Tora

Alles ist heilig

Toralesung mit Jad (Zeiger) Foto: Getty Images/iStockphoto

Die Geschichten von Adam und Eva, der großen Flut oder Awraham sind vor allem durch den Einfluss des Christentums und des Islams auf der ganzen Welt bekannt. Vor über 2000 Jahren waren die Kinder Israels die einzigen Träger dieser Geschichten. Durch die beiden abrahamitischen Religionen wurden die biblischen Erzählungen von vielen Kulturen adaptiert und durch die kulturelle Brille der jeweiligen Religionen gelesen.

Anhänger dieser Religionen herrschten jahrhundertelang in vielen Ländern über die Juden, und so sind wir in die historische Situation gekommen, von Kulturen umgeben zu sein, die jüdische Geschichten erzählen – aber auf ihre eigene Art und Weise interpretieren. Diese Interpretationen beeinflussen heute auch das Textverständnis vieler Juden.

metaebene Doch die Geschichten der Tora haben eine eigene, jüdische Metaebene – eine Geschichte hinter der Geschichte. Was ist also die Tora, und wie sollte man mit den Texten der Tora umgehen?

Das Wort Tora ist mit den Worten »Hora’a« (Anweisung) und »Ora« (Licht) verwandt. In einem ähnlichen Sinne sagt König Salomo: »Tora ist Licht« (Sprüche 6). Licht ist das, was in der Dunkelheit zum Sehen benötigt wird. Die Tora will uns also eine Anweisung und Lichtquelle in der Dunkelheit sein.

Vor etwa 2000 Jahren kam ein nichtjüdischer Mann, der zum Judentum konvertieren wollte, zum großen Gelehrten Hillel und bat ihn, ihm die gesamte Tora zu erklären, während er auf einem Fuß steht. Hillel sagte: »Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu! – Der Rest ist die Erklärung, nun geh und lerne« (Babylonischer Talmud, Schabbat 33). Rabbi Akiva sagte: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – das ist die große Regel (Zusammenfassung) der Tora« (Jerusalemer Talmud, Nedarim 4).

Die Tora will uns lehren, in Liebe und ohne die Verletzung durch andere zu leben.

Die Tora will uns also lehren, in Liebe und ohne die Verletzung durch andere zu leben. Das ist das große Ziel der Tora. Wenn die Tora mit Licht gleichgesetzt wird, so sind das Gegenteil der Tora Hass und Verletzung – also die Dunkelheit.

egoismus In einer Welt, in der das Überleben ein gesundes Maß an Egoismus fordert, der Mensch mit tierischen Trieben ausgestattet ist, jedes Verbrechen theoretisch schöngeredet werden kann und der Tod eine traurige Gewissheit darstellt, ist es einfach, in die Dunkelheit des Hasses zu verfallen. Und so will die Tora uns lehren, wie man trotz allem richtig liebt: seinen Nächsten, G’tt, sich selbst, die Familie, die Welt.

Praktischer ausgedrückt: Die Tora will uns vom egoistischen Anspruch »Was kriege ich?« zum altruistischen Auftrag »Wie kann ich helfen?« umerziehen. Aber wie tut die Tora das?

Auf den ersten Blick mit einer Geschichte: eine Erzählung über Adam und Eva, die aus dem Paradies ausgestoßen werden, eine Flut, welche die gesamte Welt überschwemmt, eine Geschichte über Awraham, der sich für G’tt auf dem Weg ins Heilige Land macht, seine Nachkommen, die in die Sklaverei geraten, aus der Sklaverei gerettet werden und sich selbst auf den Weg ins Heilige Land begeben.

nächstenliebe Der größte Teil des Textes berichtet von der Reise in dieses Land und einer großen Anzahl, nämlich 613 teilweise mehr und teilweise weniger logisch nachvollziehbaren Geboten. Einige dieser Gebote scheinen auf den ersten Blick weit weg zu sein von der intendierten Nächstenliebe. Wie soll dann diese Geschichte das gewünschte Ziel erreichen?

