Dokumentation

»Wer Juden angreift, schlägt uns alle«

»Wer Synagogen zum Ziel von Hass und Gewalt macht, der rüttelt an den Fundamenten unserer freiheitlichen Gesellschaft«: Bundeskanzlerin Angela Merkel Foto: Marco Limberg

Dass heute wieder weit mehr als 100.000 Juden in Deutschland leben, das grenzt an ein Wunder. Das ist ein Geschenk, und das erfüllt mich mit großer Dankbarkeit.

Dass heute Menschen in Deutschland angepöbelt, bedroht und angegriffen werden, wenn sie sich irgendwie als Juden zu erkennen geben, oder auch, wenn sie für den Staat Israel Partei ergreifen, das ist ein ungeheurer Skandal. Das nehme ich nicht hin. Und das nehmen wir alle nicht hin, die wir heute hierhergekommen sind – und es sind viele; viele, die das genauso sehen. Es schmerzt mich, wenn ich höre, dass junge jüdische Eltern fragen, ob sie ihre Kinder in Deutschland großziehen können; oder Ältere, ob es richtig war, dass sie hiergeblieben sind.

wachsam Mit dieser Kundgebung machen wir unmissverständlich klar: Jüdisches Leben gehört zu uns. Es ist Teil unserer Identität und Kultur. Wir machen unmissverständlich klar: Diskriminierung und Ausgrenzung dürfen bei uns keinen Platz haben. Wer diskriminiert und ausgrenzt, hat mich und uns alle, hat die große Mehrheit der Menschen in Deutschland gegen sich. Wir machen unmissverständlich klar: Deutschland ist sich der immerwährenden Verantwortung nach dem Zivilisationsbruch der Schoa bewusst, entschieden gegen Antisemitismus vorzugehen und – besser noch – ihm vorzubeugen.

Wie wachsam wir sein müssen, das wurde uns in den vergangenen Monaten einmal mehr vor Augen geführt. Wir durchschauen die perfide Absicht des Antisemitismus: Jüdische Menschen sollen in unserem Land zu Außenseitern gemacht werden. Und wir setzen dem unser klares Bekenntnis entgegen: Jüdische Freunde, Nachbarn, Kollegen – sie sind in Deutschland zu Hause.

Im Namen der ganzen Bundesregierung verurteile ich jede Form von Judenfeindlichkeit in Deutschland und Europa auf das Schärfste. Ich weise alle antisemitischen Äußerungen und Übergriffe entschieden zurück – nicht zuletzt jene, die jüngst auf propalästinensischen Demonstrationen als vermeintliche Kritik an der Politik des Staates Israel daherkamen, tatsächlich aber einzig und allein Ausdruck des Hasses auf jüdische Menschen waren. Es ist besonders unerträglich, wenn schon Kindern judenfeindliche Parolen eingeimpft werden, die sie dann auf solchen Demonstrationen skandieren.

kampfansage Wer vollkommen legitime Kritik an politischem Handeln – sei es dem unseres Landes oder dem des Staates Israel – auf Demonstrationen nur als Deckmantel nutzt, um seinen Hass auf andere Menschen, seinen Hass auf Juden auszuleben, der missbraucht unsere so wertvollen Grundrechte auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Wer Menschen, die eine Kippa oder eine Kette mit einem Davidstern tragen, anpöbelt, angreift oder krankenhausreif schlägt, der schlägt und verletzt uns alle. Wer Grabsteine auf jüdischen Friedhöfen schändet, der schändet unsere Kultur. Wer Synagogen zum Ziel von Hass und Gewalt macht, der rüttelt an den Fundamenten unserer freiheitlichen Gesellschaft.

Wir mussten Worte hören, die eine Kampfansage an unser friedliches Zusammenleben sind. Wir mussten Taten sehen, die ein Angriff auf unsere Freiheit und Menschenwürde sind. Darüber können und dürfen wir nicht hinwegsehen. Und deshalb tun wir das auch nicht. Und deshalb sind wir heute hier.

Mehr noch: Der Kampf gegen Antisemitismus ist unsere staatliche und bürgerschaftliche Pflicht. Deshalb nehmen unsere Sicherheitsbehörden jeden Übergriff auf Juden und jüdische Einrichtungen sehr ernst. Ich sage: Das muss auch so sein – in jedem einzelnen Falle. Antisemitische Straftaten werden konsequent mit allen rechtsstaatlichen Mitteln verfolgt. Das gilt im Übrigen auch für Angriffe auf Moscheen. Auch sie nehmen wir nicht hin, auch sie werden konsequent verfolgt.

respekt Vor allem müssen wir darauf hinwirken, dass es gar nicht erst zu solchen Übergriffen kommt. Das ist eine Aufgabe, die jeden Einzelnen von uns betrifft. Sie spricht unser gemeinsames Verantwortungsbewusstsein für das Gemeinwohl an. Sie fordert Mut und Eigeninitiative, Solidarität, Toleranz und Weltoffenheit ein – Werte, die eine Gesellschaft erst menschenfreundlich und zukunftsfähig machen; Werte, die immer wieder aufs Neue vermittelt werden müssen.

