Krieg in der Ukraine

Ratlos in Berlin

Menschen in Kiew suchen wegen der Angriffe Zuflucht in einer U-Bahn-Station. Foto: picture alliance / AA

Es ist der 24. Februar 2022. Es ist 6:07 Uhr. Der Blick auf das Telefon sollte Snooze anbieten, stattdessen: Rot blinkt es im Ruhezustand: Russland greift die Ukraine an.

Sofort wach, sofort Nachrichten, Deutschlandfunk, BBC, CNN laufen parallel, und überall Putin: »Wer auch immer versucht, uns zu stoppen, der sollte wissen, dass Russlands Antwort schnell sein wird und Konsequenzen hat, solche, die es in der Geschichte noch nie gab«. Über Entnazifizierung schwurbelt er, aber die Empörung darüber wird überholt von Gedanken an Stipendiaten und Stipendiatinnen. An Familien. An Freunde und Freundinnen.

Vor kaum einer Woche hatten wir die Reisewarnung an Stipendiaten und Stipendiatinnen in der Ukraine weitergegeben, danach den Ausreiseaufruf. Gali hatte geschrieben, vier Tage ist das her, sie müsse trotzdem nach Kiew, müsse ihren Vater holen, ihren Bruder. Igor hatte geschrieben, war nach Kiew gereist, um zivilgesellschaftliche Organisationen zu unterstützen. Lana hatte geschrieben, sie werde ihre Recherche für die Promotion abbrechen, aber es gebe keine Verbindungen aus der Ukraine nach Deutschland.

6:50 Uhr und Ehemalige melden sich, ob wir helfen können, Familien nach Deutschland zu holen.

Gibt es einen Grenzübergang, der sicher ist? Wissen wir das? Natürlich wissen wir das nicht. Ab 8 Uhr Telefonate, E-Mails, Nachrichten: Wie bekommen wir die Stipendiaten und Stipendiatinnen raus aus der Ukraine? Aus Lviv, aus Kiew, aus Odessa, aus den neuen unabhängigen Gebieten? Was ist mit ihren Familien? Was mit denen, die keine deutschen Pässe haben? Und was ist mit den Grenzübergängen?

Bis zum Mittag Anrufe, Beratungen, oder nur das: Zuhören. Mittags ein Anruf bei der ZWST: Sofort klare Antworten, was getan werden kann. Ruhige, klare Informationen, Unterstützung. Alles weitergeben, während auf den Social-Media-Kanälen allen entfolgt wird, die nach Karneval fragen. Am Nachmittag der Anruf bei einem der Ämter, die uns fördern. Es gibt keine Antwort, keine Hilfsangebote, dafür knappe Hinweise, wo sich Stipendiaten und Stipendiatinnen informieren können. Auf Webseiten. Bei E-Mail-Verteilern. Dass das Mobilfunknetz kaum standhält, das interessiert niemanden. Aber Bilder vom Brandenburger Tor in den Farben der ukrainischen Flagge, die werden über die sozialen Medien gejagt. Andere Kanäle, ein anderes Amt, dieselben Aussagen.

Daneben immer wieder Fetzen Nachrichten: Völkerrecht, dann Bundeskanzler Olaf Scholz, der sagt: »Zwei Flugstunden von Berlin entfernt sitzen gerade Familien in Luftschutzkellern. Frauen, Männer und Kinder bangen um ihr Leben.«

Seine Stimme wird übertönt vom piependen Soundtrack von Anrufen, Nachrichten, von E-Mails. Lana hat ein Auto geliehen, ist auf dem Weg zur polnischen Grenze. Stau gibt es, und aufflammende Einschläge am Horizont. Ein Anruf. Tränen. Schluchzen. Demonstrationen werden ausgerufen, Spendenkonten eingerichtet, es gibt fast schon verzweifeltes Ringen darum, Menschlichkeit zu zeigen. Stipendiat*innen und Ehemalige schreiben: Ich will helfen, aber wie?

Am Abend dann eine E-Mail aus einem der Ämter. »Sie haben eine Lösung gefunden«, denke ich, »es gibt Hilfe«. Es gibt keine Lösung. Es gibt keine Hilfe. Es gibt: Ermahnungen. Belehrungen. Hilfe sei jetzt für die Stipendiaten und Stipendiatinnen in der Ukraine nicht zu erwarten, schließlich gab es Reisewarnungen. Auf Steuergelder wird verwiesen. Steuergelder.

Die Nachricht sagt in reinstem Beamtendeutsch: »Selber Schuld«. Bürokratie als Verachtung der Menschlichkeit. Ich denke an Freunde und Freundinnen, an Familien. Frage mich, woher das kommt: dass gegen Hilferufe Paragrafen aufgestellt werden wie Wehrtürme. In der Zwischenzeit schreibt Lana, das geliehene Auto habe eine Panne, es gehe weiter zu Fuß, per Anhalter vielleicht, wenn jemand Menschlichkeit zeige.

Menschlichkeit, denke ich. Wir müssen mehr verteidigen als Heizkosten und Liberalität, auch mehr als Demokratie: Wir müssen die Menschlichkeit verteidigen. Aber was, wenn eine E-Mail am Abend das Ende der Menschlichkeit im paternalistischen Ton verkündet? Es werden Geflüchtete aus der Ukraine kommen, wieder Menschen, die vor Krieg, vor Verlust, vor Angst und Tod fliehen. Und die Zivilgesellschaft allein wird es nicht leisten können, die Geflüchteten zu schützen. Es wird Kreativität brauchen, und Flexibilität, es wird Menschlichkeit brauchen – und auch Steuergelder. Was es nicht brauchen wird, ist der hinter Paragrafen versteckte Satz: »Selber Schuld«.

»Wenn die Panzer auf dem Ku’Damm fahren«, schreibt ein Freund, »werden sich Menschen nicht hinter Paragrafen verstecken können«. Sie werden, denke ich, auch nicht akzeptieren können, dass sich andere hinter Paragrafen verstecken, wenn sie selbst appellieren an das, was bleibt, wenn alles um einen herum zerbricht: Menschlichkeit.

Der Autor ist Geschäftsführer des jüdischen Studienwerks ELES.

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