»Lebensborn«

Was von den Heimen der »Herrenmenschen« übrig blieb

Wollte Initiator einer neuen »Eliterasse« sein: Heinrich Himmler Foto: picture alliance / World History Archive

»Lebensborn«

Was von den Heimen der »Herrenmenschen« übrig blieb

Die SS träumte von einer neuen »Eliterasse«. Ausgewählten Müttern unehelicher Kinder bot sie diskrete Entbindungen an. Nach dem Krieg kamen die Mündel in die Obhut katholischer Vereine. Einer trägt bis heute schwer an dem Erbe

von Christoph Renzikowski  06.01.2025 16:41 Uhr

Neufahrn nördlich von München: Hinter alarmgesicherten Türen einer ehemaligen Brotfabrik lagert die katholische Kirche auf acht Regalkilometern historische Dokumente. Archivleiter Michael Volpert bringt zwei Holzkästen mit Sparbüchern aus dem Magazin. Auf ihrer braunroten Aufschlagseite schwebt über dem Münchner Kindl ein Reichsadler mit Hakenkreuz.

Zwei Listen liegen bei mit 417 Namen, wenige sind durchgestrichen und mit der Notiz »ausbezahlt« versehen. Relikte einer dunklen Vergangenheit, die mit einem schillernden Namen verbunden ist: Lebensborn. So hieß ein 1935 in Berlin gegründeter Verein. Initiator war der Reichsführer SS Heinrich Himmler. Als Instrument nationalsozialistischer Bevölkerungspolitik sollte er Abtreibungen verhindern, allerdings nur von »erbbiologisch wertvollen« Kindern.

Bis heute ranken sich Mythen um den Lebensborn. Etwa der, er habe Bordelle für stramme SS-Männer und blonde, blauäugige Mädchen betrieben. Tatsächlich unterhielt der Verein unter dem Leitspruch »Heilig soll uns sein jede Mutter guten Blutes« zeitweise mehr als 20 Entbindungsheime für schwangere Frauen und deren uneheliche Kinder.

Mythen von Bordellen für stramme SS-Männer und blonde, blauäugige Mädchen

Das erste wurde 1936 in Steinhöring östlich von München eröffnet: in einem Haus, in dem ursprünglich Priester und Pfarrhaushälterinnen ihren Lebensabend verbringen sollten, etwas abseits gelegen, aber mit guter Verkehrsanbindung.

In den Heimen kamen etwa 18.000 Babys zur Welt. Gesunde Ledige mit dem richtigen Stammbaum konnten schon Monate vor der Entbindung aufgenommen werden, um die Schwangerschaft zu verheimlichen. Eigens eingerichtete Standesämter registrierten die Geburten, ohne sie an die Wohnorte der Mütter weiterzumelden. In der Regel kamen die Kinder später in Pflegefamilien. Schwerbehinderte Neugeborene wurden ermordet.

Für höhere SS-Kader war die Mitgliedschaft im Verein verpflichtend. Väter von Lebensborn-Kindern mussten Unterhalt zahlen, für jedes existierte ein Sparkonto. Bis weit in den Krieg hinein genossen die Entbindungsheime Privilegien bei der Verpflegung. Es gab fünf Mahlzeiten am Tag, dazu intensive Schulungen in der nationalsozialistischen Weltanschauung.

Hunderte ausländische Kinder verschleppt

Ab 1942 beteiligte sich der Lebensborn an der Verschleppung ausländischer Kinder aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten. Nach einer »rassehygienischen Untersuchung« wurden sie zwangseingedeutscht: Ihre Geburtsdaten, -namen und -orte wurden gefälscht.

Nach dem Krieg beauftragte die US-amerikanische Militärverwaltung die Caritas und die Katholische Jugendfürsorge (KJF) in München mit der Abwicklung des Vereins. Denn es gab keine anderen unbelasteten Organisationen mit der benötigten Expertise mehr, wie der Historiker Rudolf Oswald erläutert.

Im »Heim Hochland«, der letzten noch intakten Einrichtung des Lebensborn in Steinhöring, waren 160 Kinder zurückgelassen worden, die allermeisten keine drei Jahre alt. Bis 1948 wurden sie überwiegend an Pflegeeltern vermittelt. Einige landeten wieder bei ihren Müttern, sofern diese dazu bereit waren und ermittelt werden konnten. Fast alle Lebensborn-Kinder wurden über ihre Herkunft belogen. Einige forschen bis heute nach ihren leiblichen Eltern.

Milde Strafen und Freisprüche

Bei einem Prozess vor einem US-Militärtribunal in Nürnberg konnten führende SS-Leute die Richter 1948 überzeugen, der Lebensborn sei eine karitative Einrichtung gewesen. So kamen sie mit milden Strafen oder Freisprüchen davon.

Himmlers Hausarzt und Duz-Freund Gregor Ebner etwa hatte im Lebensborn Karriere gemacht. Dort war er an der Selektion von für »lebensunwert« befundenen Kindern beteiligt. 1950 wollte ihm die Justiz die ärztliche Approbation entziehen. Doch nach einem Gnadengesuch konnte er seine Praxis in Kirchseeon unbehelligt weiterführen.

