Arche Noah

Alle in einem Boot

Auf engstem Raum: Damit das Zusammenleben gelingt, braucht es feste Regeln. Foto: Fotolia

Da sprach G’tt zu Noach: Das Ende aller Wesen ist von mir beschlossen, denn die Erde ist durch sie von Gewalttat erfüllt; so will ich sie denn mit der Erde verderben». Das lesen wir im 1. Buch Moses 6,13. Zu Gewalt kommt es dort, wo die Meinung anderer nicht zugelassen wird. Doch um eine gesunde Gesellschaft zu entwickeln, muss jeder sein Gegenüber akzeptieren. G’tt hat daraufhin ein Fenster geschaffen, um eine neue Gesellschaft entstehen zu lassen. Dieses Fenster ist Noach mit seiner Arche.

«Noach war ein gerechter und untadliger Mann in seinen Zeiten. Mit G’tt wandelte Noach» (6, 9). Er war das genaue Gegenteil seiner Mitmenschen: Er tat niemandem Gewalt an, und er akzeptierte andere. Das sollte die Grundlage der neuen Gesellschaft werden.

Lehre Warum wurde die Welt durch eine Arche gerettet? G’tt hätte doch ganz andere Möglichkeiten, um Noach, seine Familie und die Tiere zu retten. Die Antwort finden wir im Talmud: Gerade auf der Arche waren alle gezwungen, auf engstem Raum miteinander zu leben und auszukommen. Dies sollte die Lehre für eine zukünftige Gesellschaft sein.

Im Midrasch Tanchuma steht geschrieben, dass Noach sich zwölf Monate in der Arche aufhielt. Er schlief nicht und seine Söhne auch nicht, weder am Tag noch nachts. Er fütterte alle Tiere mit der Nahrung, die ihnen zustand. Er versorgte sie zur rechten Zeit und in ausreichender Menge.

Wenn wir uns vorstellen, mit welchen Schwierigkeiten die Versorgung aller auf der Arche verbunden war: Tag- und Nachtarbeit, der enge Raum und um sie herum die, denen es nicht vergönnt war, auf der Arche zu überleben. Nur in dieser außergewöhnlichen Situation verstand Noach die Botschaft G’ttes und seine damit verbundene zukünftige Aufgabe.

Nachkommen Nach der Sintflut lebten Noach und seine Nachkommen gleichberechtigt und ausgeglichen. Sie waren Viehzüchter und entwickelten neue Technologien, um den Arbeitsalltag zu erleichtern. Das ging so lange gut, bis ein Diktator geboren wurde: Nimrod. «Und Kusch zeugte Nimrod, dieser war der erste Tyrann auf Erden. Er war ein gewaltiger Jäger vor dem Ewigen» (10, 8-9).

Er war sich seiner Stärke bewusst und nutzte sie zum Negativen aus. Die Tora bezeichnet Nimrod als Jäger. Jedoch jagte er der Macht nach und unterdrückte sein Volk. Er wollte die Alleinherrschaft erlangen und sogar an die Stelle G’ttes treten. Totalitarismus erlaubt keine anderen Meinungen, vor allem nicht den Glauben an G’tt.

Mit dieser Unterdrückung setzte Nimrod den Grundstein für den Turmbau zu Babel. «Da sprachen sie: Wohlan, lasst uns eine Stadt bauen und einen Turm, dessen Spitze bis zum Himmel reicht, damit wir uns einen Namen machen» (11,4).

G’ttes Versuch, die Gesellschaft durch Noach und seine Arche dahingehend zu erziehen, dass die Menschen miteinander leben und andere akzeptieren, war nicht gelungen. Das entnehmen wir aus der Geschichte vom Turmbau.

«Damals war auf der Welt eine Sprache, einerlei Worte (…). Da stieg der Ewige herab, um die Stadt und den Turm zu sehen, den die Menschenkinder bauten. Und er sprach: Jetzt sind sie ein Volk, und haben alle eine Sprache, und dies ist nur der Anfang ihres Tuns (…). Wohlan, lasst uns herabsteigen und ihre Sprache dort verwirren, dass einer die Sprache des anderen nicht verstehe. Und der Ewige zerstreute sie von dort über die ganze Erde hin und sie hörten auf, die Stadt zu bauen» (11, 1- 8).

Im Talmud (Sanhedrin) steht geschrieben: «Der, der eine Seele verloren hat, dem ist, als hätte er die gesamte Welt verloren.» Der Mensch ist uns so wichtig, denn er ist ein Teil G’ttes. Institutionen sind entwickelt worden, um jeden Einzelnen der Gesellschaft zu unterstützen.

Unter Nimrod herrschte genau das Gegenteil davon: Nicht der Einzelne war von Bedeutung, sondern die Gesamtgesellschaft. Nimrod ließ keine Individualität zu. Jeder musste sich für die Masse opfern. Die Pirkej de Rabbi Elieser erzählen Details: Kam ein Mensch beim Turmbau durch einen Unfall ums Leben, so rührte sich keiner. Fiel jedoch ein Stein zu Boden, fingen die Arbeiter an zu weinen. Der Mensch rückte vollkommen in den Hintergrund, er war nur noch ein Instrument. Der Stein jedoch wurde verehrt, er war das Ziel.

G’tt strafte die Menschen, indem er ihre Sprachen änderte und sie in alle Himmelsrichtungen zerstreute. Damit legte der Ewige wiederum einen neuen Grundstein. Er zerstörte den Totalitarismus und öffnete damit der Gesellschaft die Möglichkeit der freien Entfaltung, einer Bildung von neuen Kulturen und Denkweisen.

Vielfalt «Denn wenn ein Mensch viele Münzen mit einem Stempel prägt, sind sie alle einander gleich. Aber der König aller Könige, der Heilige, gepriesen sei Er, hat jeden Menschen mit dem Stempel des ersten Menschen ausgeprägt, und doch ist nicht einer dem anderen gleich» (Talmud, Sanhedrin 4, Mischna 5).

Um nicht wieder in den Konflikt einer neuen Katastrophe zu gelangen, müssen wir aus diesen Geschichten lernen. Die Vielfalt bremst die Gefahr, wieder in totalitäre Denkstrukturen zu verfallen. Jeder Mensch hat auf dieser von G’tt geschaffenen Welt seine gleichwertige Berechtigung. Auch wenn jeder anders ist, müssen wir uns bemühen, dies zu akzeptieren, mit ihm in Einklang leben und uns gegenseitig respektieren und tolerieren, so wie Noach dies in der Arche tat.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Duisburg – Mülheim – Oberhausen.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Noach erzählt vom Beschluss des Ewigen, die Erde zu überfluten. Das Wasser soll alles Leben vernichten und nur Noach verschonen. Der soll eine Arche bauen, auf die er sich mit seiner Familie und einem Paar von jeder Tierart zurückziehen kann. So erwacht nach der Flut neues Leben. Der Ewige setzt einen Regenbogen in die Wolken als Symbol seines ersten Bundes mit den Menschen. Die beginnen, die Stadt Babel zu erbauen und errichten einen Turm, der in den Himmel reicht. Doch der Ewige vereitelt ihren Plan.
1. Buch Moses 6,9 – 11,32

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