Debatte

Schuster von Aiwangers Entschuldigung nicht überzeugt

»Diese Opfer-Täter-Umkehr, das geht überhaupt nicht«: Josef Schuster Foto: picture alliance/dpa

Debatte

Schuster von Aiwangers Entschuldigung nicht überzeugt

Der Zentralratspräsident forderte eine »klare Erklärung«

von Imanuel Marcus  05.09.2023 12:40 Uhr

In den »Tagesthemen« der ARD hat Josef Schuster, der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, erneut Stellung zur antisemitischen Flugblattaffäre um den Stellvertretenden Ministerpräsidenten und Wirtschaftsminister Bayerns, Hubert Aiwanger, bezogen.

Schuster erklärte, er sei »irritiert«, denn die Jubelrufe in den Bierzelten, in denen Aiwanger aufgetreten sei, fielen in diesem Jahr lauter aus als in anderen Jahren. Er bezog sich offenbar auf das Volksfest Gillamoos.

Auch dass Ministerpräsident Markus Söder Forderungen an Hubert Aiwanger gestellt habe, die aber nicht umgesetzt worden seien, irritiere ihn: »Die Reue und Demut von der Söder sprach, kann ich (bei Aiwanger) bislang nicht feststellen.«

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Nicht angemessen Auf die Frage, ob Aiwangers Selbstdarstellung als Opfer einer Intrige zum Wahlkampf gehöre oder eine Gefahr darstelle, entgegnete Schuster, der Weg, den der bayerische Vize gewählt habe, erschrecke ihn: »Ich hätte erwartet, dass auch bei weiten Teilen seiner Anhänger klar wird, dass seine Reaktion auf die Vorwürfe als nicht angemessen zu betrachten ist.«

»Er hat sich entschuldigt für .... ja, für was eigentlich? So ganz klar war es seinen Worten vom Donnerstag nicht zu entnehmen«, so Schuster. »Darüber hinaus hatten wir jetzt diesen Fragenkatalog mit Antworten, die in meinen Augen mehr als dürftig sind. Ich hätte eigentlich erwartet und mir erhofft, dass Aiwanger zu seinen Verfehlungen - wenn diese auch viele Jahre zurückliegen - ganz klar steht. Denn das wäre der richtige Weg gewesen, um eine solche Debatte abschließen zu können.«

Aiwangers Entschuldigung akzeptiere er, so der Präsident des Zentralrates. Sie sei jedoch viele Tage zu spät gekommen. »Sie war auch wirklich nur eine Entschuldigung für das, was man mit Gewalt jetzt nicht mehr leugnen konnte. Ich hatte eine umfassende Erklärung erwartet«, sagte Schuster in dem Interview.

Vier Augen Söder hatte Aiwanger aufgetragen, sich mit Vertretern der jüdischen Gemeinschaft zu treffen. Die Frage, ob dies seine Idee gewesen sei, verneinte Schuster: »Meine Idee war es definitiv nicht. Die Überlegung ist sicherlich nicht verkehrt, aber ich hätte es besser gefunden, wenn ihm Söder eine solche Empfehlung in dem von ihm auch erwähnten Gespräch am Samstagabend unter vier Augen gegeben hätte - und Aiwanger damit die Möglichkeit gegeben hätte, genau dies dann aus freien Stücken zu tun. Jetzt hat er ihm eine Hausaufgabe gegeben und da tut man sich schwer, daran zu glauben, dass das jetzt wirklich der Intuition von Aiwanger entspricht.«

Josef Schuster beschrieb, was er Hubert Aiwanger fragen und sagen würde, sollte es zu einem Treffen kommen: »Ich würde zunächst einmal doch nochmal nachhaken wollen, zu einigen Dingen, die noch offen sind.« Auf einer »klaren Erklärung« würde er bestehen.

»Diese Opfer-Täter-Umkehr, da würde ich ihn nochmal sehr deutlich ansprechen, dass das überhaupt nicht geht.« Hinsichtlich der Frage, ob ein solches Gespräch mit Aiwanger verfangen würde, ist Schuster weiterhin »eher skeptisch«, wie er in der Sendung klarmachte.

