Vorbestimmt

Alles nur zum Besten

»Hineni – Hier bin ich«: bereit zu empfangen, was auch immer die g’ttliche Fügung vorgesehen hat. Foto: Fotolia, (M) Marco Limberg

Vorbestimmt

Alles nur zum Besten

Jakow zeigt, wie man mit Schicksalsschlägen umgeht

von Rabbiner Jaron Engelmayer  28.11.2011 16:13 Uhr

Manche Menschen müssen zwei Mal beim Namen gerufen werden, weil sie entweder nicht gut hören können oder nicht gut hören wollen. Wenn es jedoch G’tt ist, der einen Menschen zwei Mal beim Namen ruft, dann wird diese Erklärung wohl kaum ausreichen.

Vier Mal geschieht es im Tanach, dass G’tt eine Person zwei Mal hintereinander beim Namen ruft: Awraham, als der Ewige ihn durch einen Engel von der Opferung seines Sohnes Jitzchak abhält (1. Buch Moses 22,1); Jakow, als er sich auf den Weg nach Ägypten macht, um seinen geliebten und über 20 Jahre tot geglaubten Sohn Josef wiederzusehen (1. Buch Moses 46,2); Mosche am brennenden Dornbusch, als G’tt zum ersten Mal mit ihm spricht (2. Buch Moses 3,4), und Schmuel, als G’tt ihn zum ersten Mal im Haus des Hohepriesters Eli ruft (1. Samuel 3,10).

Jeder dieser Gerufenen symbolisiert einen anderen Grundstein des jüdischen Volkes: Awraham ist Symbol für gute Eigenschaften, insbesondere für menschliche Güte. Mosche steht für die Tora, die er dem jüdischen Volk überbrachte. Und Schmuel symbolisiert das Königtum, da er die beiden ersten Könige Schaul und David in G’ttes Auftrag salbte. Doch wofür steht Jakow? Und warum wurden diese Männer zwei Mal bei ihrem Namen gerufen?

Kompliziert Unsere Wochenabschnitte zeichnen Jakows Leben als eines voller Komplikationen, von Anfang an bis zu seinem Ende. Schon im Mutterleib stieß er sich mit seinem Zwillingsbruder Esaw, an dessen Ferse er sich bei der Geburt festhielt und mit dem er sich während seiner ganzen Jugendjahre immer wieder messen musste. Dann wurde er von seiner Mutter gedrängt, sich den Segen des Vaters zu erschleichen. Gleich darauf folgt die Flucht vor dem Zorn seines um den Segen gebrachten Bruders zu Onkel Lawan in die Fremde.

Das Zusammenleben mit diesem Betrüger erweist sich nicht nur als schwierig und erschöpfend, sondern auch als gefährlich: Jakow flieht zurück ins Vaterland und begegnet nach mehr als 20 Jahren seinem immer noch hasserfüllten Bruder Esaw. Kaum ist Jakow wohlbehalten zurück im Land, stirbt seine geliebte Frau Rachel. Später wird seine Tochter Dinah von Schechem geraubt. Dann kommt es zu Streitereien unter seinen Söhnen, die den Lieblingssohn Josef verkaufen. Jakow hält ihn für tot.

Als der Totgeglaubte nach vielen Jahren überraschend als Herrscher Ägyptens auftaucht, siedelt Jakow über zu ihm ins Exil. Dort verbringt er sein Lebensende. »Wenig und schlecht waren meine Jahre«, sagt er zum Pharao (1. Buch Moses 47,9). Dieser Lebenslauf steht in starkem Gegensatz zu jenen der beiden anderen Vorväter Awraham und Jitzchak, die viel Erfolg hatten und über weite Abschnitte Glück und Ruhe fanden.

Jakow wurde von unzähligen Schicksalsschlägen getroffen. Flucht und Sorgen waren sein Leben. Er symbolisiert die Galut, das Exil. Es charakterisierte das jüdische Volk während zwei Jahrtausenden, bestimmte die längste Epoche seiner Existenz und drückte ihm damit seinen Stempel auf. Zu den Charakteristika des Exils gehören: Unglück, Verfolgung und Vertreibung. Jakow wies den Weg, wie man damit umgehen soll: Nicht im Traum leben, aber auch nicht vor der Wirklichkeit verzagen und aufgeben, sondern sich mit den Schicksalsschlägen messen und versuchen, sie zu überwinden und Lehren daraus zu ziehen.

