wenn also ein Paar ein Kind auf natürlichem Weg zeugen kann, dann kann es das Gebot nicht alternativ durch eine Adoption erfüllen. Können die Eltern auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen, sind sie von der Gebotserfüllung befreit. Es besteht weder eine Pflicht zur medizinischen Behandlung noch zur Adoption.

giur Nach progressiv-jüdischer Auffassung hingegen ist ein adoptiertes Kind das Kind seiner Adoptiveltern. Die Adoptiveltern treten an die Stelle der biologischen Eltern und gelten in jeder Hinsicht als seine einzigen Eltern. Da Stammeszuschreibungen und die »Mamserut« (»illegitime« Kinder) im progressiven Judentum abgeschafft wurden, haben sie auch keine Relevanz bei der Schaffung von Familien durch Adoptionen. Dem widerspricht nicht, dass selbstverständlich auch die progressiven Rabbiner einen Giur, einen Übertritt zum Judentum, des nichtjüdischen Kindes fordern. Nicht nur für die Statusklärung, sondern vor allem, um dem zivilen Rechtsakt eine jüdische Dimension zu geben und die Familie auch in spiritueller Weise zu verbinden.

Die progressive Bewegung räumt der Familiengründung durch Adoption den gleichen Stellenwert ein wie der Gründung durch Zeugung von eigenen Kindern – mit der direkten Konsequenz, dass damit auch die Mizwa zur Fortpflanzung durch Adoptionen erfüllt werden kann. Dieses eindeutige Bekenntnis verlangt dementsprechend auch, dass ein adoptiertes Kind neben den Rechten auch die gleichen Pflichten erhält: von der Erbschaft und Namensgebung bis zur Ehre der Eltern.

Allen Strömungen ist jedoch gemeinsam, dass sie Adoption als Realität bei der Gründung von Familien anerkannt haben und mit den Eltern versuchen, eine Lösung für die halachischen Herausforderungen zu finden. Letztendlich geht es für alle in erster Linie um das Wohl der Kinder – eine heilige Aufgabe für ganz Israel.

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