Emojis

Am Anfang war der Bagel

Eine offene Torarolle mit den ersten Worten aus der Paraschat Bereschit (1. Buch Mose) hat das Rennen beim Wettbewerb für das beste Tora-Emoji gemacht.

Am Anfang war der Bagel. Als im vergangenen Jahr das Unicode-Konsortium in Kalifornien beschloss, ein Emoji mit diesem Backwerk zu entwerfen, gab es vor allem in der jüdischen Welt erst einmal viel Beifall für diesen Schritt.

Doch dann hagelte es Kritik, weil das von Apple entworfene Piktogramm nach Ansicht vieler User zu trocken und trist aussehend daherkam. Nach einer Kampagne in den sozialen Medien wurde aus dem #SadBagel, wie er auch genannt wurde, dank der optischen Anreicherung mit leckerem Frischkäse und ein wenig mehr Farbe schließlich der #HappyBagel.

Aus dem Piktogramm #SadBagel wurde nach einer Kampagne der #HappyBagel.

Zugleich erhielt eine alte Diskussion damit neuen Auftrieb. Warum nicht direkt eine ganze Serie von Emojis kreieren, die alle eindeutig jüdische Bezüge haben?

Flagge »Zwar gibt es mit der Synagoge, dem Magen David und der Menora erfreulicherweise schon drei jüdische Piktogramme«, sagt Gady Gronich, Generalsekretär der Konferenz Europäischer Rabbiner (CER). Auch die Flagge Israels kann man seinen Textnachrichten hinzufügen. »Aber das alles sind eher statische Symbole.«

Gronich und den Rabbinern schweben andere Motive vor: ein Emoji mit Kippa, eines mit einer Kopfbedeckung für jüdische Frauen und ein Tora-Symbol. Kurzum, es geht um die Sichtbarkeit von Juden in den sozialen Medien.

»Mit unseren zusätzlichen Vorschlägen möchten wir ausdrücken, dass das Judentum lebt und Menschen dahinterstehen, die ihren Glauben wie andere auch praktizieren und Teil dieser unglaublichen Vielfalt auf der Welt sind«, meint Gronich.

Unicode-Konsortium Also wandte er sich mit seinem Anliegen an das Unicode-Konsortium. Denn das ist genau die Instanz, die darüber entscheidet, welche Emojis in Betriebssystemen wie Android, iOS oder Windows letztendlich zu finden sind.

Angefangen von Apple über Google, Microsoft bis SAP ist das gesamte Who’s who der Hightechbranche in dem 1991 gegründeten Unicode-Konsortium vertreten, um zu verhindern, dass in der digitalen Welt das Chaos ausbricht – sonst hätte jedes Unternehmen seine eigenen Standards, und eine systemüberschreitende Kommunikation wäre so gut wie unmöglich.

Rund 136.000 Zeichen hat das Gremium mittlerweile schon digitalisiert und normiert, selbst um so exotische Alphabete wie das Alt-Uigurische oder das der Rohingya in Myanmar kümmert man sich dort. Und natürlich um die Emojis.

Etwa 2600 gibt es davon aktuell. Und jedes Jahr kommen neue hinzu. Mit dem vom Unicode-Konsortium im Februar veröffentlichten Emoji 12.0 gingen gleich 230 weitere an den Start. Auf Emojipedia.org kann man nachlesen, welche genau.

Bei 59 davon handelt es sich um Neukreationen rund um die Themen Nahrungsmittel oder Tiere, 75 betreffen Abweichungen des Geschlechts, die anderen rücken Menschen mit körperlichen Einschränkungen stärker in den Vordergrund und zeigen beispielsweise Personen im Rollstuhl oder mit einer Gehhilfe.

Es gibt bereits Emojis mit dem muslimischen Hidschab, dem Kreuz oder dem Rosenkranz.

Auf diese Weise will man den 2015 eingeschlagenen Weg fortsetzen, durch unterschiedliche Hautfarben, mehr Geschlechter und Haarfarben der Diversität von Menschen gerechter zu werden.

Patenschaften Auch kann man Patenschaften für ein Emoji übernehmen, um es zu pushen. Die Preise dafür beginnen bei 100 Dollar und hören bei 5000 Dollar auf. Das Geld soll sozialen Hilfsorganisa-tionen zugutekommen.

Die Rabbiner verweisen in ihrem Schreiben an das Unicode-Konsortium darauf, dass es aktuell auch Emojis mit einem von muslimischen Frauen getragenen Hidschab gibt oder einen Mann mit typisch arabischer Kopfbedeckung.

