Integration

Zusammenhalt

Ankunft in Deutschland: ukrainische Geflüchtete am Berliner Hauptbahnhof Foto: picture alliance / ANP

Die vor mehr als 30 Jahren begonnene jüdische Einwanderung haben wir lange die »russisch-jüdische« genannt. Das war einfacher, weil allgemein verständlich. Bereits seit 2014, der Annexion der Krim durch Russland, wackelte dieses Bild.

Seit dem 24. Februar, dem Beginn der russischen Invasion in die Ukraine, ist dieses Bild erschüttert. Es gibt im Moment keine Sprache für einen Diskurs über die »Russen in unseren Gemeinden«. Aber es gibt sie, die Juden aus der ehemaligen UdSSR – sie bilden mindestens 90 Prozent der jetzigen jüdischen Gemeinschaft Deutschlands. Im Osten des Landes sind es fast 100 Prozent.

zuwanderer 2015 fragte die Bildungsabteilung im Zentralrat auf einer Tagung: »Wer integriert hier wen?« Das heißt: Integrieren die alteingesessenen Gemeindemitglieder »die Russen«, oder umgekehrt, integrieren die zahlreichen Zuwanderer die Alteingesessenen? Die Antwort, die gegeben wurde, lautete: »Wir gehören zusammen.«

Mit der Flucht der ukrainischen Juden nach Deutschland werden die ehemaligen »Russen« und ihre inzwischen erwachsenen Kinder selbst zu einer integrierenden Kraft.

Mit der Flucht der ukrainischen Juden nach Deutschland werden die ehemaligen »Russen« und ihre inzwischen erwachsenen Kinder selbst zu einer integrierenden Kraft – in den jüdischen Gemeinden und in der deutschen Gesellschaft. Gefragt sind postsowjetisch-jüdische Anwälte, Ärzte, Sozialarbeiter. Gefragt sind Vertreter der älteren Generation, die selten Ukrainisch, aber Russisch sprechen.

Sie wissen, wie Ämter, Formulare, öffentliche Verkehrsmittel und Schulen hierzulande funktionieren. Die jüdischen Neuen aus der Ukraine braucht man nicht jüdisch aufzuklären – sie haben in den 90er-Jahren, auch das gehört zur Wahrheit, ein neues und starkes jüdisches Leben in der Ukraine kennengelernt und sind mitunter jüdischer als diejenigen, die ihnen jetzt zur Seite stehen.

dilemma Wir, die jüdische Gemeinschaft Deutschlands und ihre neuen ukrainischen Jüdinnen und Juden, gehören zusammen. Diesmal lautet das Dilemma jedoch nicht mehr »Synagoge vs. Kulturklub« und nicht mehr »9. Mai, ›Tag des Sieges‹, vs. 9. November, Erinnerung an die Pogrome der sogenannten Reichskristallnacht«.

Dieses Mal ist das Gemeinsame – eine Einigung auf jüdische religiöse und kulturelle Werte – größer als in den 90er-Jahren. 2022 ist auch die deutsche Gesellschaft besser darauf vorbereitet, dass die Abschlüsse und die beruflichen Realitäten der Geflüchteten schneller anerkannt werden müssen.

Das Feld der Erinnerungskultur wird Diskussionen mit sich bringen – und zwar sowohl in den jüdischen Gemeinden als auch in der gesamten Gesellschaft. Wessen Sieg in einem wie auch immer genannten Krieg soll wann gefeiert werden? Was wird aus dem »Großen Vaterländischen Krieg« und den (wenigen) jüdischen Veteranen mit ihren Orden?

Menschen vertrauen den Brüdern und Schwestern in ihrer Religion.

Wie stehen Juden und Jüdinnen mit der Holocaust-Geschichte in ihren Familien zur Anerkennung des Holodomor von 1932 bis 1933 als Genozid am ukrainischen Volk? Was ist mit der Beteiligung eines Teils der Ukrainer am Holocaust? Wie ist die prominente Rolle von Stepan Bandera und seiner nicht selten offen antisemitischen Anhängerschaft in der heutigen Ukraine einzuschätzen?

zukunft Doch das sind Fragen, die wir in Zukunft zu stellen haben. Während des Krieges, der andauert, und der Fluchtbewegung, die eventuell noch im Winter zunehmen wird, muss weiterhin geholfen werden. Die jüdischen Gemeinden Deutschlands zeigen ein vorbildliches Engagement. Sie helfen gleichermaßen aus der Ukraine geflüchteten Juden wie Nichtjuden.

Auch auf muslimischer Seite beobachten wir seit 2015 ein großes Engagement. Die Herkunft und Biografien der Geflüchteten sind denkbar unterschiedlich. Doch die muslimische Tradition hält auch hier meist die »Alten« und die »Neuen« zusammen. Menschen vertrauen den Brüdern und Schwestern in ihrer Religion, oder sie finden bei ihnen Zuflucht, oft auch wörtlich gemeint.

Der Erfahrungsaustausch zwischen den Communitys über das Engagement für Geflüchtete gehört zum Bereich einer primären Integration – wie sind erste Schritte der Geflüchteten zu begleiten, wie kann die jeweilige Religion helfen, wie kann die große Erfahrung der christlichen Gemeinschaft Deutschlands im karitativen Bereich stärker gesamtgesellschaftlich berücksichtigt werden?

werte Der Weg zu einem gemeinsamen gesellschaftlichen Kern, den demokratischen und verfassungsrechtlichen Werten Deutschlands, ist bei Juden und Muslimen unterschiedlich. Das Thema Antisemitismus beziehungsweise Israelhass aufseiten einiger Geflüchteter aus muslimischen Ländern darf dabei nicht ausgeklammert werden. Die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in den eigenen Reihen ist vor allem ein interner Prozess der muslimischen Community.

Die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in den eigenen Reihen ist vor allem ein interner Prozess der muslimischen Community.

Wie integriert sich die deutsche Gesamtgesellschaft in diese neue Flucht-Situation? Die Antwort auf eine solche Frage ist multipel und nicht trivial. Dieser Prozess einer Annäherung setzt eine signifikante juristische, politische, kulturelle und administrative Arbeit voraus.

Wir sollten ein wichtiges Thema nicht vergessen: Die Ursachen der Flucht sind zu bekämpfen. Ob im Süden, Westen oder Osten der Erde, für die wir alle Verantwortung tragen. Dazu gehören die Armutsbekämpfung und die Entwicklungszusammenarbeit, dazu gehört auch eine durchdachte, kundige Friedensarbeit. Ihr gehört die Zukunft.

Der Autor leitet die »Denkfabrik Schalom Aleikum« im Zentralrat der Juden. Das Buch »Flucht und Engagement. Jüdische und muslimische Perspektiven« (Hentrich & Hentrich) ist ab Mitte Dezember lieferbar.

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