Schawuot

Als der Berg ergrünte

Die Gabe der Tora am Sinai war in ihrem Umfang und in ihrer Intensität einzigartig. Foto: Getty Images

Und das ganze Volk sah die Gewitterstimmen und die Blitze und den Schall des Schofars und den von Rauch bedeckten Berg. Und da das Volk dessen gewahr wurde, zitterte es und hielt sich fern» (2. Buch Mose 20,15).
Wenn man der biblischen Beschreibung des Mattan Tora, der Gabe der Tora, und der Gebote, derer wir zu Schawuot gedenken, folgt, gewinnt man zunächst den Eindruck, dass dieses der Tradition nach wichtigste Ereignis der jüdischen Geschichte ein Moment tiefster Ehrfurcht, ja sogar der existenziellen Furcht war.

«Gott möge aufhören, mit uns zu sprechen, auf dass wir nicht sterben» (20,16) – so fasst das Volk seine dortigen Erlebnisse im Nachhinein zusammen. Die Bücher des Tanach, der Hebräischen Bibel, erwähnen mehrmals – oft poetisch –, wie erhaben die göttliche Dimension ist, sodass die materielle Welt (in der Mensch und Tier sich aufhalten) zerspringen müsse, wenn beide miteinander in Berührung kommt (Psalm 104,32).

FEUERSÄULE Umso furchteinflößender und den Menschen – aus «Staub und Asche» – unzuträglich sollte es also sein, wenn der Herrscher der Welt Seine Präsenz durch eine Feuersäule in der Wüste offenbart, die flammende Gebotsworte wirft.

Überraschend ist es daher zunächst, dass die rabbinischen Weisen der Antike zuweilen einen anderen Aspekt des Aufenthalts am Berg Sinai in den Vordergrund gerückt haben: «›Und das ganze Volk sah.‹ Daraus kannst du entnehmen, dass niemand blind war. ›Und das ganze Volk antwortete.‹ Daraus, dass niemand stumm war. ›Aus dem Himmel ließ Er dich Seine Stimme hören.‹ Daraus, dass niemand taub war. ›Ihr steht heute alle.‹ Daraus, dass niemand gehbehindert war.

Laut einem Midrasch war die Präsenz des Ewigen am Berg eine Heilung für alle Krankheiten.

Und woraus kannst du entnehmen, dass auch niemand Kopf- oder Zahnschmerzen hatte? Denn es heißt: ›Und niemand strauchelte unter Seinen Stämmen‹» (Bamidbar Rabba 7,1; Jalkut Schim’oni 300,1).
Wie manche Varianten dieses Midraschs weiter ausführen, war es die Präsenz des Ewigen am Berg, die heilend auf alle Krankheiten, «Behinderungen» und sonstige Einschränkungen der Juden wirkte.

Diese Ansicht geht einher mit anderen Aussagen der Tora und der Überlieferung, wonach der Berg Sinai unter der göttlichen Gegenwart ergrünte, sodass er die Tiere zum Grasen animierte, dass verschiedene Wasserströme in der Umgebung des Berges wunderlich aus Felsen entsprangen, um das Lager zu tränken, und dass sich das Volk während der Wüstenwanderung von Himmelsbrot ernährte.

PARADIES Wenn man diese Traditionsstränge mit einbezieht, dann ergibt sich also ein leicht anderes Bild des Sinai-Erlebnisses. Zwar war es feurig, gar lebensbedrohlich, doch erwirkte es zugleich auch umfassende Genesung und nahezu paradiesische Zustände. Wie kann man das zusammenbringen?

Einem auf der schriftlichen Tora basierenden (5. Buch Mose 4,24) rabbinischen Ausdruck folgend, sind die göttliche Sphäre und die aus ihr entspringenden Worte der Weisung mit Feuer vergleichbar. Ist man diesem zu nahe, verbrennt man. Ist man aber zu fern, erfriert man. Die konzentrierte Göttlichkeit am Sinai war demnach wärmend und paradiesisch, sofern man ihr nicht allzu nah kam, doch vernichtend, so man unwürdig in ihre inneren Zirkel trat.

Die Offenbarung am Sinai, der Überlieferung nach einmalig in ihrem Umfang und ihrer Intensität, gehört der Vergangenheit an. Was bleibt den Nachgeborenen davon? Die talmudischen Weisen würden wohl sagen, dass die Tora, die Texte der jüdischen Tradition, die damals ihren Anfang nahmen, uns noch immer begleiten und nach wie vor ein kleines Sinai-Erlebnis ausmachen.

Der Tikkun Leil Schawuot, die Lernnacht, soll ähnliche Wirkung haben wie die Offenbarung.

Aus diesem Grund habe das Studium der Tora – dem wir das ganze Jahr über Tag für Tag nachgehen sollen, das aber in der Nacht von Schawuot, dem Fest zum Andenken an die Gabe der Tora, seinen Höhepunkt findet – auch eine ähnlich heilende Wirkung wie die damalige Offenbarung in der Wüste.

So lesen wir im Talmud (Eruwin 54a): «Rabbi Jehoschua ben Levi sprach: ›Wer Kopfschmerzen hat, beschäftige sich mit der Tora. Wer Halsschmerzen hat, beschäftige sich mit der Tora. Wer Bauschmerzen hat, beschäftige sich mit der Tora. Wer Knochenschmerzen hat, beschäftige sich mit der Tora. Wer irgendwelche körperlichen Schmerzen hat, beschäftige sich mit der Tora.‹ Denn es heißt: ›Und seinem ganzen Fleisch ist sie Heilung‹» (Sprüche 4,22).

FINGERZEIG Zwar bekennen die Weisen, dass Krankheiten auch eine physische Ursache haben und daher zur Heilung die Expertise von Ärzten nötig ist (Berachot 60a), doch sehen sie in physischen Krankheiten, von der Vorsehung gelenkt, durchaus auch immer einen himmlischen Fingerzeig.

Krankheiten und Not können zu einer neuen Innerlichkeit aufrufen, zu einer Rückbesinnung auf die Werte des Lebens, der Moral und der Gebote und dazu führen, dass man nach einem immer heiligeren Lebenswandel strebt. Oder in den Worten der talmudischen Gelehrten: «Sieht ein Mensch, dass ihn Leid befällt, untersuche er sein Betragen. Hat er es untersucht und nichts Verwerfliches gefunden, erkläre er das Leid dadurch, dass er nicht genug Tora gelernt hat» (Berachot 5a). Möge uns das anstehende Schawuotfest helfen, aus der physischen Innerlichkeit auch eine erneuerte geistige Innerlichkeit zu gewinnen.

Der Autor ist Rabbiner und lebt in Berlin.

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