9. November 1938

Was zusammengehört

Blickwinkel: Eine Gesellschaft, die neue Ideen aufnimmt und sich ändern kann, bleibt beweglich und wächst. Foto: JA

Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei hatte einst einen Plan. Er bestand darin, die deutsche Gesellschaft zu vereinheitlichen und zu »reinigen«, indem man sie von den sogenannten undeutschen Elementen befreien wollte – von den Schwachen, den Lahmen, den »Entarteten« und natürlich den Juden. »Wenn wir nur«, so dachten die Nazis, »alle Außenseiter aus unserer Mitte entfernen könnten, dann würde unsere Welt reibungslos funktionieren, und unsere Gesellschaft könnte in Frieden leben«.

Die sogenannte Kristallnacht ist das Datum, an dem dieser Plan in ganz Deutschland Gestalt annahm. Als am 9. November 1938 Tausende Glasscheiben zersplitterten, wurden dem Schrecken des Holocausts und einem Weltkrieg Tür und Tor geöffnet, an dem die deutsche Gesellschaft zerbrach.

Die Ironie des Schicksals besteht darin, wie kläglich dieser Plan scheiterte. Die Nationalsozialisten wollten ihre Gesellschaft desintegrieren, sie von »fremden Elementen« säubern, um sie, so dachten sie, auf diese Weise zu retten. Stattdessen zerstörten sie ihre Gesellschaft – und sich selbst.

Deutschland ist heute für viele Menschen, deren Wurzeln fern der deutschen Heimat liegen, ein Zuhause geworden. Fast jedes dritte Kind, das in der stärksten und leistungsfähigsten Volkswirtschaft Europas lebt, kann seine Vorfahren und seine Kultur an einen weit entfernten Ort zurückverfolgen.

Eine weitere Ironie ist die Erkenntnis, dass eine Gesellschaft auseinanderbrechen kann. Wenn sie nicht gehegt und gepflegt wird, wenn sie nicht durch zivile Institutionen und lebendige kulturelle Traditionen zusammengehalten wird, dann kann eine Gesellschaft auseinandergerissen werden – von innen oder von außen.

Schmelztiegel In den Vereinigten Staaten haben wir diesen sozialen Zusammenhalt immer stolz unseren amerikanischen »Schmelztiegel« genannt, in dem unzählige unterschiedliche Identitäten von Einwanderern zu einem bunt gemischten Ganzen verschmelzen.

Die Metaphern von heute sind differenzierter und ausgereifter. Einige sprechen von einem farbenfrohen Flickenteppich der Kulturen, einem Patchwork aus unterschiedlichen Lebensentwürfen, das zu einem harmonischen Ganzen zusammengefügt wird. Reverend Jesse Jackson spricht von vielen wohlschmeckenden Gemüsesorten in einem Eintopf, die ihm sein Aroma verleihen, trotz alledem aber ihre besonderen Eigenschaften behalten. Diese neuen Bilder sollen verdeutlichen, dass Integration keine Verschmelzung oder Auflösung ist oder gar den Verlust der eigenen Identität bedeuten muss.

Mehrheitskultur Die Gegner der Integration kommen sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Deutschland aus allen Bereichen des politischen Spektrums. Einige befürchten das Aussterben einzigartiger Minderheitenkulturen, andere befürchten, dass die historisch gewachsenen Traditionen der Mehrheitskultur verblassen oder geschwächt werden. Diese Kritiker sehen nur den Verlust und übersehen dabei, was wir gewinnen können, wenn Kulturen und Traditionen gemeinsam die Zukunft gestalten. Echte Verluste gibt es nur, wenn man versucht, Menschen gewaltsam auseinanderzubringen, wie wir es durch die soziale Aufspaltung in den 30er- und 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts erlebt haben. So etwas darf nie wieder geschehen.

Soziale Integration ist vielmehr eine tagtägliche Notwendigkeit. Unabhängig davon, ob der neue Nachbar aus Mannheim, Madrid oder Mumbai kommt, müssen wir sie leben. Es ist einfach nur logisch – für den Erfolg in Wirtschaft und Handel, für kulturelles Wachstum und Kreativität, in jedem Bereich unseres Lebens: Ein Problem aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten, ist immer besser, als auf einem einzigen Lösungsweg zu beharren. Die heutige Welt ist zunehmend komplex und transnational. Weniger wie eine Monokultur und mehr wie die gesamte Menschheit auszusehen und zu denken, bedeutet ganz einfach, dass man über ein breiteres Spektrum an Möglichkeiten – und Lösungen – für morgen verfügt.

