#Gemeindetag19

Wir bleiben dabei

Es gibt zwei Termine im Kalender des Zentralrats, auf die ich von Gemeindemitgliedern immer wieder ungeduldig angesprochen werde: Wann findet die nächste Jewrovision statt? Und: Wann ist wieder Gemeindetag?

Doch während bei der Jewrovision vor allem unsere jungen Gemeindemitglieder zappelig werden, zieht sich die Vorfreude auf den Gemeindetag quer durch alle Altersstufen. Denn mit unserem viertägigen Event, das in diesem Jahr zum dritten Mal in Berlin stattfindet, sprechen wir alle an, von Jung bis Alt, vom Single bis zur vielköpfigen Familie, von traditionell bis säkular.

vorfreude In diesem Jahr ist allerdings neben der Vorfreude auf das »Mini-Machane für Erwachsene«, wie mein Vorgänger und Schöpfer des Gemeindetags, Dieter Graumann, es nannte, auch zu spüren, dass es großen Gesprächsbedarf gibt. Denn die politische Entwicklung in Deutschland macht vielen von uns Sorgen. Deshalb möchten wir uns miteinander und mit den Politikern, Wissenschaftlern und Publizisten austauschen, die beim Gemeindetag zu Gast sein werden.

Dem politischen Gespräch mit hochkarätigen Gästen haben wir auf diesem Gemeindetag noch mehr Raum gegeben.

Diesen Gesprächsbedarf greifen wir auf. Dem politischen Gespräch mit hochkarätigen Gästen haben wir auf diesem Gemeindetag noch mehr Raum gegeben. Dabei weichen wir keinem aktuellen Thema aus.

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In fünf thematische Blöcke teilen sich die Podiumsdiskussionen und Werkstattgespräche auf: Bildung, Demokratie stärken – Antisemitismus bekämpfen, Israel, Jüdische Gemeinden und Glauben sowie – erstmals – Jüdisch-Muslimischer Dialog.

leitgedanke Den Gemeindetag haben wir mit einem Leitgedanken überschrieben, der den Grundtenor beschreibt, unter dem alle Diskussionen stattfinden: In Deutschland zu Hause. Ich will nicht verschweigen, dass wir diesen Leitgedanken vor Jom Kippur entwickelt haben. Dann geschah der rechtsterroristische Anschlag von Halle. Und die Stimmen in der jüdischen Gemeinschaft, die Deutschland als Zuhause infrage stellen, wurden lauter. Müssen wir also hinter unseren Leitgedanken ein Fragezeichen setzen?

Vielleicht überrascht es Sie, aber ich sage: Definitiv nein! Es ist nicht so, dass ich die Lage in Deutschland schönreden oder nicht sehen will. Nicht nur Halle, sondern auch viele weitere antisemitische Übergriffe im Jahr 2019 sowie die hohe Zustimmung der Wähler für die immer radikalere AfD sind extrem beunruhigend und stimmen mich nachdenklich.

Die politische Entwicklung in Deutschland macht vielen von uns Sorgen.

Doch festzuhalten bleibt auch: Es war genau die Absicht des Attentäters von Halle, Juden dazu zu bringen, Deutschland nicht länger als ihre Heimat zu betrachten. Wer jetzt über Auswandern nachdenkt, spielt dem Attentäter in die Hände.

reflex Als erster Reflex nach dem Anschlag sind solche Gedanken mehr als verständlich. Wir dürfen aber auch nicht übersehen, dass neben den staatlichen Institutionen auch die große Mehrheit der Bevölkerung die Ansichten des Attentäters nicht teilt. Im Gegenteil: solche Ansichten verabscheut und verurteilt.

Daher ist für mich die entscheidende Frage: Was muss passieren, damit Deutschland unser Zuhause bleiben kann? Und auch noch das Zuhause unserer Kinder und Enkel. Diese Frage lässt sich nicht in einem Satz beantworten. Ich will nur ein paar Gedanken anreißen.

Neben besseren Schutzmaßnahmen unserer Einrichtungen durch die Polizei muss sich vor allem gesellschaftlich etwas ändern. Der Kampf gegen den Antisemitismus muss beherzter geführt werden – von allen.

zusammenarbeit Der Zentralrat der Juden konzentriert sich derzeit auf die Schulen: Durch unsere inzwischen dreijährige Zusammenarbeit mit der Kultusministerkonferenz, durch unsere Arbeit zur Verbesserung der Schulbücher und durch unser Begegnungsprogramm Likrat, das 2020 unter neuem Namen fortgeführt und ausgeweitet wird, versuchen wir, vor allem bei jungen Menschen Antisemitismus vorzubeugen und Vorurteilen entgegenzuwirken.

Hinzu kommen weitere Mosaiksteine wie unser Wirken auf vielen Ebenen gegen Hate Speech im Internet oder unser Engagement für rechtliche Verbesserungen wie eine Verschärfung des Strafrechts. Auch die Berufung von Militärrabbinern in die Bundeswehr wird zum Abbau von Antisemitismus beitragen.

Ich bin davon überzeugt, dass wir sehr viel erreichen können, um Deutschland zu einem liebens- und lebenswerten Zuhause zu machen.

Ich bin davon überzeugt, dass wir sehr viel erreichen können, um Deutschland zu einem liebens- und lebenswerten Zuhause zu machen, nicht nur für Juden, sondern für alle Bürger. Dafür ist es notwendig, dass alle Demokraten an einem Strang ziehen und ihren Optimismus nicht verlieren.

politik Der Gemeindetag wird uns Gelegenheit geben, uns über diese Fragen auszutauschen und unsere Gedanken und Bedenken auch gegenüber der Politik zu artikulieren. Wir werden dies als kraftvolle jüdische Gemeinschaft tun, die selbstbewusst sagt: In Deutschland zu Hause!

In diesem Sinne wünsche ich allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Gemeindetags und allen, die die Veranstaltung über die Livestreams und sozialen Medien verfolgen, vier Tage intensiver Begegnungen, bereichernder Gespräche und eines fröhlichen Miteinanders!

Der Autor ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

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