Meinung

Warum Deutschland der Ukraine Waffen liefern sollte

Igor MItchnik Foto: privat

Die Historikerin Anne Applebaum stellte kürzlich in der Talkshow von Anne Will klar, dass Deutschland stets die »Geschichte als Ausrede nutze, wenn es sich gerade eignet« und nahm Bezug auf die deutsche Weigerung, der Ukraine Defensivwaffen zu senden – wie etwa Nachtsicht- und Abwehrgeräte gegen Panzer und Flugzeuge.

Die einseitige Erinnerung in Deutschland stellt in der aktuellen Verschärfung des russisch-ukrainischen Konflikts die Bundesregierung tatsächlich in ein fragwürdiges Licht – und das nicht nur in der Ukraine. Kritik schwingt auch bei Alliierten in der EU und der NATO durch.

Zwar versuchen die Bündnispartner, nach außen hin einig zu wirken, Verständnis bekommt die Bundesregierung aber nicht dafür, dass sie die estnische Weiterlieferung von Waffen an die Ukraine unterband. Deutlicher wird Litauens ehemaliges Staatsoberhaupt Vytautas Landsbergis in einem Facebook-Post: »Die Ukraine ist in Lebensgefahr, und Deutschland blockiert sogar die Lieferung der Waffen über sein Territorium – weil es dem Zaren von Moskau nicht gefallen würde.«

»Putins imperiale Weltvorstellung muss mitgedacht werden.«

Nord Stream 2 Vor allem das Beharren der Kanzlerpartei SPD auf dem Gasleitungsprojekt Nord Stream 2, das Deutschland energietechnisch und wirtschaftlich für Jahre von russischem Gas abhängig machen wird, setzt der deutschen Glaubwürdigkeit international zu. Dass für Anfang März eine Liveschalte großer deutscher Unternehmen mit dem russischen Machthaber Wladimir Putin geplant ist, organisiert vom Lobby-Verein »Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft«, und die deutsche Rüstungsindustrie im Rekordjahr 2021 weniger wählerisch in ihrer Kundenwahl war, lässt an der moralischen Argumentation Deutschlands arg zweifeln.

Die Erwartungen an die neue Bundesregierung sind in der Tat historisch: Das neue Kapitel deutscher Außenpolitik sollte wertebasierter sein. Die aktuelle russische Kriegsdrohung konfrontiert diese nun mit einem Realitätscheck: Wird man dieser Mission durch einen kompromisslosen Stopp von Waffenlieferungen in Konfliktgebiete immer gerecht? Wie verteidigen wir dann europäische Werte und internationales Recht, wenn der Nachbarstaat die Staatlichkeit eines europäischen Landes akut bedroht?

Dass diese Gefahr in der Ukraine aktuell ist, sollte eigentlich seit acht Jahren Krieg im Osten des Landes und der anhaltenden völkerrechtswidrigen Besetzung der Krim außer Frage stehen. Für die letzten Zweifelnden schob der russische Präsident Wladimir Putin im Sommer 2021 noch einen pseudo-historischen Essay hinterher, in dem er seine Vorstellung von völkischer Einheit der Ukrainer, Russen und Belarussen darlegt und offen erklärt, was ihm das Selbstbestimmungsrecht und die Unabhängigkeit dieser Länder bedeuten würden: nämlich nichts. Daraus könnte Deutschland die historische Verantwortung zum Schutz und der Unterstützung der Ukraine ableiten.

Diesen Punkt betonte schon der Historiker Timothy Snyder in seiner Bundestags-Rede im Sommer 2017, in der er die Abgeordneten an die Kolonisierung und Zerstörung der Ukraine als Staat und als essenziellen Teil von Hitlers »Lebensraum«-Plänen erinnerte. Damit verbunden waren die Ermordung von etwa 1,6 Millionen Juden, die Verschleppung von mehr als zwei Millionen Zwangsarbeitern nach Deutschland und viele weitere Grausamkeiten auf dem Territorium der heutigen Ukraine.

Baltikum In der aktuellen Krise läuten nicht nur bei den Ukrainern die Alarmglocken: Die baltischen Staaten und Polen fürchten aus ihrer Erfahrung der doppelten Besatzung – durch Nazi-Deutschland und durch die Sowjetunion – nicht weniger um den erneuten Verlust ihrer Staatlichkeit. Hat Deutschland diesen Staaten gegenüber keine historische Verantwortung? Putins imperiale Weltvorstellung muss mitgedacht werden, wenn man die Stationierung schwerer Waffen, Panzer und Raketen sowie von etwa 140.000 russischen Soldaten sieht, die aktuell die Ukraine von Norden, Osten und Südosten umzingeln.

