Potsdam

Was tun, wenn Eltern oder Kinder plötzlich Verschwörungsmythen anhängen?

»Aluhut«-Demonstrantin Anfang Mai in Frankfurt. Wozu die am Hut befestigte Stricknadel dient, ist nicht bekannt. Foto: dpa

Was tun, wenn Familienangehörige oder Freunde nach »rechts« abdriften, wenn sie plötzlich Verschwörungsmythen anhängen? Das Potsdamer Demos-Institut für Gemeinwesenberatung in Brandenburg stellt einen immer größeren Beratungsbedarf speziell bei Angehörigen fest. Ab August gibt es dafür nun eine eigene Anlaufstelle. Wir sprachen mit Martin Schubert vom Mobilen Beratungsteam bei Demos über das Phänomen.

Herr Schubert, Rechtsextremismus ist in Brandenburg seit Jahrzehnten ein Problem, aber zugleich im Wandel. Wie hat er sein Gesicht verändert?
Rechtsextremismus verändert sich kontinuierlich. Das lässt sich zum Beispiel an Erscheinungs- und Organisationsformen festmachen. Der typische »Skinhead-Springerstiefel-Nazi« vom Anfang der 1990er-Jahre spielt heute in der rechten Szene kaum noch eine Rolle. Das militante Auftreten von damals hat sie weitgehend abgelegt. Heute versuchen rechte Strategen, in der bürgerlichen Mitte anzuknüpfen. Der Verein »Zukunft Heimat« etwa versucht, den Unmut in der Bevölkerung aufzugreifen und sich als patriotische Bürgerinitiative vor Ort zu etablieren.

Ist Rechtsextremismus subtiler geworden?
Ich glaube, dass es Rechtsextremisten gelungen ist, anschlussfähiger zu werden. Es gelingt ihnen, gesellschaftliche Unzufriedenheit für ihre Zwecke zu nutzen. Zugleich beobachte ich aber auch eine zunehmende Sensibilität dafür in der Gesellschaft im Laufe der inzwischen ja langjährigen öffentlichen Auseinandersetzungen mit dem Phänomen.

Beobachten Sie auch Veränderungen bei Ihrer Klientel, die um Rat fragt?
In Teilen. Etwas überspitzt formuliert: Während früher oft Eltern wegen rechtsextremistischer Musik ihrer Kinder kamen, hat nun die Generation der Kinder Beratungsbedarf wegen verschwörungstheoretischer Einstellungen ihrer Eltern. Es ist klar geworden: Rechtsextremismus ist nicht mehr allein ein Jugend-Phänomen, sondern breiter angelegt.

Zum August startet das Demos-Institut eine spezielle Angehörigen-Beratungsstelle. Offensichtlich gibt es da besonderen Bedarf ...
In der Tat. Wir bekommen in diesem Bereich immer mehr Anfragen, da spielen sich mitunter echte Familiendramen an, wenn sich der Partner, die Kinder oder ein Elternteil radikalisiert. Zugleich haben wir in den vergangenen Jahren bei unseren Beratungen gemerkt: Oft sind es biografische Brüche oder Ohnmachtserfahrungen, die zu Auslösern werden, sich rechten Weltbildern zuzuwenden.

Wie sieht so eine Beratung konkret aus?
Mit den Ratsuchenden schauen wir uns die Familiengeschichte an und versuchen zu identifizieren, was biografische Brüche gewesen sein könnten. Ganz wichtig ist an dieser Stelle, den Angehörigen zu sagen: Es bringt wenig, mit Fakten, Daten und rationaler Argumentation zu kommen. Man sollte besser auf die emotionale Ebene gehen und versuchen, die Beziehung und Bindung aufrechtzuerhalten. Etwa indem man schaut, wo es Gemeinsamkeiten gibt. Die Angehörigen sind oft die letzte Brücke in die »normale Welt«, und sie wollen wir mit unserem Hilfsangebot stärken, um die Familiensituation zu stabilisieren und betroffene Personen im besten Fall auch wieder von den radikalisierten Weltbildern wegzubringen.