In dem Interview ging es auch um die Entscheidung Söders, Aiwanger nicht zu entlassen. Schuster wurde gefragt, ob dies eine Taktik oder eine Haltung darstelle. »Eine Taktik ist natürlich dabei«, so der Zentralratspräsident gegenüber der ARD. »Aber auf der anderen Seite muss man auch überlegen: Was wäre gewesen, wenn Aiwanger entlassen worden wäre? Zu welchem Ergebnis hätte es geführt? Es gibt Stimmen - und ich kann die nachvollziehen -, die eher die Sorge hätten, dass er dann als Märtyrer für die Freien Wähler einen höheren Stimmenanteil eingefangen hätte.« Auch hätte die AfD eventuell davon profitieren können, erklärte Schuster.

Im Verlauf des »Tagesthemen«-Interviews zitierte Schuster Markus Söder, der letzte Woche (und wenige Wochen vor den Landtagswahlen in Bayern) gesagt hatte, es gehe nicht um eine Koalition mit einzelnen Personen: »Ob es in einer zukünftigen Koalition, die dann ja neu gebildet werden muss, auch wenn die Freien Wähler beteiligt sind, weiterhin einen stellvertretenden Ministerpräsidenten Aiwanger geben würde: Ich glaube, das sollte man ernsthaft diskutieren und überlegen.«

Meinung

»Blaue Moschee« als Gedenkstätte für die Opfer des Islamismus?

Nach der Schließung des eng mit dem iranischen Regime verflochtenen »Islamischen Zentrums Hamburg« wird über die künftige Nutzung des Ortes diskutiert

von Ulrike Becker  06.08.2026

Sachsen-Anhalt

Schoa-Relativierung als Programm

Im Falle eines Sieges der AfD bei der Landtagswahl droht in dem Bundesland eine geschichtspolitische Wende

von Stefan Laurin  06.08.2026

Vorurteile

Können wir mal reden?

Warum persönliche Begegnungen und Gespräche heute wichtiger sind denn je – insbesondere beim Thema Israel

von Sabine Brandes  06.08.2026

Washington D.C.

Vance widerspricht Bericht über Streit mit Netanjahu: »Angenehmes, aber direktes Gespräch«

Der US-Vizepräsident sagt, er betrachte Israel weiterhin als wichtigen Verbündeten der Vereinigten Staaten. Unterschiedliche Positionen gegenüber der israelischen Regierung seien kein außergewöhnlicher Vorgang

 06.08.2026

»Letzte Verteidigungswelle«

Haftstrafen gegen junge Neonazis

Seit März standen in Hamburg mutmaßliche Mitglieder der rechtsextremen Terrorgruppe »Letzte Verteidigungswelle« vor Gericht. Weil sie so jung sind, ohne Öffentlichkeit. Nun sind die Urteile gefallen.

 05.08.2026

Jackson Irvine beim WM-Spiel Australien gegen Ägypten, 3. Juli 2026

Nach Antisemitismus-Vorwürfen

Umstrittener FC St. Pauli-Kapitän Jackson Irvine wechselt nach Japan

Der Australier war wegen anti-israelischer Gesten heftig kritisiert worden und hatte vergangene Saison bei dem Bundesligaabsteiger für eine Krise unter Führung und Fans gesorgt

 05.08.2026

Meinung

Danke, Boy George!

Wie die 80er-Jahre-Ikone gegen alle Widerstände für Israel eintritt, verdient unseren Dank

von Sophie Albers Ben Chamo  05.08.2026

Wahl zum Abgeordnetenhaus

Umfrage: Linke in Berlin auf Platz eins

Am 20. September findet die Wahl zum Landesparlament statt. Würde schon am Sonntag gewählt, bekäme die Linke einer Umfrage zufolge die größte Zustimmung. Doch das Rennen ist knapp

 05.08.2026

Nach CSD-Anschlag

So viele islamistische Gefährder müssen nun in Berlin Fußfesseln tragen

Eine Übersicht

 05.08.2026