Dokumentation

»Was bedeutet Auschwitz heute noch für Deutschland?«

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Foto: picture alliance/dpa

Dokumentation

»Was bedeutet Auschwitz heute noch für Deutschland?«

Am Sonntag gedachte die Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main des 80. Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hielt eine Gastrede

 19.01.2025 17:38 Uhr

Wir können uns in unserer Zeit auf immer weniger Gewissheiten einigen. Einer Sache sind wir uns jedoch noch sicher: Es gibt eine Zeit vor und eine Zeit nach Auschwitz. Unser gesamtes Denken, unser Blick auf Gesellschaft und Staat, auf Religion und auf unser Zusammenleben an sich hat sich verändert. Es musste sich verändern.

Heute, 80 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, das in seiner Grausamkeit der Vernichtung für den Zivilisationsbruch der Schoa steht, befinden wir uns erneut an einer Wegmarke. Was bedeutet Auschwitz heute noch für Deutschland? Was bedeutet es in einer Zeit, in der wir immer weniger Zeitzeugen der Schoa erleben? Was bedeutet es in einer Zeit, in der immer mehr Menschen in Deutschland keinen familiären Bezug zur NS-Zeit haben?

Für mich persönlich, als Mitglied der zweiten Generation von Schoa-Überlebenden und Opfern, sind das auch schmerzliche Fragen. Wir sind aufgewachsen in dem Glauben an eine Gesellschaft nach Auschwitz, die sich dem Schrecken und der unmenschlichen Grausamkeit dieses Ortes und wofür er steht immer bewusst sein wird; und daraus Konsequenzen zieht. Auch das lief nie geradlinig. Hier in Frankfurt denke ich besonders an Fritz Bauer und die Auschwitzprozesse und welchen Anfeindungen dieser mutige Mann doch auch zwanzig Jahre nach der Schoa noch entgegengetreten ist.

Unser Blick auf Auschwitz darf sich in seinem Kern nicht verändern. Er kann es nicht, wenn dieses Land seiner Gründungsidee und seiner Verantwortung vor der Geschichte gerecht werden will. Diese Gewissheit, meine Damen und Herren, ist essenziell für jüdisches Leben in Deutschland. Es braucht eine wehrhafte Haltung gegen die Propaganda des »Schuldkults«, deren parlamentarischer Arm mit der AfD bereits in Landtagen und im Bundestag sitzt. Gleichzeitig werden deutsche Straßen mit der postkolonialen Verirrung der »German guilt« geflutet.


»Die Politik muss eine klare Sprache gegen eine subtile Verwässerung der Erinnerung an die Schoa von extrem links und extrem rechts finden.«

Wir sind uns im Wesentlichen der Unterstützung der großen Mehrheit der politischen Akteure sicher, müssen aber auch immer wieder Irritationen erleben – sei es im Stil, aber auch in der Substanz. Gerade die Erinnerung an die Schoa, ihre Singularität sowie die Gestaltung und Absicherung der KZ-Gedenkstätten müssen über jeden Zweifel erhaben sein.

Die Politik muss eine klare Sprache gegen eine subtile Verwässerung der Erinnerung an die Schoa von extrem links und extrem rechts finden.

Wir erleben, dass jüdische Perspektiven in Debatten wie diesen zu wenig, manchmal erst zu spät, wahrgenommen werden. Es braucht dafür Räume. Diese müssen ermöglicht werden – die Politik kann dafür einen Beitrag leisten. Hier in Frankfurt ist es mit der Jüdischen Akademie des Zentralrats gelungen.

Hoffentlich noch in diesem Jahr – und wenn nicht, dann Anfang 2026 – wird die Akademie zu einem wichtigen Impulsgeber werden, der diesen Debattenraum füllen kann. Jüdisches Leben, jüdisches Denken und jüdischer Geist gehören zu Deutschland. Jüdinnen und Juden gehören zu Deutschland.

Genau vor 75 Jahren wurde ebenfalls in Frankfurt der Zentralrat der Juden in Deutschland gegründet. Er ist zu einem Teil der Demokratiegeschichte dieses Landes geworden. Für die Bundesrepublik war und ist das auch ein Anspruch, der sie immer wieder leiten muss.

Den Vortrag hielt Josef Schuster während der Gedenkfeier zum 80. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main. Lesen Sie in der nächsten Printausgabe der Jüdische Allgemeinen mehr über die Veranstaltung.

Kiev

Israelischer Unternehmer klagt gegen Selenskyj

Timur Mindich reicht Klage gegen ein Präsidialdekret ein, mit dem persönliche Sanktionen gegen ihn verhängt worden waren

 21.05.2026

Sachsen-Anhalt

Szenario: Gegängelte Bildung, mehr rechte Gewalt mit AfD-Regierung

Laut Umfragen könnte die AfD im September in Sachsen-Anhalt an die Regierung kommen. Was das für Auswirkungen hätte, hat die Amadeu Antonio Stiftung skizziert

von Lukas Philippi  21.05.2026

Meinung

Iranischer Staatsterror: Zeit zu handeln, Herr Bundeskanzler!

Die Islamische Revolutionsgarde des Iran wollte den Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft zufolge Josef Schuster und Volker Beck ermorden lassen. Das darf nicht ohne Konsequenzen bleiben

von Michael Thaidigsmann  21.05.2026

Berlin

Zentralrat der Juden distanziert sich von Itamar Ben-Gvir

Ein Video des rechtsextremen israelischen Ministers sorgt weltweit für Empörung. Auch die Vertretung der Juden in Deutschland äußert sich

 21.05.2026

Hamburg

Teheraner Regime soll Ermordung von Josef Schuster geplant haben

Das iranische Mord-Komplott richtete sich auch gegen den Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck

 21.05.2026 Aktualisiert

Berlin

Zentralrat startet Initiative gegen Antisemitismus im Fußball

Slogans wie »Aus Liebe zum Spiel. Gegen Antisemitismus« sowie »Mitfiebern. Gegen Antisemitismus« sollen zum DFB-Pokalfinale auf digitalen Werbetafeln zu sehen sein

 21.05.2026

Tacheles-Preis

»Ihr prägt den Journalismus. Ihr prägt unser Land«

WELT-Chefredakteur Helge Fuhst hielt die Laudatio auf die Jüdische Allgemeine. Eine Dokumentation

von Helge Fuhst  21.05.2026

Nahost

Strategische Oberhand

War der Krieg gegen das iranische Regime ein Fehlschlag? Eine Analyse

von Michael Wolffsohn  21.05.2026

Dokumentation

»Mehr Mut zu unbequemen Wahrheiten!«

Die Jüdische Allgemeine ist mit dem Tacheles-Preis ausgezeichnet worden. Hier dokumentieren wir die Dankesrede von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  21.05.2026