Thüringen

»Wir brauchen mehr Normalität«

Wie wird Bildungsarbeit nach den Empfehlungen von Zentralrat und Kultusministern vermittelt? Und wo hakt es in Schulen?

von Blanka Weber  07.05.2018 12:22 Uhr

Foto: imago/MITO

Wie wird Bildungsarbeit nach den Empfehlungen von Zentralrat und Kultusministern vermittelt? Und wo hakt es in Schulen?

von Blanka Weber  07.05.2018 12:22 Uhr

Es ist ein sonniger Tag in Erfurt. Kinder strömen auf den Petersberg und toben auf einem Spielplatz. Es sind Kinder der oberen Klassenstufe einer Regelschule. Und plötzlich ruft jemand mit sarkastischem Unterton: »Du Jude!« – nicht nur einmal. Auch der Beschimpfte antwortet seinerseits mit der gleichen Formulierung im gleichen bissigen Ton. Was ist los auf den Spielplätzen dieser Republik?

Die Lehrerin – wenig später informiert – ist betroffen und schweigt. Auch eine zweite Pädagogin, die an jenem Tag die Kinder ehrenamtlich zum Ausflug begleitet hat, bedauert den Vorfall und beteuert, auch sie habe das Wort nicht gehört, sonst hätte sie sofort gehandelt.

»Ich war es nicht!«, sagt einer der Jugendlichen später, und das ganze Dilemma wird klar: ich nicht, aber die anderen. Und genau die haben wohl etwas getan, was man nicht tun sollte. Das Warum ist ihnen nicht klar.

schimpfwort Auch Beate Wichmann ist Lehrerin in Thüringen. Engagiert und couragiert setzt sie sich seit Jahren in ihrer Freizeit und im Unterricht gegen Antisemitismus, Rassismus und alle Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ein. »Jude als Schimpfwort«, sagt sie, »ja, das gibt es. Das hört man. Aber noch öfter hört man: Du schwule Sau!«

Was also tun, wenn Wörter verunglimpfend benutzt werden, um meist Gleichaltrige ganz bewusst zu schikanieren? »Den Stoff lernen unsere Kinder erst in Klasse 9! Vorher wissen sie nichts über den Holocaust«, sagt eine andere Lehrerin entschuldigend. Kann dieses Nicht‐Wissen wirklich entschuldigen? Wenn ja, bis zu welchem Alter? Beate Wichmann hat dazu eine klare Meinung: »Ich würde eben auch sagen, es ist nicht nur ein Problem von Antisemitismus. Wir müssen gegen Diskriminierung in jeder Form vorgehen.«

Genau hier setzt die kommentierte Materialsammlung der Kultusministerkonferenz (KMK) an und will Antworten liefern, didaktische Hilfen geben und Wissen über das Judentum vermitteln. Seit drei Wochen ist dieses Wissen nun online zugänglich unter www.kmk-zentralratderjuden.de – »eine Materialsammlung«, sagt Torsten Heil, KMK‐Pressesprecher, »die auch ergänzt und erweitert werden soll«. Jetzt zumindest ist es eine umfängliche Einladung für Lehrer und Erzieher, das Thema als Baustein im Unterricht zu verwenden. Und dies nicht erst ab Klasse 9.

»Jetzt müsste damit gearbeitet werden«, sagt eine Lehrerin, die öffentlich nicht genannt werden möchte. Zu oft wird sie belächelt, wenn sie sich gegen Antisemitismus engagiert, Stolpersteine anregt oder Weiterbildungen für Kollegen organisiert und empfiehlt. »Du immer mit deinen Juden«, höre sie manchmal hinter vorgehaltener Hand. Vielleicht ist es auch humorvoll gemeint, doch es kränkt, trifft und ist deplatziert, wenn sich ein Mensch für ein Thema engagiert, das in den Augen anderer als lästig gilt.

grundproblem Auch Reinhard Schramm, der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, muss sich oft mit Antisemitismus auseinandersetzen. »Es ist mehr geworden in letzter Zeit, die Drohbriefe sind stärker geworden, und was sich geändert hat: Der Antisemitismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen«, so sein Fazit.

