Schicksal

Alles nach Plan?

Aufgedampft und fest verlötet: Funktionieren das Leben und die Geschichte der Menschheit wie eine Leiterplatte? Foto: imago

Es gibt auf unserer Welt Optimisten und Pessimisten. Die Optimisten glauben, alles habe seinen Platz, und es gebe einen Plan. Wenn wir diesen Plan verstehen könnten, wäre unser Leben besser. Die Pessimisten hingegen sehen dies anders: Sie sagen, alles sei nur Zufall.

Hat Gott einen Plan? Josef denkt: Ja. Interessanterweise ist er ein tiefgläubiger Mann, auch wenn wir nicht davon lesen, dass er Gott begegnet sei – wie sein Vater Jakow, sein Urgroßvater Awraham oder wie Mosche, sein zukünftiger Nachfolger. Schon als Jugendlicher fühlte Josef sich irgendwie erhaben und besonders geschützt (1. Buch Moses 37, 5-11). Wenn er die Träume anderer interpretiert, weist er immer darauf hin, das dies Gottes Plan sei. Zu seinen Mitgefangenen sagt er nicht: »Ihr habt die Wahl, ihr könnt euer Schicksal ändern«, sondern »Es steht alles fest. Du wirst zurück in Amt und Würde gesetzt, während du hingerichtet wirst«. Und so kam es dann auch.

Zum Pharao sagt Josef sinngemäß: »Sie sind der Pharao, aber Sie können nicht über Ihr Land bestimmen. Sie können nur planen, wie wir alle damit umgehen, wenn Gott seinen Plan durchsetzt.« Warum Gott dies tun will, kann Josef nicht erklären, aber dass Gott es geplant hat, davon ist er überzeugt.

Und jetzt, mehrere Jahre später, erscheinen seine gehassten Brüder plötzlich vor ihm, weil sie dringend Lebensmittel brauchen. Er hilft ihnen und sagt sinngemäß: Zur Erhaltung eures Lebens hat mich Gott vor euch hergesandt. Er war es, der mich hierher geschickt hat, nicht ihr – ihr Bösen, die mich verkaufen oder töten wollten (45, 5,8)! Die Brüder sagen nichts dazu.

Glaube Woher hat Josef seinen Glauben an den Gott Awrahams? Was hat er mit Ihm erlebt? Warum reden wir in unserer Liturgie immer von den drei, statt von vier Patriarchen? Josef war noch jung, als seine Mutter starb. Sein Vater blieb lange in Trauer, und sein jüngerer Bruder Benjamin hat viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Josefs Tante und Stiefmutter Lea war möglicherweise ganz froh, als ihre Schwester und Konkurrentin starb. Sie wird wohl nicht sehr liebevoll gewesen sein zu den beiden Söhnen Rachels.

Und Leas Söhne, Josefs Halbbrüder haben ihn nie völlig akzeptiert. Wieso sollte er, nach all dem, was ihm passiert ist – Verachtung, Verkauf, Versklavung, Verhör, Verhaftung, Verzweiflung – an einen Gott glauben? Glaubt er noch an den Bund, den Gott mit Awraham schloss, mit Jitzchak und mit seinem Vater Jakow? Und vielleicht auch mit ihm selbst? Viele Nachkommen hat er nicht, und anscheinend wird das Land auch jahrelang, wenn nicht Generationen lang, verloren gehen.

Leid Hat Gott einen Plan? Warum sagt Er zu Awraham, seine Nachkommen sollen 400 Jahre lang Fremden dienen (1. Buch Moses 15,13)? Und warum muss Gott im 2. Buch Moses 2,24 daran erinnert werden? Ist es von vornherein geplant, dass Gott einen Mosche suchen wird? Wenn ja, ist es Teil des Plans, dass Mosche unter diesen Umständen geboren, adoptiert und so erzogen werden muss – zusammen mit allen Ängsten und Schmerzen für seine Eltern, die keine Ahnung haben können, dass ihr Sohn eines Tages sein Volk retten wird? Eine andere Frage: Warum lässt Gott Jakow jahrzehntelang um Josef trauern und sagt ihm nicht im Traum: »Keine Sorge, du wirst deinen Sohn wiedersehen.« Das wäre ein wichtiger Trost für ihn gewesen und hätte ihm viel Trauer erspart.

Das Konzept von »Gottes Plan« erlaubt keinen Platz für den freien Willen und auch nicht für Änderungen. Wenn es heißt, Gott habe schon alles im Blick, wird es fast unwichtig, was wir Menschen dann noch tun. Wenn Gott geplant hat, dass erst meine Urururenkel aus dem Exil erlöst werden sollen, dann ist es unwichtig, wie ich mich verhalte, es wird sich für mich doch ohnehin nichts ändern.

Eine jüdische Antwort auf den Konflikt »Freier Wille versus Fatalismus« ist: Gott hat viele mögliche Pläne, aber welchen davon Er ausführen wird, hängt teils von uns ab. Wir können die Geschichte und unserer Schicksal beeinflussen. Das war die wesentliche Botschaft der Propheten. »Kehrt um! Ihr könnt Gott von seinem Plan abwenden!«

Aber sogleich werden wir dann mit anderen theologischen Fragen konfrontiert: Hatte Gott im 20. Jahrhundert einen Plan? Wenn ja, wieso sollten so viele Menschen leiden – und wofür? Gibt es einen Plan für den Staat Israel und die feindlich gesinnte Umgebung? Man kann es sich nicht so bequem machen und sagen: »Das war nur in der biblischen Zeit relevant.« Für die Propheten hatte Gott mehrere Pläne. Und welcher zur Auswirkung kam, hing vom Volk ab. Wenn das Volk Reue zeigte und seinen Weg änderte, konnte Gott viel Leid ersparen. Machte das Volk so weiter wie bisher, konnte Gott es mit Zerstörung und Exil bestrafen. Das heißt, für den Propheten gab es noch Flexibilität, eine Wahl. Gott hatte mehrere Pläne zur Auswahl. Und wir Israeliten sollten dann entscheiden, welchen wir wollten.

War es Gottes Plan, den Ersten Tempel in Jerusalem zu zerstören? Wenn ja, warum ließ er dann einen Zweiten Tempel bauen? Und: Ist ein Tempel nicht so heilig, dass er für immer und ewig stehen muss?

Angst Auf all diese Fragen habe ich keine Antwort. Und ich habe Angst vor Leuten, die behaupten, Antworten darauf zu haben. Aber für Josef scheint hier in unserer Sidra alles klar zu sein. Gott wird den Obermundschenk in sein Amt zurückbringen, den Bäcker jedoch nicht. Gott wird Ägypten mit sieben Jahren Dürre und Hungersnot schlagen – warum, lesen wir nicht. Auch nicht, warum Gott angeblich alles so geplant hat: Dass Josef als Gefangener in Ägypten sein wird, um den Traum – Gottes Warnung – zu deuten. Es kann nicht sein, dass alles nur geplant ist, damit Josef wieder mit seinen Brüdern reden kann. Das wäre banal. Aber haben Sie vielleicht eine bessere Antwort?

Die existenziellen Fragen bleiben: Hat Gott einen Plan für uns und die kommenden Generationen? Und: Wie können wir das herausfinden?

Der Autor ist Landesrabbiner der liberalen Gemeinden von Schleswig-Holstein.

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