Meinung

Was kommt nach den Zeitzeugen?

Josef Schuster Foto: Christoph Boeckheler

Wir lagen in einer Welt der Toten und der Larven. Um uns und in uns war die letzte Spur von Zivilisation verschwunden.» So beschreibt Primo Levi die letzten Tage in Auschwitz vor der Befreiung durch die Rote Armee vor 70 Jahren. Sein Buch Ist das ein Mensch? gehört zu den eindrücklichsten literarischen Zeugnissen der Schoa.

Solche niedergeschriebenen Erinnerungen an das letztlich unfassbare Geschehen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nazis werden immer kostbarer. Ebenso Interviews mit Zeitzeugen wie im Schoa-Projekt von Steven Spielberg. Besuche von Schoa-Überlebenden in Schulen sind mittlerweile eine Rarität. Denn die Menschen, die aus eigenem Erleben und Erleiden aus dieser Zeit berichten können, werden immer weniger. Sie sind hochbetagt.

Seelenqualen Es ist wichtiger denn je, dass wir ihnen zuhören. Viele können erst jetzt, mit dem Abstand von 70 Jahren, ihre Seelen und Münder öffnen. Niemand verdient es so sehr wie sie, aufmerksame und empathische Zuhörer zu finden, die sich ihrer Seelenqualen annehmen, die ihnen Wärme und Zuneigung schenken. Sie sollen auch spüren, dass wir ihnen zuhören wollen.
Dass wir ihr Leid nicht einfach abwehren.

So hat es Elie Wiesel einmal formuliert: «Man wollte uns einfach nicht zuhören ... Weil sich mit uns ein Abgrund aufgetan hat, der Abgrund der Menschheit. Wir haben bewiesen, wozu der Mensch fähig ist.» Damit hat Elie Wiesel das Entscheidende auf den Punkt gebracht: Die Überlebenden können uns berichten, wozu Menschen fähig sind. Nur wer die Abgründe kennt, wer weiß, wo die Gefahren lauern, wird engagiert dafür kämpfen, dass sich solche Verbrechen nicht wiederholen.

Auschwitz Menschen gehen, Orte bleiben. Auch wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, transportieren die authentischen Orte sehr viel von dem Schrecken und Leiden, das einst dort zu Hause war. Wer einmal die Gedenkstätte in Auschwitz besucht hat, wird verändert von dort wieder weggehen.

Auch andere ehemalige Konzentrationslager wie etwa Dachau oder Sachsenhausen hinterlassen gerade bei jungen Menschen noch eindrücklichere Bilder als die Schilderung der historischen Ereignisse im Geschichtsbuch. Daher wäre es zu begrüßen, wenn der Besuch in einem ehemaligen Konzentrationslager für alle Schüler ab der neunten Klasse verpflichtend würde. So können wir dafür sorgen, dass die Schoa niemals in Vergessenheit gerät.

Der Autor ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

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