Rabbi Schimon bar Jochai lehrt im Sohar: »Wehe dem sterblichen Wesen, das sagt, die Tora sei gekommen, um Geschichten zu erzählen. (…) Wenn Sie Geschichten wollen, haben selbst die Monarchen der Nationen bessere Geschichten. Wir könnten ihnen folgen und auf die gleiche Weise eine Tora erstellen. Doch wenn die Engel auf die Erde herabsteigen, kleiden sie sich in die Gewänder dieser Welt. Wenn sie es nicht täten, wären sie nicht in der Lage, diese Welt zu ertragen, und die Welt wäre nicht in der Lage, sie zu ertragen. Wenn das für die Engel so ist, um wie viel mehr gilt das für die Tora, durch die diese Engel und alle Welten erschaffen wurden! Als die Tora auf diese Welt herabkam, wenn sie sich nicht in all diese Gewänder gehüllt hätte, hätte die Welt es nicht ertragen können. Daher ist diese Geschichte der Tora das Gewand der Tora« (Sohar, Behaalotcha 252).

UNIVERSUM An anderer Stelle lehrt der Sohar: »Jeder Buchstabe der Tora ist ein Buchstabe in einem einzigen Namen G’ttes« (Sohar, Jitro 87). Die Tora ist also aus der Sicht der jüdischen Mystik kein Buch mit Geschichten. Sie ist ein Werk, das die Tiefen des Universums in sich trägt, aber darauf wartet, dass wir diese Tiefen selbst offenbaren. Durch unser Studium der Gesamtheit der Werke unserer Religion.

Die Buchstaben, die Zahlen, die Namen: Alle verbergen sie eine Tiefe, die absichtlich nur durch die volle Hingabe zum Studium und zum G’ttesdienst und durch eine kollektive jahrtausendelange intellektuelle und spirituelle Reise des jüdischen Volkes erkennbar wird. Wieso nicht gleich Klartext sprechen?

Die Antwort finden wir in einem bekannten Zitat von Rabbi Chanania ben Akschja, das am Ende eines jeden Kapitels in den Sprüchen der Väter gelesen wird: »Der Heilige, gelobt sei Er, wollte Israel verdienstvoll machen, daher mehrte Er die Tora und die Gebote.«

vollkommenheit An dieser Stelle müssen wir ein weiteres Prinzip in der Metaebene der Tora bedenken: Vor Zeit und Raum gab es nur G’tt, der vollkommenen ist. Um andere an seiner Vollkommenheit teilhaben zu lassen, erschuf Er in seiner Liebe Seelen, die dazu in der Lage sind, an dieser Vollkommenheit teilzuhaben.

Das selbst erarbeitete Stück Belohnung ist besser, als wenn es uns einfach zukommt.

Und dies bedeutet, die größte Freude zu erleben, die nur möglich ist. Eine Freude, an die keine irdische Freude heranreicht. Doch statt uns eine Ewigkeit der Freude zu schenken, verstand Er, dass eine kurze zeitlich begrenzte Phase des eigenen Schaffens dieser Freude, vor der ewigen Belohnung, noch besser für uns ist als ein Geschenk. Das selbst erarbeitete Stück Belohnung schmeckt besser als das, was uns einfach zukommt.

LERNEN Unsere Welt ist dieser zeitlich begrenzte Ort des Erarbeitens. Das Erarbeiten passiert durch das Ausüben der Gebote, sowohl für Juden als auch für Nichtjuden, und im speziellen Fall Israels auch durch das Studium der Tora. Das ist die Absicht der Aussage von Rabbi Chanania ben Akaschja. Das Lernen, das Rezitieren, das Verstehen der Konzepte gibt uns die Möglichkeit, unsere künftige und ewige Belohnung jeden Moment zu vergrößern.

Für das Studium der Tora ist es auch wichtig zu verstehen, dass wir das Ausüben der Gebote nicht aus dem Lesen der Verse lernen. Das praktische Ausüben der Gebote der Tora, das praktische Ausleben von »Liebe deinen Nächsten«, lernen wir aus der Halacha.

Die Halacha, das praktische Gesetz, ist das, was unsere Weisen aus der Tora und der mündlichen Überlieferung gelernt haben und in den halachischen Werken kodifizierten. Die Halacha bezieht sich immer auf einen konkreten Umstand im Leben des Menschen.

Vor dem Studium der Tora gilt also: Ich werde vieles nicht verstehen, vieles wird nicht wörtlich gemeint sein und ist keine praktische Handlungsanweisung. Doch alles ist heilig, alles ist tiefgründig, und alles Lernen wird belohnt.

Der Autor hat am Rabbinerseminar zu Berlin studiert und ist Sozialarbeiter.

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