Dieses Fließende, diese einzigartige Fähigkeit, sich anzupassen, sich zu verändern, zu wachsen und sich zu erneuern, ist – laut Wissenschaft – genau das, was uns als Menschen so überaus erfolgreich macht. Eine Gesellschaft, die neue Ideen aufnimmt und sich ändern kann, bleibt beweglich und wächst; eine Gesellschaft, die dies nicht kann, wird brüchig und kann auseinanderfallen.

Um die schmerzlichen Scherben der Vergangenheit aufzusammeln und zu einem lebendigen, dynamischen Mosaik zusammenzufügen, bedarf es eines enormen Sinneswandels. Das moderne Deutschland hat diesen großen Schritt erfolgreich gemeistert. Es kann stolz auf das sein, was es erreicht hat. Es kann stolz auf das sein, was es heute ist und morgen noch werden kann.

Der Autor ist Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland.

Nahost

Test für den Pakt

Was bedeuten die jüngsten Huthi-Angriffe für das Verteidigungsabkommen, das Saudi-Arabien mit Pakistan und der Türkei unterzeichnet hat?

von Reinhard Schulze  10.10.2026

Das eingeschaltete Blaulicht ist auf dem Dach von einem Einsatzfahrzeug der Polizei am 28.02.2026 bei einem Polizeieinsatz zu sehen.

Deutschland

Berlin-Kreuzberg: Aushänge gegen Judenhass - Jugendliche greifen Geschäftsinhaber an

Der Staatsschutz ermittelt

 10.10.2026

Kino

Ich habe »Naza« gesehen, und es ist ein übles Stück Propaganda

Es ist erschreckend zu sehen, wie große Teile der Filmwelt sich gerade selbst zu nützlichen Idioten der Hamas degradieren, indem sie ihr von Lügen und Blut getränktes Narrativ übernehmen

von Philipp Peyman Engel  10.10.2026

Eklat in Halle

AfD-Mann Tillschneider will an Anschlags-Gedenken teilnehmen

Aktivisten der Jüdischen Studierendenunion Deutschland verhinderten, dass der Landtags-Vizepräsident die Synagoge betrat

von André Anchuelo  09.10.2026

Meinung

Nein, Frau Pillay hat den Friedensnobelpreis nicht verdient!

Die Südafrikanerin hat Israel vorverurteilt und Antisemitismus in den Reihen ihrer Kommission nicht ernstgenommen. Ihre Auszeichnung durch das Nobelpreiskomitee ist ein großer Fehler, meint der Direktor von UN Watch

von Hillel Neuer  09.10.2026

Sachsen-Anhalt

Zentralratspräsident Josef Schuster: Tillschneider »verhöhnt die Opfer« von Halle

Der rechtsextreme Politiker hatte am Freitag versucht, am Gedenken für die Opfer des Anschlags von Halle teilzunehmen

 09.10.2026

Oslo

Israel-Kritikerin Navanethem Pillay erhält den Friedensnobelpreis

Für ihren Einsatz gegen Menschenrechtsverletzungen und für das Völkerrecht: Mit dem Friedensnobelpreis wird in diesem Jahr die südafrikanische Juristin Navanethem Pillay geehrt

 09.10.2026

Magdeburg

Landtagspräsident Rausch plant außenpolitische Initiativen

Mit Tobias Rausch ist erstmals ein AfD-Politiker zum Präsidenten eines deutschen Landtags gewählt. Während noch über die Hintergründe seiner Wahl diskutiert wird, plant der 35-Jährige bereits außenpolitische Initiativen

 09.10.2026

Essay

Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Die Grenzen universitärer Selbstgewissheit

Antisemitismus ist an Universitäten längst kein Ausnahmeproblem mehr. Drei Jahre nach dem 7. Oktober stellt sich deshalb eine unangenehmere Frage: Was haben Universitäten über sich selbst gelernt?

von Frederek Musall  09.10.2026