Raubkunst

Was bei Görings hing

Die »Auferweckung des Lazarus« beansprucht genau 107 mal 160,2 Zentimeter Platz. Exakt so groß ist das Ölgemälde auf Fichtenholz, das vor über 500 Jahren entstand und dann nach einem langen Weg durch die Geschichte ausgerechnet bei Hermann Göring landete, jenem Mann, der den Maßstab für Kunstraub neu definierte. Jetzt, gut sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Nationalsozialismus, rückte das Werk als Beispiel gelungenen Umgangs mit Kunstwerken von fragwürdiger Provenienz ins öffentliche Rampenlicht.

Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle, Bernhard Maaz, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, und Vertreter der Erbengemeinschaft James von Bleichröder (1859–1937) loben sich gegenseitig für die reibungslose und für alle Seiten zufriedenstellende Restitution des Gemäldes.

Aufarbeitung Es ist das 13. durch die NS-Geschichte belastete Kunstwerk, das die Bayerische Staatsgemäldesammlungen zurückgaben – und nach Spaenles Überzeugung auch ein Beleg für die hohe Intensität, mit der sein Ministerium und die zuständigen staatlichen Einrichtungen die Provenienzforschung betreiben. Auch die Zielvorgabe sei klar. »Es geht darum«, so Spaenle, »das Unrecht aus der NS-Zeit aufzuarbeiten.«

In einer nie ganz gelüfteten Grauzone im Umgang und Handel mit mutmaßlicher oder tatsächlicher Raubkunst in der Nachkriegszeit ist die Aufarbeitung ein hoher Anspruch und alles andere als leicht – vor allem, wenn die Umstände dafür sprechen, dass sich die Kunstobjekte einmal in jüdischem Besitz befanden. Deshalb zeigt sich Rechtsanwalt Frank Winkel, der einen Teil der Erben vertritt, die Anspruch auf das Gemälde haben, mit der erreichten Lösung auch zufrieden. »Rechtsfrieden herzustellen, das ist uns gelungen«, stellt er nüchtern fest. Inhaltlich ähnlich äußert sich auch James Palmer im Namen der anderen Erben.

Zahlen werden nicht genannt, aber ein Geheimnis machen die Beteiligten nicht daraus, dass bei der Restitution des mittelalterlichen Ölgemäldes und der Herstellung des Rechtsfriedens auch finanzielle Aspekte eine Rolle gespielt haben. Eine entsprechende Vereinbarung sorgte nach Angaben der Staatsgemäldesammlungen in der Folge aber dafür, dass das Kunstwerk gleich nach der Rückführung wieder erworben werden konnte. Es soll künftig in der Zweig-Galerie auf Schloss Johannisburg in Aschaffenburg zu sehen sein, korrespondierend mit einer Tafel, die an die Vorbesitzerfamilie von Bleichröder erinnert.

gerechtigkeit Bernhard Maaz, der Generaldirektor der Staatsgemäldesammlungen, freut sich einerseits, dass er die Restitution in Übereinstimmung mit den anderen Protagonisten so schmerzfrei über die Bühne bringen und das wertvolle Bild auch noch erwerben konnte. Freude, wie er durch sein Haus mitteilen ließ, bereite ihm aber auch, dass »es uns gelungen ist, nach langen Vorbereitungen und Bemühungen dem Schicksal der Familie von Bleichröder Gerechtigkeit widerfahren zu lassen«. Trotz gelungener Restitution bleibt Anwalt Winkel in diesem Punkt etwas kühler. »Die Verbrechen der Nazis können wir nicht ungeschehen machen«, darauf weist er auch hin.

Im Jahr 2004 haben die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen die Provenienz des Gemäldes einschließlich des Vorbesitzers Hermann Göring publiziert. Die weiteren Abläufe sind einer Pressemitteilung zu entnehmen. Dort heißt es: »2006 wurde das Gemälde zudem in die damals begründete Datenbank ›Lost Art‹ eingestellt, da aufgrund der Herkunft aus der Sammlung Göring ein Verdacht auf Raubkunst bestand.« Nachdem sich daraufhin im Jahre 2011 ein Vertreter der Erbengemeinschaft meldete und 2015 die Erbengemeinschaft den Restitutionsantrag stellte, begann die historische Aufarbeitung zum Verfolgungsschicksal der Familie und zum Weg des Bildes.

Der erforschte Weg des Gemäldes von seinem ursprünglichen Besitzer, dem königlich-preußischen Rittmeister der Landwehr und Doktor der Rechtswissenschaften James von Bleichröder, in das Portfolio Görings markiert auch die Gnadenlosigkeit der nationalsozialistischen Ideologie. Bleichröder, der im Ersten Weltkrieg als Deutscher für Deutschland gekämpft hatte, wurde gut zehn Jahre später »kollektivverfolgt«, weil seine Vorfahren jüdischen Glaubens waren. Im Holocaust verloren mehrere Familienmitglieder ihr Leben – und ihren gesamten Besitz.

leidenschaft James von Bleichröder trat in die Fußstapfen seines Vaters Gerson. Der hatte in Berlin eine Privatbank gegründet, wurde als »Bankier Bismarcks« bezeichnet und hinterließ seinen Nachkommen ein perfekt funktionierendes Unternehmen. Sohn James zählte zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts zu den reichsten Menschen in Preußen und war ein enthusiastischer Kunstsammler. Eines der Werke in seiner Kollektion: »Die Auferweckung des Lazarus«.

Wenige Monate nach seinem Tod im Jahr 1937 tauchte das Gemälde als Versteigerungsobjekt in einem Auktionshaus auf, wanderte von dort in eine Münchner Buchhandlung und dann als »Schnäppchen« zu Hermann Göring. Es überstand den Krieg, wurde von der »Treuhandverwaltung für Kulturgut« erfasst und 1961 an die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen übergeben. Dort schlummerte es weitgehend unbeachtet 40 Jahre lang in den Depots.

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