Auch in Thüringen gab es einzelne Vorfälle von Antisemitismus, auch an Schulen. Doch nach wie vor wird hier nicht genau erfasst, ob eine Äußerung nun antisemitisch, rassistisch oder beides ist. Die Rubrik »besondere Vorkommnisse« beinhaltet derzeit keine detaillierten Angaben. Auch das ist ein Problem. Und, meint Reinhard Schramm, es ist der Umgang mit der Geschichte, der ihn europaweit stört. »Wenn ich das Gefühl habe, dass ganze Länder vergessen, was in der Vergangenheit war, also Geschichtsvergessenheit stattfindet, dann wird das alles auch im Persönlichen stattfinden. Im Ergebnis fehlt das Wissen. Ich mache keinem einen Vorwurf, aber hier ist Bildung gefragt! Ich denke, dass man viel mehr erreichen könnte.«

Aus Sicht mancher Lehrer entsprechen die Unterrichtsmaterialien oftmals nicht dem neuesten Stand, die Lehrpläne sind zu vollgepackt. Wissen wird mehrfach abgefragt, ohne es wirklich in die Köpfe und Herzen transportiert zu haben. »Fakten wiederkäuen«, nennt es eine Schülerin und sieht hier ein Grundproblem in der Vermittlung.

lehrplan »Es geht um Identität«, sagt Thomas Roschke, der als Pädagoge dem Thema eng verbunden ist und mit einer Gruppe Jugendlicher vor einigen Wochen eine Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz unternommen hat. Als Ergebnis dieser Reise ist im Erinnerungsort Topf&Söhne Erfurt eine Ausstellung mit Fotoarbeiten seiner Schüler entstanden. »Unsere Aufgabe ist es, Interesse zu wecken. Ich freue mich wie ein kleiner König, wenn dann auch das Interesse beibehalten wird.«

Die beiden Schülerinnen Teresa und Marina waren dabei und wissen, dass manche Jugendliche in ihrem Umfeld durchaus kritisch darüber diskutieren – nach dem Motto: »Das war doch gar nicht so schlimm damals.« »Dann sagen wir: Nein! Wir haben uns Auschwitz angesehen, können erahnen, wie dort Vernichtung von Millionen stattgefunden hat.«

Die beiden jungen Frauen werden derzeit zu Heilerzieherinnen ausgebildet und sind sensibilisiert, wenn Menschen ausgegrenzt werden, auch Behinderte. Das Schimpfwort: »Bist du behindert, oder was?« stört sie genauso wie »Du Jude!«. Viele würden denken, man habe heute nichts mehr mit dem Holocaust und den Juden zu tun, so die Erfahrung der beiden. Warum also sollte man sich damit auseinandersetzen?

»Ich habe das Gefühl, dass wir mit Begegnungen und mit den Fahrten in Gedenkstätten mehr erreichen könnten«, sagt eine der Schülerinnen. Doch genau diese müssen gut vor‐ und auch nachbereitet werden, um Sätze wie »Warum habe ich Verantwortung? Ich war doch nicht beteiligt!« künftig zu vermeiden. In ihrer Fotoausstellung skizzieren die Schüler mit imaginären Umrandungen Personen, die Auschwitz nicht überlebt haben. Rote Striche ziehen sich wie Blitze und tiefe Risse durch ihre Schwarz‐Weiß‐Bilder. Das Plädoyer der beiden Schülerinnen:
»Die Lehrpläne müssten flexibler sein und die Chance geben, dass wir uns eigenständig damit beschäftigen und auseinandersetzen können. Dann kommt automatisch die Frage: Was hat das mit mir zu tun?« Noch etwas geben sie den Lehrplanverantwortlichen mit: »Bringt den Schülern mehr Vertrauen entgegen. Und: Zwei Stunden Geschichte pro Woche sind zu wenig.«

mikro‐geschichte Pädagogen in den Gedenkstätten, wie Rebekka Schubert, die in Erfurt für den Lern‐ und Erinnerungsort Topf&Söhne arbeitet, sieht durchaus Nachholbedarf in der breiten Bildung. »Die Arbeit sollte intensiver werden.« Vor allem die außerschulischen Lernorte seien ein Vorteil, doch manchmal eben auch eine bürokratische Hürde. Es mache Arbeit, Fahrten und Ausflüge zu organisieren. Viele LehrerInnen hätten genau dafür nicht den Rücken frei. Erschwerend komme hinzu, das bestätigen auch Pädagogen der Schulen, dass die Lehrpläne einfach zu voll seien, um hierfür Zeit zu haben.