Westliche Geheimdienste haben konkrete Einmarsch-Pläne veröffentlicht, mehrere Botschaften in der Ukraine haben ihre Staatsbürger aufgerufen, die Ukraine umgehend zu verlassen. Die Kiewer Regierung versucht zu beschwichtigen, um Massenpanik im Land sowie wirtschaftlichen Schaden abzuwenden – viele Ukrainer beruhigt das wenig. »Unser Land ist auf ihrer Seite«, betonte Bundeskanzler Olaf Scholz bei seinem Antrittsbesuch in Kiew Anfang der Woche. Wenn Scholz allerdings eine erneute Eskalation verhindern wolle, so Applebaum bei Will, »müsse er jetzt den Ukrainern die Chance geben, sich zu verteidigen.«

Seit Wochen bereiten sich Zivilisten im ganzen Land auf das Verhalten im Angriffsfall vor und hoffen auf deutsche wie westliche Unterstützung. Mit der unmittelbaren Kriegsgefahr sind nun jüdische Ukrainer genauso bereit wie alle anderen, für ihre Heimat einzustehen, erklärte auch Rabbi Meir Stambler, Vorsitzender der Federation of Jewish Communities of Ukraine, dem britischen »Jewish Chronicle«. Schließlich gehe es um den Schutz von Demokratie, so Stambler. Josef Zissels, ehemaliger sowjetischer Dissident und Vorsitzender der Vereinigung der jüdischen Organisationen und Gemeinden der Ukraine (Vaad), hat sich sogar bewaffnet für die Internet-Kampagne »Ukrainians Will Resist« ablichten lassen.

So zeigen Ukrainer der Welt, wie ernst die Lage ist – und dass sie zu allem bereit sind. Für das Selbstbild mag die deutsche Weigerung, die Ukraine mit Defensivwaffen zu versorgen, zwar konsequent erscheinen. Krieg verhindern wir aber nur, wenn wir Putin zeigen, »dass eine Invasion einen sehr hohen Preis haben wird«, erklärte Applebaum bei Will. Und damit hat sie recht.

Igor Mitchnik ist Projektleiter bei der deutsch-schweizerischen NGO Libereco – Partnership for Human Rights. Er hat in der Ostukraine in zivilgesellschaftlichen und humanitären Projekten gearbeitet.

San Francisco

Wie Sam Altmans KI ausbrach und eine Firma hackte

Ein außergewöhnlicher Vorfall bei einem Testlauf des ChatGPT-Entwicklers demonstriert drastisch das Risiko von KI-Cyberattacken. Dabei wollte die Software nur in einem Test schummeln

von Andrej Sokolow  23.07.2026

Grenoble

Nach antisemitischem Angriff: DJane Barbara Butch kündigt Rückkehr auf die Bühne an

Aktivisten beschimpften die Künstlerin, warfen Flaschen und andere Gegenstände auf die Bühne. Davon will sie sich nicht abschrecken lassen

 23.07.2026

Meinung

Notbremse gegen Antisemitismus

Die Hochschulleitungen müssen den Judenhass ihrer Mitarbeiter und Studierenden als das ernst nehmen, was er ist: eine Gefahr für jüdisches Leben in Deutschland

von Debora Eller  22.07.2026

Meinung

Herr Kretschmer, es gibt nichts mit der AfD zu bereden!

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer stellt einmal mehr die Brandmauer in Frage und will »mit jedem reden, der reden will«. Doch reden muss man allenfalls mit den Wählern der AfD

von Michael Thaidigsmann  22.07.2026

Österreich

Hitlers Geburtshaus ist nun eine Polizeistation

1889 kam der spätere Diktator Adolf Hitler im österreichischen Braunau am Inn zur Welt. Das Gebäude wurde in der Vergangenheit immer wieder von Neonazis aufgesucht. Damit soll Schluss sein

von Matthias Röder  22.07.2026

Washington D.C.

Berichte: Trump genehmigt Atom-Deal mit Saudi-Arabien

Die Nachricht fällt mit der Eskalation des Iran-Krieges zusammen. Kritiker warnen vor einem atomaren Wettrüsten in der instabilen Region

 22.07.2026

Meinung

Es reicht!

Im Angesicht der brutalen und mutmaßlich antisemitisch motivierten Gewalttat bei Würzburg muss endlich über Verantwortlichkeiten geredet werden

von Volker Beck  22.07.2026

Berlin

Bericht des Jüdischen Forums: 329 antisemitische Vorfälle bei Demonstrationen

Als durchgängiges Motiv nennt der Bericht den Ruf nach einer »Globalisierung der Intifada«

 22.07.2026

Berlin

Dobrindt kündigt baldige Nachfolge für Antisemitismusbeauftragten Felix Klein an

Klein selbst spricht sich für eine nahtlose Übergabe aus

 22.07.2026