Russland

Wenn Wissenschaftler zu »Landesverrätern« werden

Nicht nur offensichtliche Regierungskritiker leben in Russland gefährlich Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Erst glaubte Maxim Kolker an einen Betrugsversuch am Telefon, eine Art »Enkeltrick«. Sein Vater sei verhaftet worden, sagte die Stimme. Kolker hängte ein. Er hatte den krebskranken Vater, den bekannten russischen Physiker Dmitri Kolker, erst am Vortag ins Krankenhaus von Nowosibirsk gebracht. Doch dann rief dieser selbst an und bestätigte die Nachricht.

Wie die Familie später erfuhr, war Kolker senior wegen Landesverrats angeklagt worden – ein Vorwurf, der unter absoluter Geheimhaltung untersucht wurde und für den lange Haftstrafen drohen. Ebenso wie Kolker trafen Verrats- und Spionagevorwürfe zuletzt eine ganze Reihe von Personen, von Kreml-Kritikern und unabhängigen Medienschaffenden bis hin zu Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

Rasanter Zuwachs

In der jüngeren Vergangenheit wurden in Russland etwa eine Handvoll Verratsanklagen pro Jahr bekannt. Doch seit dem Krieg gegen die Ukraine ist ihre Zahl nach oben geschnellt, ebenso wie die der Spionagevorwürfe. Vor rund zwei Jahren forderte Präsident Wladimir Putin die Sicherheitsdienste auf, »die Handlungen ausländischer Geheimdienste hart zu unterdrücken und Verräter, Spione und Saboteure umgehend zu identifizieren«.

Solche Fälle liegen fast immer in den Händen des mächtigen Inlandsgeheimdiensts FSB, konkrete Anschuldigungen und Beweise werden nicht immer offengelegt. Die Beschuldigten werden oft in strenger Isolation im berüchtigten Moskauer Lefortowo-Gefängnis festgehalten. Gerichtsverhandlungen finden hinter geschlossenen Türen statt, lange Haftstrafen sind auf der Tagesordnung.

Die Rechtsberatungsgruppe »Erste Abteilung« um Anwalt Ewgeni Smirnow zählte im vergangenen Jahr mehr als 100 bekanntgewordene Fälle von Landesverratsvorwürfen. Wahrscheinlich gebe es ebenso viele weitere, von denen niemand wisse, sagt Smirnow. Je länger der Krieg dauere, desto mehr »Verräter« wollten die Behörden festnehmen. Schon nach 2014, nach der russischen Annexion der Krim, waren die Fälle angestiegen.

Zwei Jahre zuvor war die Definition von Verrat ausgeweitet worden: Demnach kann nun auch die Bereitstellung von »Unterstützung« für ausländische Länder oder Organisationen darunterfallen. Dem vorausgegangen wiederum waren Massenproteste gegen die Regierung, die der Kreml als vom Westen angezettelt verurteilt hat.

Massenproteste gegen die Regierung

Putin hatte zugesichert, dass es keine »weite Auslegung des Begriffs« geben sollte. Doch die Entwicklungen sprechen eine andere Sprache.
Wegen Verrats wurde etwa Iwan Safronow, ein Berater der Raumfahrtbehörde Roskosmos und ehemaliger Militärjournalist, zu 22 Jahren Gefängnis verurteilt. Den Schuldspruch sah sein Umfeld als Vergeltungsmaßnahme für Safronows Berichterstattung über militärische Zwischenfälle und dubiose Waffengeschäfte. »Es ist ein sehr gutes warnendes Beispiel dafür, dass Journalisten nicht über den Verteidigungssektor schreiben sollten«, erklärte seine Verlobte und Reporterkollegin Xenia Mironowa.

Auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit waffenrelevanten Themen wie Aerodynamik oder Hyperschall beschäftigten, gerieten ins Visier des FSB. Aus ihrer Umgebung heißt es, dass sie vielfach wegen Vorlesungen im Ausland oder der Zusammenarbeit mit ausländischen Forschenden angeklagt worden seien.
Der 77-jährige Anatoli Maslow, der sich mit Hyperschalltechnik befasste, wurde im Mai zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt. Ihm sowie zwei weiteren Kollegen wurden möglicherweise Vorträge bei internationalen Seminaren und Konferenzen, Zeitschriftenbeiträge oder internationale wissenschaftliche Projekte zum Fallstrick.