Und die KJF? Verwaltet bis heute noch gut 400 Sparbücher, die der Lebensborn für die Kinder in seiner Obhut angelegt hat. Die Resonanz auf mehrere internationale Suchaktionen fiel bescheiden aus. Aber vereinzelt gab es auch nach der Jahrtausendwende Auszahlungen, die bislang letzte 2023. Und solange noch jemand kommen könnte, wird das so bleiben.

Sparbücher der Kinder weiter abholbereit

Ein Gebäude des ehemaligen Heims »Hochland« steht noch. Es gehört seit 1971 zu einer großen KJF-Einrichtung für Menschen mit teils schwersten Behinderungen. Der Träger versteht das als ein Statement, denn seine Schützlinge hätten in der NS-Zeit kein Recht gehabt zu leben. Das Haus wird gerade saniert. Ein Abriss kam aus historischen Gründen nicht infrage. Ehemalige Lebensborn-Kinder und deren Nachfahren wüssten das zu schätzen, sagt Leiterin Gertrud Hanslmeier-Prockl.

Lesen Sie auch

Sie erinnert sich an ihre erste Begegnung mit einem ehemaligen Lebensborn-Kind: »Ein 60-jähriger Mann kam mit einem Foto, auf dem das Haus eindeutig zu erkennen war, davor stand eine Frau mit einem Kind auf dem Arm. Das Bild war das einzige, was er von seinen Adoptiveltern als Hinweis erhalten hatte. Ich konnte ihm den Aufnahmeort zeigen. Jetzt wusste er, wo er geboren worden war.«

Dem Besucher sei zugleich klar gewesen, er habe in diesem Heim zur Welt kommen dürfen, weil seine Eltern dem Nationalsozialismus wahrscheinlich sehr zugetan waren, sagt Hanslmeier-Prockl. Da habe es ihn getröstet zu sehen, »dass an diesem Ort jetzt Gutes passiert«.

Im Park hinter dem Haus stillt eine monumentale Mutter aus Muschelkalk ihr Kind. Auf den ersten Blick könnte man sie für Maria und den Knaben für Jesus halten. Wohl ab 1941 stand die Figur am Eingang des Heims »Hochland«, direkt neben einem Eisentor voller germanischer Runen, in der Mittelstrebe das Logo der SS. Frisch verzinkt hängt das Tor jetzt an einem Pferdestall, wo Reittherapien stattfinden.

Peking

Pakistan und China stellen Forderungen für Frieden im Nahen Osten vor

Pakistan bemüht sich um Vermittlungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran. Jetzt stellen Pakistan und China gemeinsame Forderungen vor

 31.03.2026

München

Der Grüne, das Rathaus und die jüdische Gemeinschaft

Dominik Krause wird der nächste Oberbürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt. Der 35-Jährige ist Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und geht entschlossen gegen Antisemitismus vor. Ein Porträt

von Chris Schinke  31.03.2026

Analyse

Ist das wirklich nicht unser Krieg?

Ein atomar bewaffneter Iran wäre nicht nur ein Albtraum für Israel, sondern auch eine reale Bedrohung für Europa

von Roman Haller  31.03.2026

Berlin

Doppelt so viele Schülerfahrten zu NS-Gedenkstätten möglich

Mehr als 80 Jahre nach dem Holocaust versuchen junge Leute, die Gräuel der deutschen Geschichte zu verstehen. Ein Besuch an authentischen Orten kann dazu beitragen. Zwei private Spender geben Geld

 31.03.2026

Weimar

Gedenkstätte Buchenwald sieht sich politisch instrumentalisiert

Warum die Gedenkstätte Buchenwald Schauplatz kontroverser Debatten ist – und wie sie damit umgeht

 31.03.2026

Kino Babylon

Ein Publikum wie eine Sekte: So war Francesca Albaneses Auftritt in Berlin

»Nazi«-Rufe, Verschwörungsglaube und Massenpsychose: Unser Gastautor ist entsetzt von dem, was er auf der Veranstaltung mit der UN-Sonderberichterstatterin für Palästina erlebt hat. Ein Erfahrungsbericht

von Wolf J. Reuter  31.03.2026

Berlin

Beschwerde gegen Deutsche Welle: Jüdischer Journalistenverband sieht Defizite in Berichterstattung

Nach Darstellung des JJJ fehlt es in mehreren Beiträgen an journalistischer Sorgfalt. Teilweise seien Tendenzen erkennbar, die als israelfeindlich oder sogar antisemitisch bewertet werden könnten

 31.03.2026

West Bloomfield

FBI: Anschlag auf Synagoge in Michigan war von Hisbollah inspiriert

Nach Angaben der Behörden hatte sich der Mann seit Anfang des Jahres zunehmend mit Pro-Hisbollah-Inhalten im Internet beschäftigt

 31.03.2026

Washington D.C.

USA könnten Krieg auch ohne Öffnung der Straße von Hormus beenden

»Die vollständige Öffnung der Straße ist etwas, woran die Regierung arbeitet, aber die Kernziele der Operation sind klar definiert worden«, sagt Regierungssprecherin Karoline Leavitt

 31.03.2026