Halle

»Wir lassen uns unser Zuhause nicht nehmen«

Um kurz nach 12 Uhr tönt das hebräische Friedenslied aus dem Glockenspiel im Roten Turm von Halle - genau ein Jahr, nachdem ein antisemitischer Terrorist die ersten Schüsse auf die Synagoge der Stadt abfeuerte. »Hevenu Shalom alechem« lautet der Text: Wir wollen Frieden für alle.

Hunderte Menschen haben sich am Freitag auf dem Marktplatz vor dem Wahrzeichen der Stadt versammelt, um an die Opfer des rechtsextremen und antisemitischen Anschlags zu erinnern, der das ganze Land erschütterte.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Das Gedenken auf dem Marktplatz weckt Erinnerungen an die Szenen in den Tagen nach dem Gewaltakt. Schon damals erklang hier das hebräische Lied, wie damals wollen die Menschen hier ein Zeichen setzen - dass sie den Hass und die Gewalt, die der Attentäter nach Halle brachte, nicht in ihrer Stadt haben wollen.

LIEBE An der Marktkirche hängt ein Transparent mit dem Versprechen: »Unsere Liebe ist stärker als der Hass«. Daneben brennen Kerzen, liegen Rosen und ein Engel aus Porzellan. »Nur für Euch, Jana und Kevin«, steht handgeschrieben auf einer Karte im Gedenken an die beiden Todesopfer des Anschlags.

Am 9. Oktober 2019 hatte ein antisemitischer Terrorist mit selbst gebauten Waffen das Feuer auf die Synagoge in Halle eröffnet. Darin nahmen gerade mehr als 50 Beter am Jom-Kippur-Gottesdienst teil. Sein Gewehr konnte das Schloss der Holztür nicht durchbrechen, seine Spreng- und Brandsätze, die er aufs Synagogen-Gelände warf, verpufften fast wirkungslos vor der Synagoge.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Wahllos erschoss der Terrorist schließlich die 40 Jahre alte Jana L., die gerade an der Synagoge vorbeikam, und später den 20 Jahre alten Kevin S. in einem Dönerladen. Auf seiner Flucht verletzte er weitere Menschen, bevor ihn die Polizei festnehmen konnte.

Der heute 28 Jahre alte Deutsche Stephan B. hat die Tat gestanden und mit kruden, menschenverachtenden Verschwörungstheorien begründet. Seit Juli steht er vor Gericht, ein Urteil wird Ende des Jahres erwartet.

TRAUMA Am Freitag sollte es in Halle aber ausdrücklich nicht um den Attentäter gehen, sondern um die Menschen, die er getötet, verletzt oder für immer traumatisiert hat. »Heute ist der Tag für Kevin und Jana«, sagt Ismet Tekin. Er war damals in dem Dönerladen angestellt. Sein Bruder war vor Ort, als der Terrorist in das Geschäft stürmte und um sich schoss, Ismet Tekin kam kurz nach dem Attentat in den verwüsteten Laden.

Heute betreibt er das Geschäft. »Seit einem Jahr fühl ich mich gleich«, sagt er. Das vergangene Jahr sei »nicht leicht« für ihn und seinen Bruder gewesen. Nur mit Hilfe seiner Familie und seines Glaubens schöpfe Tekin jeden Tag neue Kraft.

Am Freitag enthüllt Tekin gemeinsam mit seinem Bruder und dem Opferbeauftragten der Bundesregierung, Edgar Franke, vor dem Imbiss eine Gedenkplakette, die an den Anschlag und die Toten erinnert. Eine solche Plakette hängt nun auch vor der Synagoge - dort enthüllt von einem Überlebenden aus der Synagoge mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, und dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Bei der Enthüllung der Gedenktafel sagte Schuster, er sei mit gemischten Gefühlen nach Halle gereist. Die Erinnerung an den Tattag löse immer noch Schmerz aus, gleichzeitig freue es ihn, wie sehr die Gemeinde zusammenstehe und wie viele Solidaritätsbekundungen es gegeben habe. »Wir werden uns noch viel stärker als bisher einsetzen für den Respekt vor den verschiedenen Religionen, einsetzen für Respekt vor unterschiedlicher Herkunft, einsetzen für die Menschenwürde«, betonte der Zentralratspräsident.