»Doch genau das braucht man, um der neuen Generation bewusst zu machen, dass es unsere Vergangenheit ist«, meint der Pädagoge Roschke. »Es geht um das Menschsein«, ergänzt Rebekka Schubert. »Im Lehrplan steht die Makro‐Geschichte. Wir setzen uns mit Mikro‐Geschichte auseinander und fragen nach Motiven und Handlungen einzelner Beteiligter.«

Ihr Kernthema und damit die Brücke zur Gegenwart lautet: »Wann beginnt man, solidarisch zu sein?«. Rebekka Schubert verweist auf die früheren Mitarbeiter des Erfurter Unternehmens Topf&Söhne. »Allesamt waren sie vermutlich keine Anti‐
semiten und haben dennoch mitgemacht – beim Entwerfen und Bauen der Verbrennungstechnik, der Öfen und Gaskammern, auch für Auschwitz.« Ansatz sei Erziehung zur Demokratie.

humor Genau das will auch Thüringens Bildungsminister Helmut Holter – er hat als amtierender Präsident der KMK als Thema die Demokratiebildung gewählt. »Wir überarbeiten gerade die Empfehlungen der KMK dazu, ebenso zur Menschenrechtserziehung. Das wird als Dokument und Ergebnis vorgelegt. Es sind Empfehlungen.« Doch wie verbindlich sind Empfehlungen? Und wie konsequent setzen Lehrerinnen und Lehrer diese Materialien im Alltag um?

»Ich glaube«, sagt Martin Kranz, Intendant des Festivals Achava, »wir brauchen einen neuen Weg, mit dem Judentum umzugehen. Wir müssen das Thema neu deklinieren.« Ende April rief er mit vielen Partnern, Organisationen und Vereinen zu »Thüringen trägt Kippa« auf – ein Erfolg mit mehr als 300 Teilnehmern. »Dennoch«, sagt Kranz, »wir brauchen eine Normalität beim Thema Judentum.« Viele seien unsicher, mit einem didaktischen Zeigefinger komme man daher nicht weiter. Es gehe vor allem auch um das jüdische Leben heute.

Wie sieht es aus? Kann man mit Juden lachen? »Ja, Humor ist großartig. Wir müssen das Thema in die Normalität des Alltags hineinbewegen.« In der Zusammenarbeit mit vielen Pädagogen habe er bemerkt, dass es an grundlegendem Wissen fehlt. »Das ist meist auch gar nicht böse gemeint.« Es hänge vielmehr mit der Sozialisierung zusammen. Oft fehle das Wissen über Juden vor, aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Genau bei diesem Vakuum müsse man ansetzen. Lehrer seien oft verunsichert, was darf, was kann man sagen – und genau diese Unsicherheit würde sich auf die Kinder und Jugendlichen übertragen.

lokalgeschichte Reinhard Schramm blickt auf die neue Materialsammlung mit einem sehr positiven Gefühl. »Die Bundesländer sollten sich einigen bei der Einschätzung des Nationalsozialismus. Man müsste einen gemeinsamen Lehrplan für alle Bundesländer erarbeiten. Der Nationalsozialismus war gleich, egal wo.

Zusätzlich sollte man in jeder Region, jedem Bundesland, die Lokalgeschichte aufarbeiten. Wo waren Lager? Was passierte in den kleinsten Dörfern? Damit man eben nicht sagen kann: Antisemitismus passierte irgendwo in Deutschland, nein, auch bei mir im Dorf. Und wenn ich nichts tue, passiert es wieder. Hier kann ein Lehrplan ansetzen und zeigen, was das Spezifische vor der eigenen Haustür war.«

Ein einheitliches Meldesystem für antisemitische Vorfälle will die KMK nun thematisieren. »Aber die Frage ist nicht, ob wir etwas nur erfassen, sondern ob wir erkennen, dass es solche Äußerungen und Überzeugungen gibt. Dann müssen wir mit Wissensvermittlung, aber auch mit Emotionen antreten. Ich bin da bei Reinhard Schramm – wir müssen zeigen: Die Vernichtung der Juden hat nicht irgendwo stattgefunden, sondern in unmittelbarer Nachbarschaft«, sagt Holter.