Die Bundesregierung unterstützt hierzu vielfältige Aktivitäten: Projekte, die Toleranz fördern, Sozialkompetenz und Demokratieverständnis stärken; gerade auch für die Jugend- und Elternarbeit. Denn wir müssen bereits in den Familien allen Formen extremistischer und weltanschaulicher Diskriminierung und Gewalt den Boden entziehen.

Wir ermutigen Jugendliche und Erwachsene zu bürgerschaftlichem und sozialem Engagement. Wir investieren in Bildung und fördern Gedenkstätten. Dazu gehört auch, dass die Erinnerung und das Wissen um das schrecklichste Kapitel der deutschen Geschichte, der Zivilisationsbruch der Schoa, von Generation zu Generation weitergetragen werden müssen. Das sind wir den Opfern schuldig, ihren Nachfahren und uns allen, wenn uns das Wohl unseres Landes am Herzen liegt.

zuhause
Wir wollen, dass sich Juden in Deutschland sicher fühlen. Sie sollen spüren, dass dieses Land unser gemeinsames Zuhause – unsere gemeinsame Heimat – ist, in dem sie wie alle Menschen, die hier leben, eine gute Zukunft haben. Mit dieser Kundgebung setzen wir gemeinsam ein wichtiges Zeichen – ein Zeichen gegen Antisemitismus, gegen Extremismus und gegen Menschenfeindlichkeit. Wir setzen ein Zeichen für Respekt: Respekt vor dem Glauben und der Kultur des jeweils anderen, sei er Jude, Muslim oder Christ – ein Zeichen für ein friedliches und gedeihliches Miteinander in unserem Land.

Das ist unsere Botschaft. Ich wünsche mir, dass sie in die Mitte unserer Gesellschaft hinein und in die Welt hinaus wirkt.

Lesen Sie hier den Wortlaut der Rede von Zentralratspräsident Dieter Graumann:
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/20232

Magdeburg

Landtagspräsident Rausch plant außenpolitische Initiativen

Mit Tobias Rausch ist erstmals ein AfD-Politiker zum Präsidenten eines deutschen Landtags gewählt. Während noch über die Hintergründe seiner Wahl diskutiert wird, plant der 35-Jährige bereits außenpolitische Initiativen

 09.10.2026

Sondierungen

Lauterbach gegen Rot-Grün-Rot in Berlin

Karl Lauterbach hält den Antisemitismusvorwurf gegen die Linke in Neukölln für gerechtfertigt. Dennoch warnt er vor einer Gleichsetzung mit der AfD

 09.10.2026

Washington D.C.

Trump: Bis zu den Midterms keine Angriffe auf Iran

Am 3. November wird in den USA gewählt. Medien berichteten über mögliche neue Angriffe gegen den Iran noch vor dem Urnengang. Dem widerspricht der Präsident nun

 09.10.2026

Berlin

Zentralrat der Juden kritisiert Antisemitismus-Papier von Linken, Grünen und SPD

Die mutmaßliche neue Regierung will mit Gremien gegen antisemitische Ausfälle von Abgeordneten der Koalition vorgehen. Den Zentralrat der Juden, die Deutsch-Israelische Gesellschaft und die WerteInitiative überzeugt das nicht

 09.10.2026 Aktualisiert

Nahost

Huthis greifen Flughafen in Riad an

Die Huthi und die von Saudi-Arabien unterstützte Regierung bekämpfen sich im Jemen weiter. Auch Saudi-Arabien gerät immer wieder selbst in die Schusslinie. Droht eine weitere Eskalation am Golf?

 08.10.2026

Clan-Kontakte

Berliner SPD-Chef fordert Ausschluss von Ferat Koçak

Auch die Linken-Landesvorsitzende betonte, die Aufklärung sei noch nicht abgeschlossen

 08.10.2026

Kommentar

Allein mir fehlt der Glaube

Die Spitzen von Linken, Grünen und SPD in Berlin haben bei ihren Sondierungen in Berlin ein dreiseitiges Papier zur Bekämpfung von Antisemitismus vereinbart. Eine Einordnung

von Michael Thaidigsmann  08.10.2026

Washington D.C.

Medien: US-Regierung erwägt neue Angriffe auf den Iran

Seit Wochen gibt es im Krieg der USA gegen den Iran keine sichtbaren Fortschritte. Kurz vor den wichtigen Zwischenwahlen könnte US-Präsident Trump die Situation noch einmal eskalieren lassen

 08.10.2026

Gedenken

Litfaßsäulen in Berlin sollen an NS-Deportationen erinnern

Mehr 1000 jüdische Berlinerinnen und Berliner Juden wurden mit dem ersten sogenannten »Osttransport« aus der Hauptstadt deportiert. Eine neues Projekt soll an die Opfer des nationalsozialistischen Zivilisationsbruchs erinnern

 08.10.2026