Interview

»Wir können viel beitragen«

Herr Latasch, in der vergangenen Woche wurden Sie als erstes jüdisches Mitglied in den Deutschen Ethikrat berufen. Wie haben Sie auf diese Nachricht reagiert?
Ich habe nicht lange überlegt, sondern sehr bald zugesagt. Der Ethikrat besteht aus 26 Personen, die vom Bundesrat und der Bundesregierung berufen werden. Die Kirchen sind darin längst präsent, nun sollen auch Vertreter der muslimischen und der jüdischen Religion zu Wort kommen. Da ich über langjährige Erfahrungen in der Notfall- und Intensivmedizin verfüge, fiel die Wahl auf mich. Das ist eine große Ehre.

Zugleich ein Zeichen der veränderten Wahrnehmung der jüdischen Gemeinschaft?
Ja. Ein solches Gremium gibt es schon länger, 2008 hat es sich dann als Ethikrat konstituiert. Aber ich glaube, dass die Gesellschaft damals noch nicht so weit war. Mittlerweile ist unsere Gemeinschaft mehr ins Bewusstsein gerückt. Die Berufung ist eine Anerkennung unseres Anteils, den wir an der Vielfalt in Deutschland haben.

Was können Sie von jüdischer Seite zur bioethischen Debatte beitragen?
Sehr viel. Wenige wissen, dass sich die jüdische Religion traditionell sehr ausführlich und exakt mit medizinischen Fragen beschäftigt und eine eigene Position vertritt.

Zum Beispiel?
Bei der Frage der Präimplantationsdiagnostik etwa, bei der die jüdische Auffassung deutlich von der christlichen abweicht. Diese Position werde ich im Ethikrat vertreten.

Zur Frage der Organspende gibt es im Judentum unterschiedliche Meinungen und unter Juden eine auffallend niedrige Zahl von Spendern. Was ist Ihre Auffassung?
Jüdischer Tradition entspricht, dass man möglichst körperlich unbeschädigt beerdigt werden muss. Andererseits kann man mit einer Transplantation Leben retten. Für mich gibt es keine Frage, wo die Wertigkeit höher ist. Organspende muss auf freiwilliger Basis jederzeit erlaubt sein, wenn es eine eindeutige Festlegung der Feststellung des Todes gibt.

Welche Position vertreten Sie bei den Fragen des Lebensendes?
Einige alte talmudische Gedanken zur Bestimmung des Todeszeitpunktes wurden mittlerweile von der modernen Medizin überholt. Früher hat man eine Feder unter die Nase gehalten, um zu prüfen, ob ein Mensch noch atmet. Heute gibt es Methoden, mit denen man das Ende des Lebens viel präziser bestimmen kann. Aber für die bioethische Debatte ist die Kombination von Religion und Medizin wichtig.

Gibt es religiöse Autoritäten, bei denen Sie sich rückversichern?
Wir haben im europäischen und deutschen Raum, auch hier in Frankfurt, sehr kompetente Rabbiner. In schwierigen Fragen werde ich die jeweilige Literatur studieren und mir zudem auch rabbinischen Rat einholen.

Mit dem Ärztlichen Leiter des Rettungsdienstes der Stadt Frankfurt/Main sprach Detlef David Kauschke.

Meinung

Die Hertie School ist eine seltene Ausnahme

An der privaten Hochschule wurde die Studierendenvertretung für eine Pro-BDS-Resolution abgestraft. Das ist ein wichtiges Signal. Doch das Problem des Antisemitismus an deutschen Universitäten reicht viel weiter

von Ron Dekel  18.03.2026

Ehrung

Preis von Union progressiver Juden für Bundesministerin Prien

Sie ist die erste Bundesministerin mit jüdischen Wurzeln. Nun wird Karin Prien für ihre Verdienste für das Judentum in Deutschland geehrt. Sie empfinde die Würdigung vor allem als Auftrag, sagt sie

von Nikolas Ender  18.03.2026

Teheran

Irans Geheimdienst geht gegen Opposition vor

Der iranische Geheimdienst berichtet von Festnahmen. Auch Schusswaffen und Satelliten-Internetgeräte sollen sichergestellt worden sein

 18.03.2026

Krieg gegen das Mullah-Regime

Irans Außenminister: System besteht trotz gezielter Tötungen weiter

Wird der Iran durch die Tötung des obersten Führers oder von Spitzenfunktionären geschwächt? Außenminister Araghtschi bestreitet das und meint, etwas anderes sei wichtiger

 18.03.2026

Golf-Region

Iran-Krieg: Saudi-Arabien lädt Außenminister zu Beratungen ein

Wie geht es im Iran-Krieg weiter? Und welche Situation wird sich für die Region ergeben, wenn die USA und Israel ihre Angriffe einstellen? Diese und andere Fragen dürften ein heutiges Treffen prägen

 18.03.2026

Meinung

Das Tischtuch ist zerschnitten

Die niedersächsische »Linke« hat auf ihrem Parteitag einen Beschluss gegen den Zionismus verabschiedet. Das schadet dem Zusammenleben von Juden und Nichtjuden in Deutschland

von Achim Doerfer  18.03.2026

Angriffe

Schmierereien und Drohungen: Antisemitismus an NS-Gedenkstätten nimmt zu

Lehrer hätten bereits Führungen abgesagt, aus Angst, dass Schüler das Programm boykottieren

von Leticia Witte  18.03.2026

Debatte

»Linkspartei bietet Judenhass ein Zuhause«: Zentralrat der Juden übt scharfe Kritik

Der jüngst gefasste Beschluss gegen »den heute real existierenden Zionismus« vertreibe »jene Stimmen aus der Partei, die noch einen moralischen Kompass besitzen«, betont Josef Schuster

 18.03.2026

Krieg gegen Iran

Estland für Einsatz in Straße von Hormus offen

US-Präsident Trump fordert Unterstützung bei der Sicherung der Straße von Hormus. Einige Verbündete lehnen dies ab. Estland zeigt sich zumindest offen, eine mögliche Beteiligung zu diskutieren

 17.03.2026