Geschichte

Wir müssen handeln

Die Vereinigten Staaten haben eine große Zahl jüdischer Flüchtlinge aufgenommen, die Zuflucht und eine neue Heimat fanden. Foto: ullstein bild - Granger, NYC / Roger Kennett

Geschichte

Wir müssen handeln

»Nie wieder« bedeutet, die Demokratie zu verteidigen und Leben zu retten. Eine Betrachtung aus amerikanischer Sicht

von Amy Gutmann, Ken Burns  26.01.2023 07:44 Uhr

Aus der Geschichte haben wir gelernt, dass jedes Land zunächst die Sünden seiner eigenen Vergangenheit anerkennen muss, bevor es zur Versöhnung, zum »Nie wieder«, kommen kann.

Wir haben heute kein größeres Ziel als die Verteidigung von Chancen und demokratischer Freiheit. Dieses Ziel verfolgen wir gemeinsam mit Deutschland und unseren anderen Bündnispartnern, indem wir Antisemitismus und sämtliche Formen von Fanatismus und Menschenrechtsverletzungen bekämpfen und die Ukrainerinnen und Ukrainer in ihrem mutigen Kampf gegen Putins grausame Angriffe auf ihre Freiheit und ihr Leben unterstützen. »Nie wieder« zu sagen, bedeutet, jetzt zu handeln, die Demokratie zu verteidigen und Leben zu retten.

befreiung Als Amerikanerinnen und Amerikaner sind wir stolz auf die Rolle, die unserem Land beim Sieg über den Nationalsozialismus und bei der Befreiung der Konzen­trationslager zuteilwurde. Die Vereinigten Staaten haben zudem eine große Zahl jüdischer Flüchtlinge aufgenommen, die in den Vereinigten Staaten Zuflucht und eine neue Heimat fanden.

Es ist eine historische Tatsache, dass wir in mancherlei Hinsicht als Nation unserer Identität als Land der Chancen und Möglichkeiten für alle nicht gerecht geworden sind.

Es ist jedoch auch eine historische Tatsache, dass wir in mancherlei Hinsicht als Nation unserer Identität als Land der Chancen und Möglichkeiten für alle nicht gerecht geworden sind. Von 1933 bis 1943 haben US-Beamte beispielsweise mehr als eine Million Aufnahmeplätze für die legale Einwanderung bewusst nicht vergeben, während täglich Tausende von Jüdinnen und Juden ermordet wurden.

Die neue Dokumentarfilmreihe The U.S. and the Holocaust beleuchtet diesen häufig vernachlässigten Teil unserer Geschichte sehr anschaulich. Im vergangenen September lud die US-Botschaft in Berlin gemeinsam mit dem Filmteam zur Europapremiere der Filmreihe ein. Der Einladung folgten zahlreiche Gäste, unter anderem auch über 250 Oberschülerinnen und -schüler. Die Reihe wird demnächst auf ARTE ausgestrahlt und damit dem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht werden.

marshallplan Diese Filmreihe wird eine Enthüllung für all diejenigen sein, die bisher nur vom erfolgreichen Einsatz der US-Streitkräfte bei der Niederschlagung des Nationalsozialismus und den Investitionen wussten, die nach dem Krieg im Rahmen des Marshallplans für den Wiederaufbau Westeuropas getätigt wurden.

Damit wird Millionen von Menschen aller Altersgruppen, hier in Deutschland, in den Vereinigten Staaten und weltweit, nicht nur all das vor Augen geführt, was die Vereinigten Staaten getan haben, um den Nationalsozialismus zu besiegen, sondern auch das, was unser Land für Tausende von Jüdinnen und Juden und andere Opfer des Holocaust nicht getan hat, deren Leben hätte gerettet werden können.

Die Hölle des Holocaust brach nicht plötzlich über uns herein.

Zu einer Zeit, da Antisemitismus und andere Formen des Hasses unsere beiden Länder plagen, ist es besonders wichtig, wirklich über ihre Geschichte Bescheid zu wissen. Die ausgeprägte Erinnerungskultur in Deutschland spielt eine entscheidende Rolle dabei, aus der Vergangenheit zu lernen. Wir müssen mit offenen Augen auf die Vergangenheit blicken, um voranzukommen und im Sinne einer besseren Zukunft zu handeln.

antisemitismus Wir sollten wirklich niemals sagen: Das ist Geschichte. Jetzt ist alles anders. Wir erleben heute in Deutschland, den Vereinigten Staaten und überall auf der Welt erstarkenden Antisemitismus und einen Anstieg antisemitischer Gewalttaten. Antisemitismus geht einher mit Hass auf LGBTQ+-Menschen, religiöse Minderheiten, Sinti und Roma, Frauen, People of Color, Menschen mit Behinderung und Geflüchtete.

Wo Hass aufflammt, ist Gewalt nie weit. Der Vater von Botschafterin Gutmann flüchtete 1934 aus NS-Deutschland und verhalf auch anderen Familienmitgliedern zur Flucht. Einige wurden von den Nazis gefoltert, aber sie hatten Glück im Vergleich zu Millionen anderen, deren Leben ausgelöscht wurde. Die Hölle des Holocaust brach nicht plötzlich über uns herein. Aus dieser Erkenntnis heraus müssen wir heute und an jedem Tag handeln.

An diesem Internationalen Tag des Holocaustgedenkens ist unser Versprechen des »Nie wieder« so dringlich wie eh und je.

An diesem Internationalen Tag des Holocaustgedenkens ist unser Versprechen des »Nie wieder« so dringlich wie eh und je. Wir müssen unsere Stimme erheben und handeln – insbesondere angesichts von Hassverbrechen im eigenen Land und all dessen, was in der Ukraine geschieht, einschließlich Putins wahnwitziger Versuche, die Ukraine zu delegitimieren, indem er sie mit dem NS-Regime vergleicht.

Stellen wir uns folgende Frage: Wenn unsere Kinder und Enkel auf diesen Zeitpunkt in der Geschichte zurückblicken – werden sie dann sagen, dass wir alles getan haben, um Antisemitismus und sämtliche Formen extremistischer Gewalt in unseren Ländern zu bekämpfen, um die Ukraine zu unterstützen und die Demokratie zu verteidigen?

Amy Gutmann ist Botschafterin der Vereinigten Staaten in Deutschland.
Ken Burns ist ein vielfach ausgezeichneter Filmemacher.

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