Evangelische Kirche

»Vor unserer eigenen Tür kehren«

»Es darf nicht sein, dass in unserem Land Menschen bedrängt werden wegen eines Glaubens, der auch die Wurzel unseres christlichen Glaubens ist«: Bischof Martin Hein Foto: imago images / epd

Herr Bischof, die Evangelische Kirche in Deutschland möchte jüdische Traditionen stärker in der Ausbildung ihrer Theologen verankern. Wie sehen Sie das – besteht bei den Nachwuchspfarrerinnen und -pfarrern Nachholbedarf?
Traditionell beschäftigen sich unsere Theologinnen und Theologen natürlich während des Studiums intensiv mit der Hebräischen Bibel. Aber was wir eher weniger wahrnehmen, ist die jüdische Auslegungstradition. Und ganz schwierig wird es bei der konkreten Frage: Wo zeigt sich heute jüdisches Leben? Ich glaube, dass es angesichts des unterschwellig wachsenden Antisemitismus in der Gesellschaft notwendig ist, die Aufmerksamkeit bei der theologischen Ausbildung auch auf die politische Dimension dieses Problems zu legen.

Sehen Sie das Problem eher an der Basis oder bei Theologen und Bischöfen wie Ulrich Duchrow oder Hans-Jürgen Abromeit – dem Bischof der evangelischen Nordkirche im Sprengel Mecklenburg und Pommern, der neulich eine »Überidentifikation mit dem Staat Israel« in Deutschland kritisierte?
Das hat mich überrascht, weil es meiner Meinung nach gerade zur deutschen Staatsräson gehört, das Existenzrecht Israels nicht infrage zu stellen. Bischof Abromeits Interesse war es wohl, die Interessen der palästinensischen Christen in den Blick zu nehmen. Ich kann seine Formulierung so nicht teilen. Allerdings darf man ihn nicht gleich in eine rechte oder linke antisemitische Ecke stellen. Aber die Situation ist eben komplex, und man muss genau wissen, was man sagt. Es gibt im kirchlichen Bereich eine gewisse Nähe zu palästinensischen Christen und damit auch eine Sympathie für die arabische Seite. Das lässt sich nicht bestreiten. Ich würde gern versuchen, hier zu differenzieren. Es muss eine politische Debatte um den Kurs Israels geben dürfen. Aber ich komme gerade von einer Reise in den Libanon zurück und weiß, wie dort über Israel als Staat gedacht und geredet wird. Das ist ganz fürchterlich! Die Palästinenser werden oft als »Faustpfand« behandelt, um eine politische Lösung unmöglich zu machen. Es ist im arabischen Orient sehr schwierig, die Thematik Juden/Muslime/Christen unabhängig von der Nahostpolitik zu behandeln. Ich meine, als Deutsche sind wir zunächst gefragt, genau zuzuhören und nicht schon vorher eine Meinung vorzubringen. Das gehört sich nicht. Doch ich habe gemerkt, wie schwierig es ist, mit unseren christlichen Freunden überhaupt über Israel ins Gespräch zu kommen. Man gerät sofort in eine politische Diskussion, die oft fruchtlos ist. Mich beschäftigt schon die Tatsache, dass in der Hebräischen Bibel, unserem »Alten Testament«, von Israel gesprochen wird, aber dass das vor Ort immer nur als eine spirituelle Größe gedeutet wird.

Was meinen Sie mit Nähe zu palästinensischen Christen? Dass deutsche Christen nach Israel fahren und dort Kontakte pflegen?
Die Nähe besteht zunächst einmal darin, dass die palästinensischen Christen in einer schwierigen Situation sind: in einer muslimisch majorisierten Umgebung. Deswegen fahre ich dorthin, um diesen Christen gegenüber meine Solidarität zum Ausdruck zu bringen. Das darf aber nicht dazu führen, dass man als politische Option das Existenzrecht Israels infrage stellt! Und das muss man dann auch in aller Deutlichkeit den palästinensischen Christen sagen, die sich als Araber fühlen.

Der internationale Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) hat vor einigen Wochen klargestellt, er sei kein Unterstützer von BDS. Wie stark ist nach Ihrer Einschätzung die Sympathie für die anti-israelische Boykottbewegung in deutschen Kirchenkreisen?
Eigentlich sehe ich das nur bei denen, die sich sehr stark mit Palästina identifizieren. Insgesamt ist das in den Gemeinden kein Thema, soweit ich das beobachten kann. BDS hat bei uns keinen Nachhall, zumindest nicht in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Ich halte solche Boykottaufrufe für völlig unangemessen. Es hat früher einmal eine ähnliche Aktion gegeben: Damals ging es um Outspan-Orangen aus Südafrika, und die Initiative hieß: »Kauft keine Früchte der Apartheid.« Das habe ich unterstützt, weil ich Apartheid als Unrecht betrachtet habe – und das damalige Südafrika als Unrechtsstaat. Das Gleiche jetzt auf Israel anzuwenden, den einzigen wirklich demokratischen Staat im Vorderen Orient, halte ich für absolut deplatziert. Ich hatte vor Kurzem eine Diskussion mit Nachbarn, die meinten, Israel sei ja auch ein Apartheidstaat. Da kann ich mich dann nicht mehr zurückhalten und sage: Schaut doch mal bitte genau hin! Wem nützen wir denn damit? Wir nützen letzten Endes wieder nur radikalen Kräften auf der arabischen Seite, die kein Interesse an einem friedlichen Ausgleich haben.