Krebskranken aus dem Krankenhausbett geholt und ins Moskauer Lefortowo-Gefängnis geworfen

Bei der Durchsuchung der Wohnung seines Vaters habe der FSB Ausschau nach Präsentationen gehalten, die der Physiker bei Vorträgen in China verwendet habe, sagt Maxim Kolker. Die Präsentationen seines Vaters seien für die Nutzung im Ausland genehmigt gewesen und auch im Inland gezeigt worden. »Jeder Student konnte verstehen, dass er darin nichts preisgab«, betont Kolker. Dennoch hätten FSB-Leute den krebskranken 54-Jährigen 2022 aus dem Krankenhausbett geholt und ins Moskauer Lefortowo-Gefängnis gebracht.

Der kranke Wissenschaftler rief seine Familie vom Flugzeug aus an, um sich zu verabschieden. Er habe gewusst, dass er das Gefängnis wohl nicht überleben würde, sagt der Sohn. Nur wenige Tage später erhielten die Angehörigen ein Telegramm, in dem sie über den Tod von Dmitri Kolker informiert wurden.

Krieg

USA und Iran ohne Einigung: Geht der Krieg jetzt weiter?

Verhandlungsmarathon, aber kein Deal - die Kriegsparteien Iran und USA konnten sich vorerst nicht auf einen Weg zum Frieden einigen. Was passiert jetzt?

von Sara Lemel  12.04.2026

Meinung

Hoffentlich wird Viktor Orbán abgewählt

Am 12. April stehen in Ungarn Wahlen an. Unter seinem langjährigen Ministerpräsidenten ist das Land zu einem russischen U-Boot in der Europäischen Union geworden

von Joshua Schultheis  12.04.2026 Aktualisiert

Krieg

»Schlechte Nachrichten für Iran«: Friedensgespräche zwischen USA und Mullahs scheitern

Wie es nun weitergeht, ist unklar

von Gaby Mahlberg  12.04.2026

Beirut

Unruhe im Libanon: Protest gegen Gespräche mit Israel

Die libanesische Regierung hat seit langem Gespräche mit Israel gefordert. Nun soll es bald so weit sein. Anhänger der Terrormiliz Hisbollah gehen dagegen auf die Straße

 11.04.2026

Pakistan

USA und Iran verhandeln in Islamabad

Die Delegationen aus den USA und dem Iran sind mit langen Wunschlisten in die pakistanische Hauptstadt gekommen. Die Gespräche über ein dauerhaftes Ende des Iran-Kriegs versprechen, schwierig zu werden

 11.04.2026

Armin Laschet im Deutschlandfunk

»Jetzt kommt wieder Ihre Israelphobie«

Im Interview wies der CDU-Politiker mit harschen Worten DLF-Moderator Thielko Grieß zurecht, welcher zuvor Israel scharf kritisiert hatte

von Michael Thaidigsmann  10.04.2026

Washington

Warum jetzt? Melania Trumps rätselhafter Epstein-Auftritt

Melania Trump tritt kaum allein vor die Presse. Doch jetzt spricht sie über ein Thema, das ihr Ehemann so gern umschiffen wollte: den Epstein-Skandal

 10.04.2026

Beirut

Hisbollah-Chef: Machen weiter »bis zum letzten Atemzug«

Während die libanesische Regierung an Verhandlungen mit Israel arbeitet, zeigt sich die Hisbollah unbeeindruckt: Es sei nicht die Zeit, um Zugeständnisse zu machen, betont ihr Anführer

 10.04.2026

Berlin

Urteil zu Angriff auf Lahav Shapira erwartet

Nach einem antisemitischen Angriff auf einen jüdischen Studenten in Berlin ist der Fall neu vor Gericht verhandelt worden. Im Mittelpunkt des Berufungsverfahrens steht die Höhe der Strafe. Ein Urteil wird am Montag erwartet

 10.04.2026