Er forderte zum Einsatz für Menschenwürde und Zusammenhalt auf: »Das schulden wir den Opfern dieses Anschlags.« Das »krude Menschenbild« des 28-jährigen Angeklagten trete im laufenden Gerichtsverfahren immer deutlicher zutage. »Mich beeindruckt tief die menschliche Größe der Zeugen im Prozess«, so Schuster. »Deutschland ist unser Zuhause und dieses Zuhause lassen wir uns nicht nehmen.«

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Halle, Max Privorozki, sagte, ein normales Leben werde für die Gemeinde so bald nicht wieder möglich sein. »Wir sind empfindlicher geworden als früher«, sagte er - auch mit Verweis auf Äußerungen von Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) über entstehende Personalengpässe bei der Polizei aufgrund der Schutzmaßnahmen vor jüdischen Einrichtungen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warnte in seiner Rede davor, zur Tagesordnung überzugehen: »Wir müssen zeigen, dass wir keine Form von Antisemitismus, ob alten oder neuen, linken oder rechten, tolerieren - mehr noch, dass wir ihn aktiv bekämpfen. Dieser Kampf geht uns alle an.« Antisemitismus sei ein »Seismograph« für den Zustand der Demokratie. Er selbst empfinde ein Jahr nach der Tat weiterhin Scham und Zorn.

BÜRGER »Es ist wichtig, dass wir hier sind, dass wir der Opfer gedenken, dass wir uns erinnern und zeigen, die Menschen haben nicht mit dem Thema abgeschlossen«, sagt ein Sozialarbeiter, der mit Schülern aus dem Heimatlandkreis des Attentäters nach Halle gekommen ist.

Der Schock sitzt nach einem Jahr noch tief in Halle und die Bekundungen, die Opfer nie zu vergessen, sind allgegenwärtig.

Eine Hallenserin erinnert sich mit Gänsehaut noch ganz genau, wie es damals war, als sie die unfassbaren Nachrichten gehört hat. »Meine Tochter hat mich angerufen und mich gewarnt, ich soll nicht rausgehen«, berichtet die Frau. »Da war ich aber schon mit dem Auto unterwegs, und bin an ganz viel Polizei vorbeigefahren, ich konnte das alles gar nicht fassen, was da passiert ist«, sagt sie und ringt nach Worten. Dann streckt sie den Rücken und sagt mit fester Stimme: »So etwas wie in Halle darf nie wieder geschen«.

Der Schock sitzt nach einem Jahr noch tief in Halle und die Bekundungen, die Opfer nie zu vergessen, sind allgegenwärtig. Dennoch müsse das Leben weiter gehen, sagt eine Frau auf dem Marktplatz. Und das tut es in Halle auch. An den Orten des Gedenkens herrscht in der Saalestadt an diesem Freitag andächtiges Schweigen. Von einem Stillstand der ganzen Stadt, wie er am 9. Oktober vor einem Jahr zu beobachten war, ist am ersten Jahrestag aber keine Spur.

Lesen Sie mehr über dieses Thema in unserer nächsten Printausgabe.

Sachsen

Videos werfen möglicherweise Fragen zum geschilderten Hergang auf

Der Fall schlug hohe Wellen: Der Sänger Gil Ofarim hatte erklärt, wegen seiner Magen-David-Halskette in einem Leipziger Hotel antisemitisch beleidigt worden zu sein. Videoaufnahmen sollen bei der Aufklärung nun helfen

 17.10.2021

Debatte

Antisemitismus-Vorwürfe: Videos von Gil Ofarim werden ausgewertet

Laut Staatsanwaltschaft kann zum Inhalt der Videos noch keine Angabe gemacht werden

 17.10.2021

Debatte

Projekt zu Muezzinruf in Köln steht weiter in der Kritik

Ein Modellprojekt zum Muezzinruf in Köln stößt weiter auf Ablehnung. Kritiker sprechen von einer unzulässigen Bevorzugung einer Minderheit. Der islamische Gebetsruf beinhalte problematische Botschaften - und werde von vielen Muslimen nicht als notwendig erachtet

von Anita Hirschbeck  15.10.2021

Vereinte Nationen

USA zurück im UN-Menschenrechtsrat

Trotz der überwiegend gegen Israel gerichteten Hetze des UN-Gremiums will sich Washington dort wieder engagieren

 15.10.2021

»Wiedergutmachung«

428.000 Juden erhielten bislang Entschädigung vom Bund

Deutschland hat seit 1992 rund 1,1 Milliarden Euro für Härtefallzahlungen aufgewendet

 15.10.2021

Sachsen-Anhalt

AfD scheitert bei Wahl zum Landtagsvizepräsident

Die Fraktion ist zwei Mal damit gescheitert, einen Vizepräsidenten-Posten im Landtag zu besetzen

 15.10.2021

Internet

Studie: Antisemitismus auf allen Social-Media-Plattformen weit verbreitet

Junge Menschen kommen früh über Netzwerke wie Tiktok und Instagram in Kontakt mit Verschwörungsideologien und Antisemitismus

 14.10.2021

Einspruch

Update für die Freundschaft

Konstantin von Notz fordert, die Pläne für ein Deutsch-Israelisches Jugendwerk endlich entschlossen umzusetzen

von Konstantin von Notz  14.10.2021

Israelhass

Vor Gericht gescheitert

Warum die Klage der Boykott-Bewegung abgewiesen wurde

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  14.10.2021