Russland

Zyniker mit Gefühl

Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Autoritäre Herrschaft, die Bestand hat, basiert fast immer auf einer Verbindung von Ideologie und Pragmatismus, von Berechnung und Emotion. Wem Weltanschauung zum Wahn wird, wer keinen Bezug mehr zur Realität hat, verliert; wer sich aber ausschließlich um des Machterhalts willen an die Macht klammert, verliert diese ebenfalls.

Wladimir Putin – seit Herbst 1999 autoritärer Herrscher der Russischen Föderation – weiß das alles nur zu gut. Innenpolitisch verkörpert er jene ambivalente Mischung aus Angst, Größenwahn und Rührseligkeit, Sowjetnostalgie und Minderwertigkeitskomplexen, die er mit einem Teil seiner Landsleute gemeinsam hat.

rolle Deshalb ist er trotz der von ihm initiierten Konflikte, trotz der gegen Russland verhängten Sanktionen und wirtschaftlichem Niedergang bei der Mehrheit der Bevölkerung immer noch populär. Er ist wie sie: Seine Neurosen und sein Machogehabe spiegeln ein nationales Trauma wider, eine Kränkung, die kompensiert werden muss. In dieser Rolle ist er glaubwürdig – er trägt die Verletzungen aller in sich, hat aber das Durchsetzungsvermögen, die Selbstsicherheit und die Macht, die andere nicht haben, aber gerne hätten.

Außenpolitisch spielt er ebenfalls gerne den starken Mann: Er provoziert, lotet Grenzen aus und achtet doch penibel darauf, nicht zu weit zu gehen. Er ist risikobereit, aber nicht tollkühn, gefährlich, aber nicht verrückt.

Putin beginnt niemals Kriege, die er verlieren könnte oder die sein Regime bedrohen. Das war sowohl in Tschetschenien, Georgien und Syrien als auch in der Ukraine der Fall, wo er letztlich nur Teilerfolge erzielen konnte. Er provoziert den Westen durch Truppenaufmärsche, durch martialische Rhetorik, durch Auftragsmorde oder die Verfolgung von Regimegegnern, macht aber stets im richtigen Augenblick die notwendigen Rückzieher und versöhnlichen Gesten.

mentalität In seinem Charakter und seiner Mentalität ist er ein typischer KGB-Mann der sowjetischen Spätzeit geblieben: kein Fanatiker, kein bolschewistischer Kommissar, kein stalinistischer Schläger der alten Schule, sondern ein nüchterner Technokrat der Breschnew-Ära, ein sportlicher Schreibtischtäter mit kultivierter Leningrader Aussprache. Ihn als »lupenreinen Demokraten« zu bezeichnen, wie es Schröder einst tat, war schon vor 15 Jahren töricht. Heute wird kein vernünftiger Mensch mehr so etwas behaupten.

Putin gibt seinen Anhängern das, was sie als Selbstachtung und Würde empfinden.

Natürlich ist Putin kein zweiter Stalin oder Hitler. Sein Referenzrahmen ist die Sowjetunion der 70er-Jahre und deren einstige Bedeutung als Supermacht. Putin möchte die Welt nicht beherrschen, aber er möchte – wie auch viele seiner Untertanen – wieder den Respekt und die Angst zurück, welche die Welt vor seinem Heimatland längst verloren hat; doch ist er auch klug genug, seinem Regime ein frisches und modisches Kleid zu verpassen, um sein Ziel zu erreichen.

Waren es in früheren Zeiten linke Gruppen oder die RAF, die aus dem Ostblock finanziert wurden, so sind es heute rechtspopulistische Parteien sowie unzählige Internet-Trolle, die Putins Interessen im Westen und anderswo vertreten.

nostalgie Es ist jene Nostalgie nach der Breschnew-Zeit mit ihrer brutalen Repression, aber ohne Massenterror, ihrem Imperialismus der begrenzten Konflikte, mit ihren kleinen kulturellen Freiheiten im Rahmen kleinbürgerlicher Moralvorstellungen und einer allgegenwärtigen Korruption, deren Regeln alle kannten und befolgten.

Die Nostalgie für jene Zeit treibt Putin genauso um wie die meisten seiner Anhänger. Für sie ist er auch in seinem Gehabe der ideale Herrscher: vulgär genug für eine witzig-derbe Phrase, aber auch so gebildet, um hin und wieder eine geistreiche Pointe anzubringen. Und er ist ein Zyniker, der andere verachtet, aber die eigenen Gefühle ernst nimmt.

Längst geht es nicht nur um Wirtschaft oder Geopolitik. Die Besetzung der Krim hatte weder mit der NATO noch mit den »Faschisten« in Kiew etwas zu tun, vielmehr ist die Krim ein Teil der »russischen Seele« – ein Sinnbild, eine Metapher: »Die Krim gehört uns!« Putin gibt seinen Anhängern das, was sie als Selbstachtung und Würde empfinden, und erwirbt bei ihnen dadurch das Recht, sich auf ihre Kosten zu bereichern und seine Feinde zu verfolgen. Soll er sich doch aus Steuergeldern Schlösser bauen, Leute vergiften und im Gefängnis verrotten lassen. Wie viele russische Herrscher vor ihm haben sich denn anders verhalten?

zwischentöne In letzter Zeit beklagte der Kreml eine »massenhafte antirussische Psychose« im Ausland. Putin warf dem Westen Umsturzversuche auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion vor und warnte vor dem »Überschreiten einer roten Linie«. Diese Phrasen sollte man genauso ernst nehmen wie einst die Reden sowjetischer Führer, in denen es weniger um Inhalte als um die Zwischentöne und das Nichtgesagte ging.

Bei den martialisch klingenden Tönen aus Moskau, die heute zu hören sind, handelt es sich wohl schlichtweg um eine »Retourkutsche« auf Joe Bidens Behauptung, Putin sei ein Mörder. Jeder Herrscher markiert sein Revier auf seine Weise. Putin bleibt dabei erfreulicherweise meist vorhersehbar.

Der Autor emigrierte 1971 mit seiner Familie aus Russland. Er lebt heute als Schriftsteller in Österreich. Unter anderem sind von ihm erschienen »Lucia Binar und die russische Seele« und »Viktor hilft«.

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