Meinung

Zeugen schwieriger Gegenwart

Igor Mitchnik Foto: privat

Fast jeder kennt die Situation: Es klingelt, zwei adrett gekleidete Menschen stehen vor der Haustür und wollen über Gott reden. Ich entgegne in der Regel, dass ich jüdisch bin, an einem Wechsel nicht interessiert. Die Tür fällt zu, man ist sich einig, dass man uneinig bleibt. Die Zeugen Jehovas als Bedrohung? Absurd!

Als solche wurde die Sekte vom Obersten Gericht Russlands eingestuft. Die Organisation sei extremistisch und gefährde die öffentliche Sicherheit, heißt es in der Begründung. Der Extremismusbegriff ist in Russland dabei so vage definiert, dass er auch die im russischen Gesetz verankerte Religionsfreiheit aushebeln kann. Das Vermögen der Gruppe wird eingezogen, die Russlandzentrale in Sankt Petersburg und 395 örtliche Organisationen müssen aufgelöst werden.

Der jüdischen Community geht es dagegen vergleichsweise gut in Russland. Das unabhängige Lewada-Zentrum für Meinungsforschung berichtete Ende 2016, dass sich der Antisemitismus in Russland in einer »Schlafphase« befinde. Mit der Kremltreuen Orthodoxen Kirche ist die jüdische Gemeinde zwar nicht auf Augenhöhe, aber als eine der als traditionell geltenden Religionen im Land hoch geschätzt.

ns-verfolgung Dennoch sollte der Umgang der russischen Regierung mit den Zeugen Jehovas auch für die jüdische Community einen unangenehmen Beigeschmack haben – vor allem aus historischen Gründen. Hitler steckte die Bibelforscher in Konzentrationslager, weil sie während der Nazizeit den Kriegsdienst verweigerten. Unter Stalin – der in Russland zurzeit steigende Bewunderung genießt – wurden 1951 knapp 8500 Zeugen Jehovas nach Sibirien deportiert. Der jüdischen Community wäre es nicht besser ergangen, wenn die Verhaftungen und Hinrichtungen während der frei erfundenen »jüdischen Ärzteverschwörung« nicht durch Stalins Tod 1953 gestoppt worden wären.

Man muss die Sekte keineswegs lieben, um das Gesetz abzulehnen. Auffassungen wie der Verweigerung der Bluttransfusion, der Isolation von Aussteigern oder der absurden Überzeugung, dass Homosexualität heilbar sei, kann man nur kritisch und ablehnend begegnen. Aber mit dem Verbot der Zeugen Jehovas verdunkelt sich der Zustand der Religionsfreiheit in der Russischen Föderation insgesamt. Ruhig schlafen sollte da auch die jüdische Community nicht.

Der Autor ist ELES-Alumnus und studiert Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Ost-, Mitteleuropa und Eurasien in London und Tartu (Estland).

Nahost

Iran lehnt Beschränkungen des Atomprogramms ab

US-Präsident Trump hatte dem Mullah-Regime mit einem Militärschlag gedroht, sollte es sich einem Nuklear-Abkommen verweigern

 28.01.2026

Tagung

Europäische Rabbiner diskutieren interreligiösen Dialog in Jerusalem

Wie viel Religion braucht der Frieden? Diese Frage stand im Zentrum einer Podiumsveranstaltung der Europäischen Rabbinerkonferenz bei deren Tagung in Jerusalem

 28.01.2026

Holocaust-Gedenktag

»Mama, wo sind all die Menschen?«

Tova Friedman sprach im Deutschen Bundestag über ihre Deportation nach Auschwitz, das Grauen im KZ und darüber, was das Überleben mit ihr gemacht hat. Wir dokumentieren ihre Rede

von Tova Friedman  28.01.2026

Meinung

Was würden Saba und Safta sagen?

Sie würden uns zurufen: »Wehrt euch gegen diesen Hass! Schließt euch mit denen zusammen, die in Deutschland bisher schweigen, aber dennoch die Mehrheit darstellen«

von Avitall Gerstetter  28.01.2026

Berlin

DIG fordert klare EU-Entscheidung gegen Revolutionsgarden

Volker Beck, der Präsident der Organisation, erklärt, die Maßnahmen müssten über symbolische Schritte hinausgehen

 28.01.2026

Berlin

Feuer im Jüdischen Krankenhaus: Kein antisemitisches Motiv

In der Nacht kommt es zu einem Feueralarm. Ein Patient steht im Verdacht, einen Brand verursacht zu haben. Viele Details sind weiterhin unklar

 28.01.2026 Aktualisiert

Washington D.C.

USA kündigen mehrtägige Militärübungen im Nahen Osten an

US-Präsident Donald Trump spricht von einer »schönen Armada«, die sich in der Nähe Irans befinde

 28.01.2026

New York

UNO-Vollversammlung: Holocaust-Überlebende hält erste Rede auf Hebräisch

»Der Holocaust begann nicht mit den Gaskammern. Er begann mit Worten, Hetze, Propaganda, Witzen, Anschuldigungen und Gleichgültigkeit«, sagt Sara Weinstein

 28.01.2026

New York

»Fucking Jew«: Rabbiner beleidigt und angegriffen

Der Angreifer soll das Opfer antisemitisch beleidigt und ihm ins Gesicht geschlagen haben

 28.01.2026