Essay

Wie die internationale Klima-Szene beim Thema Israel ausrastet

Lorenz S. Beckhardt, Co-Vorsitzender des Verbandes Jüdischer Journalistinnen und Journalisten Foto: Monika Sandel

Der israelische Pavillon ist nicht leicht zu finden. Er liegt unauffällig in einem schattigen Durchgang. Die Tür ist geschlossen. Ein Wachmann sitzt davor. »It’s closed today«, sagt er. Ich solle morgen wiederkommen.

Ich bin irritiert. Nebenan residieren die USA, der deutsche Pavvillon liegt ein paar Schritte entfernt. Überall stehen die Türen offen, gehen Menschen geschäftig ein und aus. Bei den Australiern hat sich eine Warteschlange von der Kaffeebar bis nach draußen gebildet. Dass es hier den besten Kaffee auf der COP28 gibt, der Weltklimakonferenz in Dubai, das hat sich rumgesprochen.

Ob etwas mit den Israelis geschehen sei, frage ich besorgt den Mann von der Security. Der zuckt die Achseln: »I don’t know. Come tomorrow!« Dann durchzuckt es mich. Welchen Tag haben wir? Schabbes!

Bist Du blöd, rufe ich mir zu. So unscheinbar wie der  Auftritt Israels auf der COP auch sein mag, das Alleinstellungsmerkmal, an einem Tag den Pavillon zu schließen, egal was der Rest der Welt macht, das haben sie.

Als ich am nächsten Tag wiederkomme, sitzt der Mann dort noch immer. »Still closed?«, frage ich. Er schüttelt den Kopf und drückt die Tür auf. Drinnen sitzen fünf einsame Menschen im Halbdunkel und essen ein Reisgericht von Papptellern. Ein paar Stühle, Tische, darauf Broschüren, ein toter Bildschirm, eine wenig einladende, düstere Atmosphäre.

»Chag Chanukka sameach«, reiche ich dem Herrn, der auf mich zukommt und sich als Chef des Pavillons zu erkennen gibt, die Hand. Nein, sagt er, es habe keine Anfeindungen gegeben bisher. Direkt gegenüber hätten die Gastgeber, die Vereinigten Arabaischen Emirate ihren Pavillon. »Sie sind sehr gut zu uns. Wir fühlen uns absolut sicher.«

Ich entspanne mich. Seit 2009 nehme ich als Journalist an den Weltklimakonferenzen des UN-Klimasekretariats UNFCCC teil. Noch nie waren die Proteste der internationalen Klimaschutzbewegung so aggressiv wie in Dubai. Der Geist Greta Thunbergs hat die Klimademos okkupiert, die täglich auf dem Konferenzgelände stattfinden. Statt Saudi Aramco, Exxon, Chevron, Shell oder PetroChina heißt der Feind jetzt Israel.

Der Dachverband Climate Action Network International, abgekürzt CAN, dem nach eigenen Angaben über 1800 Organisationen in 130 Ländern angehören, vergibt seit zwei Jahrzehnten an jedem Konferenztag pünktlich um 18 Uhr Ortszeit den Negativpreis »Fossil of the Day«.

Es ist ein witziges Event. Der Moderator kommt als Zorro verkleidet. Ein Darsteller, der das Land verkörpert, das den Preis erhält, pellt sich aus einem Dino-Kostüm und nimmt unter johlendem Gelächter das »Fossil« entgegen, während das Urteil der Jury verlesen wird.

Der Staat, der aktuell die Klimaverhandlungen am heftigsten stört, bremst, sabotiert, wird ausgebuht und an den Pranger gestellt. Es liegt in der Logik des Klimawandels, dass es am häufigsten Industrieländer trifft, die USA, die EU, Kanada, Australien, aber auch Russland, China, die Ölstaaten selbstverständlich, vor allem Saudi Arabien.

Es ging beim »Fossil of the Day« eigentlich immer um Klimaschutz – bis zum Abend des 8. Dezember 2023, Erev Schabbat. Da steht plötzlich Israel am Pranger. Klar, der Pro-Kopf-CO2-Fußabdruck der Israelis ist ähnlich groß wie der deutsche. Die israelische Klima-Performance hat Luft nach oben. Israel verfeuert gerade im Energiesektor deutlich mehr Kohle und Gas als Deutschland, hat umgekehrt noch viel zu wenig erneuerbare Energien am Start.

Doch um Israels Klimapolitik geht es nicht. »There is no climate justice without human rights«, skandieren die Klimaaktivisten. Befänden wir uns nicht auf exterritorialem UN-Gelände, würde die Aktion in Windeseile von der emiratischen Polizei abgeräumt, denn für Menschenrechte kann man in den VAE nicht demonstrieren. Doch ginge es beim »Fossil of the Day« um Menschenrechte, müssten Länder wie der Iran, Afghanistan, Burkina Faso oder Venezuela die Hitliste anführen.