Jakows Antwort auf G’ttes Ruf charakterisiert sein ununterbrochenes und unbegrenztes Vertrauen in den Ewigen: »Hineni!« – »Hier bin ich!« Er ist bereit zu emp- fangen, was auch immer die g’ttliche Fügung ihm gebietet und für ihn vorgesehen hat! Jakow haderte wegen seines schweren Lebens nicht mit G’tt. Er vertraute darauf, dass Seine Bestimmung schließlich nur zum Guten ist.

In-sich-gehen Sinn und Hintergrund der Anrufung der oben genannten Personen durch G’tt werden in der Ausführung von Rav Avraham Jizchak Kook deutlich: »Wenn G’tt einen Menschen beim Namen ruft, so prägt dieser Ruf die ›Eigenart‹, das ›wahre Ich‹ des Menschen. Alle seine Wünsche, sein ganzer Wille, sein gesamtes Streben, die mit seiner Persönlichkeit verbunden sind, offenbaren sich in ihrer vollen Kraft und Größe in diesem Ruf (...) Mit der Antwort: ›Hier bin ich!‹, konzentriert der Gerufene sich vollständig darauf, das zu sein, was er in seinem eigentlichen individuellen Wesen ist.

Dadurch geht er in sich, in sein wirkliches Ich, auf den heiligen Höhepunkt seines Bestrebens. Dieses ›In-sich-Gehen‹ ist eindringlich und tiefschürfend. Es konzentriert das ganze Leben in diesem individuellen Wesen, wie es keine natürliche Kraft zustande bringt, tief in das Innere seiner Seele eindringend, sodass alle erhobenen Gefühle, die in der Natur des Menschen verborgen sind, spür- und fühlbar werden« (Siddur Olat Re’aja, Erläuterung der Akeda).

Die Frage nach der doppelten Anrufung beantwortet auch der Midrasch Sifra (Anfang des 3. Buches Moses): »Es ist Ausdruck der Zuneigung und der Antreibung zur Eile. (...) Er war ›Mosche‹ bis zum Zeitpunkt, da G’tt mit ihm sprach, und er blieb ›Mosche‹ vom Zeitpunkt an, da G’tt mit ihm sprach«.

Die g’ttliche Erscheinung, die diesen Personen zuteil wurde, machte sie zu anderen Menschen, engelsgleich, wie es über Mosche in der Tora heißt: ein »Mann G’ttes« (5. Buch Moses 33,1). Maimonides führt dazu aus: »Sein Verstand verband sich mit G’tt, die Pracht entfernte sich nicht mehr von ihm. Die Haut seines Gesichts strahlte, er war geheiligt wie die Engel« (Jesode HaTora 7,6).

Und trotzdem: »Mosche« blieb »Mosche«, derselbe Mosche, der er vor dem g’ttlichen Ruf war – ohne sich über andere zu erheben und sich als anderen Menschen zu betrachten. Dies zeugt von Mosches großer Bescheidenheit. Dasselbe gilt für jeden dieser doppelt Angerufenen: Ihr g’ttlicher Auftrag war ihre Identität. Mit ihm waren sie bis in ihr Innerstes verbunden, wie vor dem Anruf G’ttes, so auch danach: »Hineni« – »Dies bin ich!«

Der Autor ist Rabbiner der Synagogen-Gemeinde Köln.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Wajeze erzählt von einem Traum Jakows. Darin sieht er eine Leiter, auf der Engel hinauf- und hinuntersteigen. In diesem Traum segnet der Ewige Jakow. Nachdem er erwacht ist, nennt Jakow den Ort Beit-El. Um Rachel zu heiraten, muss er sieben Jahre für ihren Vater Lawan arbeiten. Doch der führt Jakow hinters Licht und gibt ihm Rachels Schwester Lea zur Frau. So muss Jakow weitere sieben Jahre arbeiten, bis er endlich Rachel bekommt und als reicher Mann seinen Schwiegervater Lawan verlässt.
1. Buch Moses 28,10 – 32,2

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