Polen/Israel

»Wahrheit nicht verbieten«

Maram Stern Foto: Marco Limberg

Polen/Israel

»Wahrheit nicht verbieten«

Maram Stern über das »Holocaust-Gesetz« und historische Fakten der Schoa

von Detlef David Kauschke  26.02.2018 16:34 Uhr

Herr Stern, Sie haben im Zusammenhang mit dem umstrittenen »Holocaust-Gesetz« dem polnischen Ministerpräsidenten Morawiecki vorgeworfen, Opfer zu Tätern zu machen. Warum?
Er sprach bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Zusammenhang mit dem Holocaust pauschal von »jüdischen Tätern«. Ich saß im Saal und war ziemlich perplex. Das Gesetz ist ganz klar ein Versuch, jene einzuschüchtern, die sich eingehender mit der polnischen Kollaboration während der deutschen Besatzung befassen. Es gab damals eben nicht nur mutige polnische Judenretter, sondern ganz viele, die Juden aus Geldgier und Niedertracht an die Nazis verrieten. Das sind zwei Seiten derselben Medaille.

Prallen hier zwei unterschiedliche Opfer-Narrative aufeinander?
Sicherlich. Polen war das erste Land, das von Hitler-Deutschland angegriffen wurde. Durch den Hitler-Stalin-Pakt wurde es geteilt. Es wäre doch seltsam, würde man das Leid, das Polen damals zugefügt wurde, nicht anerkennen. Aber der Holocaust, der sich gegen die Juden richtete, hatte eine weitaus schlimmere Dimension, er sah die totale Ausrottung jüdischen Lebens in Europa vor. Zur Erinnerung: Die Hälfte der polnischen Opfer waren Juden. Über 90 Prozent der drei Millionen polnischen Juden wurden ermordet.

Haben Sie dafür Verständnis, dass sich Warschau gegen die Bezeichnung »polnische Todeslager« wehrt?
Ja. Aber man sollte auf polnischer Seite auch zur Kenntnis nehmen, dass selten Vorsatz dahintersteckt, wenn diese Bezeichnung verwendet wird. Polen hat es nun mit diesem Gesetz geschafft, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen. War es das wert?

Ihre Eltern waren Polen, die den Holocaust überlebten. Sie haben Ihnen vom Hass der Nachbarn und von den Pogromen erzählt. Wird Ihnen das Gesetz verbieten, darüber zu sprechen?
Nein. Die Wahrheit kann man nicht einfach per Gesetz verbieten.

Unterdessen nimmt die Zahl antisemitischer Taten und Äußerungen in Polen zu. Ist die jüdische Gemeinschaft des Landes die eigentliche Leidtragende?
Eindeutig ja. Und deshalb sollten wir alles versuchen, mit der polnischen Seite konstruktive Gespräche zu führen.

Das Gesetz sollte in dieser Woche in Kraft treten. Erwarten Sie, dass Warschau das Gesetz kippt?
Wir versuchen gerade, mit der polnischen Regierung ins Gespräch zu kommen, um zu sehen, ob es einen Weg aus der Sackgasse gibt. Die Emotionen haben sich sehr hochgeschaukelt, aber ich hoffe, dass das letzte Wort in dieser Sache noch nicht gesprochen ist.

Mit dem stellvertretenden Geschäftsführer des Jüdischen Weltkongresses sprach Detlef David Kauschke.

Interview

»Sonntagsreden reichen nicht«

Hessens Justizminister Christian Heinz will, dass Aufrufe zur Vernichtung Israels künftig unter Strafe stehen. Wie lässt sich ein solcher Eingriff in die Meinungsfreiheit begründen? Ein Gespräch über Staatsräson, den Schutz jüdischen Lebens und Mehrheiten im Bundesrat

von Joshua Schultheis  17.05.2026

Nahost

Stille Wende im Krieg: Emirate und Saudi-Arabien griffen Iran an

Nach Irans Angriffen wiederholten die Golfstaaten das Mantra vom Recht auf Selbstverteidigung. Jetzt wird bekannt, dass zwei von ihnen auch zurückschlugen - und eine wichtige Schwelle überschritten

von Johannes Sadek, Weedah Hamzah  17.05.2026

Wien

14 Aktivisten bei Anti-Israel-Demo festgenommen

Vor Beginn des ESC-Finales gab es mehrere Demonstrationen gegen Israels Teilnahme

 17.05.2026

Brandenburg

Brandanschlag: Jüdische Gemeinden stellen sich hinter Büttner

Im Fall des Brandanschlags auf das Anwesen des brandenburgischen Antisemitismusbeauftragten gibt es viele offene Fragen. Die örtliche jüdische Gemeinde solidarisiert Sicherheit mit Andreas Büttner

 15.05.2026

Belgien

Uni-Rektorin: »Haben bereits viele Partnerschaften verloren«

Die Besetzer verlangen einen vollständigen Boykott Israels und wollen weitermachen - obwohl die Uni-Leitung ihnen nun erneut entgegenkam

von Michael Thaidigsmann  15.05.2026

USA

Gericht setzt Sanktionen gegen Francesca Albanese aus

Ein Richter in Washington hat Sanktionen der Trump-Regierung gegen die UN-Berichterstatterin vorerst gestoppt. Die USA werfen ihr Voreingenommenheit und Antisemitismus vor

 15.05.2026

London

König Charles besucht Opfer der Messerattacken in Golders Green

Der Monarch spricht auch mit dem 76-jährigen Norman Shine, der im April bei einer antisemitisch motivierten Mersserattacke an einer Bushaltestelle am Hals verletzt worden war

 15.05.2026

Würzburg

Schuster sieht Gleichgültigkeit bei Judenhass - Zivilcourage gefragt

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, warnt vor einem Wegsehen bei Antisemitismus in Deutschland. Und gibt konkrete Tipps, wie man auf judenfeindliche Sprüche reagieren sollte

 15.05.2026

Peking

Trump erhöht Druck auf Iran

»Ich werde nicht mehr besonders lange geduldig sein«, sagt der amerikanische Präsident

 15.05.2026