Zwei Tage später rastet die Klima-Szene völlig aus. Erneut wird Israel zum »Fossil«. Dieses Mal wegen angeblicher »ethnischer Säuberungen in Gaza« und einer »eliminatorischen Kriegsführung«. Die Vetreter der deutschen Mitgliedsorganistationen von CAN, darunter Greenpace, der WWF, die Deutsche Umwelthilfe, die Welthungerhilfe, Brot für die Welt, Misereor, Oxfam, Care, das Öko-Institut, der Nabu, der BUND und Germanwatch sehe ich nicht unter den Applaudierern. Sie schweigen, gehen auf Tauchstation, ein paar wirken erschrocken.

Nachdem ich auf X (vormals Twitter) öffentlich die Frage stelle, wie sich Israelhass und Klimaschutz vereinen lassen, spricht mich eine deutsche Vertreterin vertraulich an.

Ihre Stimme bebt. Die Südafrikanerin Tasneem Essop, Generalsekretärin von CAN, sagt sie, führe seit Jahren einen persönlichen Kreuzzug gegen Israel. Jetzt sehe sie ihre Zeit gekommen. Wer ihr in internen Sitzungen widerspreche, auf den Terror der Hamas verweise, die israelischen Geiseln erwähne, werde niedergebrüllt wie einst die Angeklagten vor dem deutschen Volksgerichtshof. Dabei habe sie die Mehrheit der internationalen Klimabewegung hinter sich. Sie betont: »Denen geht es nicht um den Schutz palästinensischer Zivilisten, die stehen klar auf der Seite der Hamas.«

Tagsdrauf höre ich, dass sich ein paar Deutsche aus Gremien von CAN zurückgezogen hätten. Austreten mag keiner. »Nie wieder ist jetzt« - eine wohlfeile Floskel.

Nach dem Ende der Weltklimakonferenz spaziere ich über das Gelände. Menschenleere, wo eben noch Zehntausende umherhasteten. Die Tür des israelischen Pavillons steht offen. Zwei Männer stapeln Stühle. »Am Israel chai!« hat jemand mit blauem Filzstift an die Wand gekritzelt.

Der Autor ist Redakteur beim WDR in Köln und Autor des Bestsellers »Der Jude mit dem Hakenkreuz: Meine deutsche Familie«.

Teheran

Trotz Angriffen: Iran mobilisiert zu Al‑Kuds‑Protesten

Zum Ende des Fastenmonats Ramadan findet im Iran immer eine staatlich-inszenierte Großdemonstration gegen Israel statt. Die Führung rief die Bevölkerung auf, es dem »Feind« zu zeigen

 13.03.2026

Andenes

Kanzler Merz sieht keinen Anlass für Militäreinsatz in Straße von Hormus

Der französische Präsident treibt die Idee eines Militäreinsatzes zum Schutz von Öltankern und Handelsschiffen in der Straße von Hormus voran. Kanzler Merz ist da deutlich zurückhaltender

 13.03.2026

Washington D.C.

»Schaut mal, was heute mit diesen geistesgestörten Drecksäcken passiert«

»Wir verfügen über beispiellose Feuerkraft, unbegrenzte Munition und viel Zeit«, schreibt der amerikanische Präsident auf seiner Plattform Truth Social

 13.03.2026

Maskat

Bericht: Tote und Verletzte durch Drohne im Oman

Woher die Drohnen kamen, war zunächst nicht bekannt. Trotz Vermittlungsbemühungen wurde der Oman mehrfach zum Ziel iranischer Angriffe

 13.03.2026

Meinung

Iran: Der Verrat des Westens

Die Islamische Republik ist angeschlagen, doch ihre Unterstützer im Westen sind nach wie vor aktiv

von Jacques Abramowicz  13.03.2026

Paris

Nationaler Widerstandsrat will Übergangsregierung im Iran stellen

Die Gruppe exilierter Iraner will nach dem Sturz der Mullahs innerhalb von sechs Monaten Wahlen durchführen. Der Widerstandsrat ist jedoch höchst umstritten

 13.03.2026

Nahost

US-Tankflugzeug bei Einsatz im Irak abgestürzt

Vier der fünf Crew-Mitglieder starben

 13.03.2026

Incirlik

Iranische Rakete auf NATO-Stützpunkt in der Türkei abgefeuert

Als Reaktion auf die wachsende Bedrohung verstärkt die Allianz ihre Luftverteidigung in der Region. Ankara droht derweil dem Regime in Teheran

 13.03.2026

Analyse

Der strategische Fehler Teherans – und die Chance auf eine neue Ordnung im Nahen Osten

Wie der Krieg gegen das iranische Regime die Machtverhältnisse der Region dauerhaft verändern könnte

von Sacha Stawski  13.03.2026