Was ist eigentlich aus den Neonazis aus der Nachwendezeit geworden? Die sind inzwischen doch auch in gesetzterem Alter. Haben sie die Springerstiefel gegen den Alu-Hut getauscht?
Das ist sehr mannigfaltig. Es gibt durchaus Menschen, die der Szene den Rücken gekehrt haben - aus unterschiedlichsten individuellen Gründen. Etwa wenn sie eine Familie gegründet haben, die dafür kein Verständnis hat. Wenn man sich Aussteiger-Geschichten anguckt, wenden sich auch viele Neonazis ab, weil sie enttäuscht von der Szene sind. Es gibt aber auch Leute, die bleiben dabei. Da sind Familien schon in dritter Generation rechtsextrem. Und dann gibt es jene, die eine Weile lang nicht mehr aktiv sind, dann später im Zusammenhang mit anderen rechtsextremen Strukturen wieder auftauchen, meist eher im Hintergrund. Man muss auf jeden Fall immer damit rechnen, dass alte politische Netzwerke anlassbezogen wieder aktiv werden.

Das Interview mit Martin Schubert vom Potsdamer Demos-Institut für Gemeinwesenberatung führte Karin Wollschläger.

Sachsen-Anhalt

Eine Woche voller Eklats

Nach der Wahl des Landtagspräsidiums bröckelt die »Brandmauer« in der CDU weiter. Das Gedenken in Halle bot einen Vorgeschmack auf ein Land unter AfD-Regierung

von André Anchuelo  14.10.2026

Ministerpräsident Sven Schulze (CDU)

Landtag von Sachsen-Anhalt

Ministerpräsidenten-Wahl: CDU will im dritten Wahlgang im Plenarsaal sein

Bei der Ministerpräsidentenwahl in Sachsen-Anhalt will die CDU den Plenarsaal zunächst verlassen. Für einen möglichen dritten Wahlgang kündigt Fraktionschef Sven Schulze ein anderes Vorgehen an. AfD und BSW beschließen derweil einen Antrag zur Ukraine

 14.10.2026

Berlin

»Eine gute Wahl«: Bundesregierung ernennt von Schnurbein zur Beauftragten für jüdisches Leben

Die 52-jährige EU-Beamtin ist am Mittwoch offiziell zur Nachfolgerin von Felix Klein bestellt worden. Aus den jüdischen Verbänden und Gemeinden kamen unisono positive Reaktionen

von Michael Thaidigsmann  14.10.2026

Regierungsbildung in Berlin

Banaszak: Emdes Fraktions-Aus war Grundlage für Sondierungen

Die Grünen-Landesvorsitzende Stahr betont hingegen, dass ihre Partei weiter »am Tisch sitzt« und auf eine Erklärung der Linken wartet

 14.10.2026

Regierungsbildung in Berlin

Schwerdtner bedauert Gesprächspause in Berlin

Die Gespräche über eine rot-grün-rote Regierung in Berlin liegen auf Eis. Linken-Bundeschefin Ines Schwerdtner hält die Erklärung ihrer Fraktion zu Antisemitismus dennoch für ausreichend

 14.10.2026

Berlin

Julia Klöckner: AfD-Verbotsverfahren nicht »aus dem Bauch heraus starten«

Die CDU-Bundestagspräsidentin warnt davor, die Rechtsaußen-Partei zum »Märtyrer« zu machen

 14.10.2026

Unterbrochene Sondierungen

Berliner CDU an Grüne und SPD: »Hand ist ausgestreckt«

Die Regierungsbildung zwischen Linken, Grünen und SPD in Berlin stockt. Nach der überraschenden Unterbrechung der Sondierungen meldet sich ein Wahlverlierer zu Wort

 14.10.2026

Ernennung

Zentralrat und Grüne loben neue Antisemitismusbeauftragte

Katharina von Schnurbein soll neue Antisemitismusbeauftragte des Bundes werden. Der Zentralrat der Juden reagiert sehr positiv

von Christoph Arens  14.10.2026

Berlin

Streit um Antisemitismus: SPD und Grüne unterbrechen Sondierungsgespräche

Die Linke will eine rot-grün-rote Koalition in der Hauptstadt schmieden. Doch Grüne und SPD setzen erstmal ein Stoppschild. Auslöser ist der Umgang der Linken mit dem Thema Antisemitismus

 13.10.2026