Josef Schuster

»Was bedeutet die Schoa heute noch für Deutschland?«

Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland Foto: picture alliance/dpa

Was bleibt von diesem Tag? Einem Tag, der weniger eine Befreiung im wörtlichen Sinne war, sondern mehr ein Moment der absoluten Leere angesichts schrecklichen Bilder, die wir mit ihm verbinden. 80 Jahre nach dem Grauen der Schoa droht der Blick auf die Geschichte zu verblassen.

Wir erleben tagtäglich Relativierungen dieses unvorstellbaren Verbrechens; auch in deutschen Parlamenten. Der Gedanke ist für mich kaum erträglich, sollten diese Träger revisionistischen Gedankenguts
einmal in politische Verantwortung kommen.

Von einer anderen Seite wird indes versucht, Geschichte umzudeuten. In einem fehlgeleiteten Universalismus verhaftet werden gerade Jüdinnen und Juden immer mehr ausgeblendet. Die Vernichtung der Juden, die im Wahn der Täter zentral war, zerfasert in der Erinnerung unserer Gesellschaften zunehmend. Das gilt auch für das Land der Täter, für Deutschland.

Immer weniger Menschen mit familiärem Bezug zum NS

Dabei stehen wir 80 Jahre nach der Schoa an einer Wegmarke unserer Erinnerungskultur. Was bedeutet die Schoa heute noch für Deutschland? Was bedeutet es in einer Zeit, in der wir immer weniger Zeitzeugen der Schoa erleben? Was bedeutet es in einer Zeit, in der immer mehr Menschen in Deutschland keinen familiären Bezug zur NS-Zeit haben?

Für mich persönlich, als Mitglied der zweiten Generation von Schoa-Überlebenden und Opfern, sind das auch schmerzliche Fragen. Wir sind aufgewachsen in dem Glauben an eine Gesellschaft und eine Bundesrepublik Deutschland, die sich dem Schrecken und der unmenschlichen Grausamkeit der Schoa immer bewusst sein wird; und daraus Konsequenzen zieht.

»Ein großer Teil der jungen Generation in Deutschland blickt völlig unwissend auf die NS-Zeit.«

Doch eine steigende Indifferenz hat Folgen: 10 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat noch nie von der Schoa gehört – sie kennen auch den Begriff Auschwitz nicht –, 40 Prozent wissen nicht, dass etwa 6 Millionen Jüdinnen und Juden in der Schoa ermordet wurden, 15 Prozent sind der Meinung, dass es weniger als zwei Millionen waren. Das bedeutet, dass ein großer Teil der jungen Generation in Deutschland völlig unwissend auf diese Zeit blickt.

Solche Entwicklungen machen deutlich: Die Auseinandersetzung mit der Geschichte wird politisch umkämpft. Und sie wird umso angreifbarer, je weniger Menschen noch selbst bezeugen können, was geschehen ist.

Nutzen wir also auch die Möglichkeiten der digitalen Entwicklung und erreichen auch damit mehr junge Leute. Zeitzeugengespräche können digitalisiert werden, wir können an den authentischen Orten – den KZ-Gedenkstätten – mit digitalen Modellierungen die Dimension dieses Menschheitsverbrechens sichtbar machen. Dabei muss immer gelten: Der Respekt vor den Opfern der Schoa ist handlungsleitend bei der Nutzung und Entwicklung jeder neuen Technologie und KI generierter Inhalte zur Darstellung der Schoa.

Widersprechen und handeln, wenn Geschichte verzerrt wird

Doch eine Resignation kommt nicht in Frage: Erinnern heißt nicht nur bewahren – erinnern heißt auch widersprechen und handeln, wenn Geschichte verzerrt wird. Erinnern bedeutet, sich der Frage zu stellen, wie der Mensch dem Menschen so etwas antun konnte. Und ganz einfach immer und immer wieder zu erzählen, was passierte. Die Schoa ist ein Bruch. Der Zivilisationsbruch.

Das geht uns alle an. Der Akt des Erinnerns war über lange Zeit sehr einsam: Bis 1978 wurde der Jahrestag des Pogroms am 9. November nur von Juden gedacht. Der Kampf gegen die vorherrschende Schlussstrich-Mentalität der Nachkriegsjahre wurde in erster Linie von Überlebenden und ihren Nachkommen ausgetragen. Ich möchte nicht wahrhaben, dass wir wieder auf dem Weg in diese Zustände sind.

Tirana

Albaniens Premier gibt Millionen für Kanye-Konzert aus

Ein geplanter staatlich geförderter Auftritt spaltet das Land – und verstärkt die ohnehin seit langem wachsende Kritik an Ministerpräsident Rama. Die jüdische Gemeinde will eine Absage

 10.07.2026

New York

Bericht: Israel warnte USA vor neuem iranischem Anschlagsplan gegen Trump

Seit der Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani Anfang 2020 droht der Iran Trump mit Vergeltung

 10.07.2026

Islamabad/Doha

Vermittler wollen Atomgespräche zwischen USA und Iran retten

Pakistan, Katar und andere Staaten bemühen sich laut einem amerikanischen Pressebericht, die jüngste Eskalation einzudämmen

 10.07.2026

berlin

Strafbefehl gegen Hudhaifa Al-Mashhadani

Der Leiter einer säkularen Arabischschule in Neukölln soll einen Mordanschlag gegen sich erfunden haben

 10.07.2026

Entscheidung

Halberstädter Museum für jüdische Kultur wird weiter gefördert

Im Jahr 2001 wurde das Berend Lehmann Museum für jüdische Geschichte und Kultur in Halberstadt gegründet. Zum Museum gehören die frühere Mikwe sowie die Synagoge im ehemaligen rabbinischen Lehrhaus, der Klaus. Sie bekommen weiterhin eine Förderung.

 09.07.2026

Magdeburg

Was eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt ändern könnte

Von der Kündigung des Rundfunkstaatsvertrages bis hin zur Ängerungen von »Geschichte«-Lehrplänen: Was will die rechtsextremistische Partei im Falle eines Wahlsieges noch?

von Christopher Kissmann  09.07.2026

Frankfurt am Main

Becker fordert Verbot von Pro-Terror-Kundgebung, DIG initiiert Gegendemo

»Palästina darf sich wehren, auch mit Steinen und Gewehren«: Unter diesem Motto ruft eine Gruppierung zu einer Kundgebung auf. Auch die Grünen wollen die Versammlung untersagen

von Imanuel Marcus  09.07.2026

Antisemitismus

Chrupalla-Lob für Möllemann

DIG-Präsident Volker Beck übt heftige Kritik am Co-Chef der AfD

 09.07.2026

Humanitäre Hilfe

Israel weist Berichte über Versorgungsengpässe in Gaza zurück

Einem neuen Bericht zufolge sind seit der Waffenstillstandsvereinbarung vom Oktober 2025 1800 Millionen Tonnen an Lebensmitteln nach Gaza gelangt. Israel sagt, das sei mehr als vor dem Krieg

 09.07.2026