Meinung

Warum tust du dir das an?

Lisa Scheremet Foto: © Uwe Steinert

Die Frage höre ich seit 15 Jahren, seit ich im öffentlichen Schuldienst als Lehrerin tätig bin - als eine jüdische Lehrerin, die sich offen zu ihrer Religion bekennt: »Warum tust du dir das an?«

Also, warum tue ich mir das an? Weil ich Denkweisen bewege, mit Vorurteilen aufräumen und für ein friedliches Miteinander werben kann. Und weil ich für meine Offenheit mit Neugier und einem ergiebigen Austausch mit der Schülerschaft belohnt werde.

Es ist ein schneller bürokratischer Akt, der sich wie eine Ohrfeige anfühlt - gerade in diesem Land.

Ich erzähle den Jugendlichen von meinem Leben in der ehemaligen Sowjetunion und von dem meiner Eltern und Großeltern, von Repressalien und Antisemitismus. Von meiner Mutter, die wegen der so genannten Judenquote ihr Wunschfach Jura an der Abendfakultät studieren musste.

Von meinem jüdischen Mitschüler, der mit blauen Flecken von der Schule nach Hause kam und mit »Scheißjude!«-Rufen im Klassenzimmer empfangen wurde. Ich berichte vom Schulaufnahmegespräch in Moskau, als meine Eltern von der Schulleiterin kopfschüttelnd auf unsere Religion hingewiesen und dann herausgebeten wurden.

Jüdischer Alltag Und ich erzähle über das Jetzt, über die Dankbarkeit, in einer Demokratie und Religionsfreiheit zu leben. Über den jüdischen Alltag in Berlin und Deutschland, über das Land Israel, was so viel mehr ist als nur der Nahostkonflikt. Über das jüdisch-traditionelle Begräbnis meiner Mutter, das Anzünden des Chanukkaleuchters, das Neujahrsfest im Herbst.

Und da ist sie wieder, diese Frage: »Warum tust du dir das an?«

Ich bringe Äpfel und Honig mit und kündige in meiner Klasse an, dass wir uns an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, nicht sehen. An diesem Tag besuche ich die Synagoge, wie viele andere Jüdinnen und Juden weltweit auch. Wir gehen in uns, fasten, verrichten keinerlei Arbeit, lassen das vergangene Jahr Revue passieren und bitten Gott sowie unsere Nächsten um Verzeihung.

Da ich als Lehrerin keinen Urlaub außerhalb der Ferienzeit nehmen kann und Jom Kippur dieses Jahr auf einen Montag fällt, muss ich einen Antrag stellen - auf Freistellung. Am 20. September entscheidet die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie: »… leider muss ich Ihren Antrag auf bezahlte Freistellung am 25.09.2023 gem. Sonderurlaubsverordnung - SurIV ablehnen.«

Einsame Kämpfe Und da ist sie wieder, diese Frage: »Warum tust du dir das an?« Und ja, warum stelle ich mich Verschwörungstheorien, antisemitischen Beschimpfungen und der Leugnung des Staates Israel? Warum führe ich diese Kämpfe, die ihre Spuren auch nach dem Feierabend hinterlassen, organisiere in meiner Freizeit einen Schüleraustausch mit Israel und bezahle das Kennenlernen mit unserer Partnerschule in Jerusalem aus eigener Tasche? Lauter einsame Kämpfe, gefühlt wie ein kleiner Fisch in den Weiten des Ozeans.

So sieht sie nicht aus, die stets angepriesene Dankbarkeit über jüdisches Leben in Deutschland nach 1945.

Und nun kommt ein weiterer Kampf hinzu, um einen freien Tag, der mir nach dem Staatsvertrag zwischen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und dem Senat von Berlin zusteht. Gegen eine Ablehnung, die an eine weitere Personalnummer mit einem weiteren Bescheid versandt wird. Keine Erklärung, keine Benennung einer möglichen Alternative, mir einen unbezahlten freien Tag zu ermöglichen, kein Dahinterschauen.

Fünf Tage vor Jom Kippur, nicht genug Zeit, um einen weiteren Antrag auf unbezahlte Freistellung einzureichen. Ein schneller bürokratischer Akt, der sich wie eine Ohrfeige anfühlt. Gerade in diesem Land, in das meine Eltern mich gebracht haben, damit ich die Freiheit und das Judentum leben kann.

So sieht sie nicht aus, die stets angepriesene Dankbarkeit über jüdisches Leben in Deutschland nach 1945. Und auch nicht die im Staatsvertrag verankerte »Gewährleistung jüdischer Glaubensfreiheit«.
Schade Berlin, es wäre aber auch zu schön gewesen.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  08.09.2026

Meinung

Ein Sonntag genügt!

Was gehen uns in der Schweiz die Wahlen in Sachsen-Anhalt an? Auf den ersten Blick nicht viel. Auf den zweiten wird klar: Das Problem ist nicht nur die Partei selbst

von Zsolt Balkanyi-Guery  08.09.2026

Magdeburg

BSW will AfD-Landtagspräsidenten mitwählen

Bundesweit ist es der AfD noch nie gelungen, das Amt eines Parlamentspräsidenten zu übernehmen – auch wenn sie die stärkste Partei war. Das könnte sich in Sachsen-Anhalt jetzt ändern

 08.09.2026

Meinung

London belohnt die Verweigerungshaltung der Palästinenser

Mit ihren Sanktionen gegen israelische Siedlungen will die britische Regierung im Nahost-Konflikt einer Zwei-Staaten-Lösung näher kommen. Doch sie zeigt vor allem: Verhandeln lohnt sich nicht

von Daniel Neumann  08.09.2026

Nahost

Großbritannien wirft Israel »ethnische Säuberungen« im Westjordanland vor

Aus Israel und den USA kommt scharfe Kritik. Deutschland schließt sich der Initiative Großbritanniens nicht an

 08.09.2026

Den Haag

Deutschland verteidigt Waffenexporte nach Israel

Deutschland betont vor dem Internationalen Gerichtshof, dass seine Rüstungsexporte nach Israel internationalen Vorgaben entsprechen. Die Richter müssen entscheiden, ob es zum Hauptverfahren kommt

 08.09.2026

Köln

Merkel ist schockiert über AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt

Die AfD greift in Sachsen-Anhalt nach einem deutlichen Wahlerfolg nach der Macht, die regierende CDU ist dort in der Wählergunst abgestürzt. Was die Altkanzlerin dazu sagt

 08.09.2026

Berlin

Staatsanwaltschaft ermittelt nach antisemitischem Linke-Konzert

Innensenator Iris Spranger (SPD) erklärt im Innenausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses, ein Verfahren sei eingeleitet worden

 08.09.2026

Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

Initiativen warnen vor rechter Gewalt nach AfD-Wahlsieg

Nach dem AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt mahnen Initiativen mehr Unterstützung gegen rechte Gewalt an. Was lokale Akteure und die Kirche jetzt fordern

 08.09.2026