Nahostkonflikt Nun stellt sich die Frage, wie die einzelnen Bundesländer damit umgehen, Lehrpläne ergänzen und neue Schulbücher ordern. »Die Erinnerungskultur muss für die aktuelle und kommende Schülergenerationen so aufbereitet werden, dass es gerade auch Schülerinnen und Schülern mit einem antisemitischen Weltbild die Augen im Hinblick auf ihre eigene Einstellung öffnet«, formuliert es Ilas Körner‐Wellershaus vom Klett‐Verlag. »Dafür gibt es noch keine fertigen Lösungen, aber erste neue Elemente, an denen wir arbeiten.«

Module seien im Gespräch, ebenso Unterrichtsmaterialien, die man mit der Deutsch‐Israelischen Schulbuchkommission angedacht hat. »Da sind wir dabei«, so Körner‐Wellershaus, die einen Punkt als wesentlich erachtet: »Viele Lehrpläne reduzieren Israel auf den Nahost‐Konflikt. Das war auch eine Erkenntnis aus den Analysen der Schulbuchkommission. Es sind dazu bereits Kapitel in Bildungsmedien entstanden, die sich mit der Frage demokratischer Strukturen im Nahen Osten beschäftigen.«
Lehrer übertragen oft ihre eigene Unsicherheit auf die Kinder und Jugendlichen.

Rebekka Schubert vom Erinnerungsort Topf&Söhne setzt auf die Verantwortung, die jeder Einzelne heute in der Gesellschaft hat. »Wir können Jugendlichen Einblick in die den menschlichen Handlungen zugrunde liegenden Muster geben und sie dafür sensibilisieren, dass wir in der Gesellschaft eine Grundsolidarität brauchen. Das sind die Grundlagen, wie ich meine Arbeit hier begreife«, fasst sie ihren Vermittlungsauftrag zusammen. Ihr Rezept: »Lasst uns im fächerübergreifenden Unterricht das Thema vermitteln, nicht nur in Ethik und Geschichte auch im Sport beim Fair Play im Fußball!«

Ginge es nach dem Thüringer Bildungsminister Helmut Holter, so müsste sich auch die Kultur des Vermittelns von Fachwissen ändern. »Es geht nicht nur um Chronologie, um Zahlen, Daten, Fakten, sondern um das Leben drum herum. Was hat sich abgespielt? Wie haben die Menschen miteinander gelebt? Wie kam es, dass ich heute noch mit meinem Nachbar befreundet bin, ihn aber morgen nicht mehr grüße, weil er Jude ist? Das sind Dinge, die meines Erachtens zur Geschichte, zu dem, was über Geschichte erzählt werden muss, dazu gehören, und das können Lehrerinnen und Lehrer gut vermitteln. Dazu müssen wir sie befähigen und auch ermutigen«, sagt Holter.

fortbildungen Genau das wollen auch jene, die für Fortbildungen der Lehrer im Bundesland Thüringen verantwortlich sind. Andreas Jantowski zum Beispiel, der Direktor des ThILLM (Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien). Sein Fazit: Die Lehrer wollen sich fortbilden. Es besteht Bedarf. Und diesen Satz kann man durchaus vieldeutig interpretieren. Manch eine Pädagogin bemängelt, dass die Kommunikation zwischen Ministerium, ThILLM und Schulämtern bis hin zu den Schulleiterberatungen besser werden müsse. Wegen anderer drängender Themen – wie Stundenausfall – kämen Themen wie Judentum oder Antisemitismus kaum auf die Tagesordnung.

»Ein Angebot schafft noch keine Nachfrage«, skizziert sie das Problem mit Blick auf die nun vorliegende Materialsammlung. Janine Patz vom Zentrum für Rechtsextremismusforschung, Demokratiebildung und gesellschaftliche Integration (KomRex) der Friedrich‐Schiller‐Universität Jena geht noch einen Schritt weiter. 2016 hat sie Interviews zur Bewertung der Demokratiebildung in Thüringen geführt. Das Ergebnis: Die Befragten bemängeln nicht nur das Demokratieverständnis, die Studie zeigt auch einen Bedarf auf – bezüglich des professionellen Handelns von Fachkräften, insbesondere von Lehrern.

www.kmk-zentralratderjuden.de

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