Piktogramme mit Kippa oder Scheitel wären nur konsequent. »Auf diesem Weg wird die jüdische Religion auch ein Teil des täglichen Austauschs unter Nutzern«, schrieben sie nach Kalifornien. Und Gronich ergänzt: »Antisemitismus und Rassismus sind derzeit wieder auf dem Vormarsch – vor allem im Netz.«

Deshalb wolle man »mit den zusätzlichen Emojis ein neues Bewusstsein dafür schaffen, dass das Judentum wie die anderen Religionen auch Teil unserer Gesellschaft ist. Die Piktogramme stehen also ebenso für Pluralismus, Religionsfreiheit und Toleranz«.

Stereotype Doch nicht jeder ist von solchen Konzepten begeistert. Als beispielsweise 2017 bekannt wurde, dass es bald ein Hidschab-Emoji geben wird, sagte der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch im Deutschlandfunk, dass das Kopftuch als Referenz für muslimische Frauen womöglich Stereotype verfestigt, die nur die Lebenswirklichkeit einer Minderheit von ihnen wiedergibt, da die Mehrheit der Musliminnen eben kein Kopftuch trägt.

Statt Verbindlichkeit und Komplexität könnten so auch Oberflächlichkeiten und Missverständnisse produziert werden. Vielfalt würde durch die Emojis zwar abgebildet werden, aber sie selbst trügen sicherlich nicht zu ihr bei, so seine Kritik.

Zudem ist es keine leichte Sache, ein Emoji zu designen. Genau das stellt gerade auch »Sefaria«, die jüdische Online-Bibliothek, fest. Dort hatte man kürzlich dazu aufgerufen, über ein Tora-Emoji abzustimmen.

Schon im Vorfeld ergaben sich dabei unzählige Fragen: Sollte es eine offene oder eine geschlossene Torarolle sein? Was wäre geeigneter, eine im aschkenasischen Stil oder eher doch eine sefardische Variante?

»Die Tora ist ein Objekt, das unverwechselbar ist«, betonte Rory Kress, zuständig für das Marketing bei Sefaria, in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur Jewish Telegraphic Agency (JTA). Zugleich wollte man aber etwas typisch Jüdisches entwerfen und dabei »viel Spaß haben«.
Auch Kress ging es bei dem Wettbewerb für das beste Tora-Emoji um die Sichtbarkeit des Jüdischen. »Wir sind doch das Volk des Buches, warum also kein Buch als Piktogramm, das uns repräsentiert?«

Sieger beim Wettbewerb von »Sefaria« ist eine Torarolle mit den ersten Worten aus Bereschit.

Am 7. Juni, pünktlich zu Schawuot, wurde der Sieger bekannt gegeben: Eine offene Torarolle mit den ersten Worten aus der Paraschat Bereschit (1. Buch Mose) hatte das Rennen gemacht. Unabhängig davon stellte man die vier besten Entwürfe schon einmal als GIF-Dateien online als Download zur freien Verfügung.

Kanon Nun liegt der Ball beim Unicode-Konsortium. Dort wird darüber entschieden, ob das von Sefaria eingereichte Emoji mit in den Kanon aufgenommen wird. Solche Prozesse können dauern, weshalb mit einer Entscheidung wohl erst im kommenden Jahr zu rechnen ist.

Dann würde sich die Torarolle in die Reihe bereits existierender Emojis mit einem religiösen Bezug wie zum Beispiel dem Rosenkranz oder dem Kreuz dazugesellen. Doch erst einmal ist etwas Geduld gefragt.

Lech Lecha

Zu weit gegangen

Gott wollte, dass die Ägypter die Israeliten unterdrücken – doch weil sie übertrieben, bestrafte er sie

von Mendel Itkin  08.11.2019

Talmudisches

Später Lohn

Von einem Zaddik aus Galiläa und dem Urteil über andere

von Noemi Berger  08.11.2019

Diskussion

»Jesus ist nicht katholisch geworden«

Bei der ersten gemeinsamen Fachtagung der Deutschen Bischofskonferenz und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland ging es um Grundsätzliches

von Jérôme Lombard  07.11.2019

Training

Rhetorik für den Rabbi

Die Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden in Deutschland gibt orthodoxen Rabbinern Tipps für Reden und Interviews

von Eugen El  07.11.2019

Dialog

»Gemeinsamkeit statt Abgrenzung«

Der Frankfurter Rabbiner Julian-Chaim Soussan über eine Tagung von orthodoxen Rabbinern und katholischen Bischöfen

von Ayala Goldmann  07.11.2019

9. November

Wo überall neue Synagogen entstehen

Rund 80 Jahre nach den Pogromen gibt es bundesweit mehr als 100 Synagogen – Tendenz steigend, vor allem im Osten

von Nina Schmedding  06.11.2019