Sie haben in diesem Sommer die Berufung eines Antisemitismusbeauftragen für die EKD gefordert. Warum halten Sie das für nötig?
Erstmals habe ich diesen Vorschlag vor einem Jahr gemacht. Bei uns gibt es etliche Anzeichen dafür, dass der Antisemitismus wieder »gesellschaftsfähig« wird.

Auch innerhalb der Kirche …
Bei manchen Menschen, die in unseren Kirchen leben. Wir stehen ja nicht abseits der Gesellschaft. Wir müssen auch immer vor unserer eigenen Tür kehren. Und ich vermute, dass es bestimmt bei vielen Christen unterschwellige Ressentiments gegenüber Juden gibt. Sie sind durch nichts begründet, sondern werden im Grunde seit Jahrhunderten weiter kolportiert.

Hat die Kirche sich theologisch nicht längst weiterentwickelt? Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es die Stuttgarter Schuld­erklärung, 2016 erfolgte die offizielle Ablehnung der Judenmission durch die EKD-Synode …
Ja, und dabei hat der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, einen kircheninternen Prozess befördert, der meines Erachtens auf der theologischen Ebene geklärt ist. Das Problem sehe ich auf der politischen Ebene. Schauen Sie sich doch das jüngste Titelbild von »Spiegel Geschichte« zum Thema »Jüdisches Leben« an. Jüdisches Leben ist in Deutschland doch nicht nur historisch! Dann wäre die Schoa ja endgültig gewesen! Ich hätte lieber ein Heft gemacht, das jüdisches Leben in Deutschland in seiner ganzen Bandbreite und seinen Chancen zeigt – auch in seinem Angefochtensein angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen.

Diesen Ansatz würden Sie gerne in die Kirche hineintragen?
Ja, wir haben viel zu wenige Begegnungen. In fast allen größeren Städten gibt es jüdische Gemeinden. Oft stehen sie nicht unmittelbar im Rampenlicht, aber man kann ihnen Solidarität zeigen. In Kassel ist vor zwei Wochen die Synagoge beschmiert worden. Hier werden auch andere Häuser beschmiert, und es gab vermutlich keinen rechtsextremen Hintergrund. Trotzdem habe ich das zum Anlass genommen, der jüdischen Gemeinde gegenüber meine Solidarität auszudrücken. Ich weiß nicht, wer das war. Aber wir als Christen können nicht akzeptieren, dass jüdische Gotteshäuser beschmiert werden. Kirchen dürfen nicht zur schweigenden Mehrheit gehören. Und ich kann es nicht ertragen, egal ob von muslimischer, von linker oder von rechter Seite, dass Juden sich in Deutschland wieder so fühlen müssen wie in der 30er-Jahren, dass sie angespuckt werden oder dass sie nicht mehr zeigen können, dass sie Juden oder Jüdinnen sind. Das halte ich für unerträglich in einem freiheitlich-demokratischen Staat. Ich akzeptiere zum Beispiel die Verschleierung muslimischer Frauen. Unsere Gesellschaft muss es schaffen, dass sich jeder religiöse Mensch offen zeigen kann! Wir brauchen mehr Begegnungen auf lokaler Ebene, und wir brauchen einen Ansprechpartner für jüdische Verbände, eine Art Ombudsmann beziehungsweise Ombudsfrau, nicht nur für die innerkirchlichen Belange. Sondern auch, damit die jüdische Gemeinschaft jemanden hat, an den sie sich wenden kann und der im Zweifelsfall auch die Stimme erhebt.

Im September soll die EKD-Synode über die Berufung eines Antisemitismusbeauftragten beraten. Erwarten Sie eine baldige Entscheidung?
Wie gesagt, mein Vorschlag ist nicht neu. Ich beobachte in unserer Gesellschaft sehr deutlich – auch gefördert durch die AfD – die Stimmung: »Man wird das doch wohl mal sagen dürfen.« Und in unserer allgemeinen Empörungskultur, in der wir leben und die durch die »sozialen« Medien verstärkt wird, findet Antisemitismus viel mehr Anklang, als man sich das früher hätte vorstellen können. Das ist erschreckend! Wir müssen zeigen: Wir nehmen den Antisemitismus als gesellschaftliche Erscheinung und als Sammlung von Ressentiments wahr und leisten unseren Anteil, das zu benennen und Möglichkeiten der Abhilfe zu schaffen. Ein Antisemitismusbeauftragter wäre Ansprechpartner, aufmerksamer Beobachter, aber auch Initiator von Begegnungen auf verschiedenen Ebenen.

Gibt es das nicht längst mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit?
Ja natürlich, aber viele Mitglieder – diejenigen, die sich in den 50er- und 60er-Jahren für die wahrlich nicht unbelastete Begegnung zwischen Juden und Christen eingesetzt haben – sind alt geworden. Es ist insgesamt wohl nicht gelungen, die nächste Generation dafür zu gewinnen. Das ist kein Vorwurf. Aber auch deswegen hat die EKD den Vorstoß unternommen und gesagt: Wir müssen das wieder bei jungen Pfarrerinnen und Pfarrern verankern. Denn die Frage lautet ja: Geht es »nur« um das gemeinsame theologische Verständnis, um Bibelaussagen und Bibelauslegung – oder um eine gesellschaftspolitische Dimension? Die EKD hat sich immer als politisch und öffentlichkeitswirksam verstanden. Insofern halte ich die Berufung eines Antisemitismusbeauftragten für angemessen. Wie der Rat der EKD entscheiden wird, kann ich nicht einschätzen. Ich habe aber den Eindruck, dass mein Vorschlag in der Öffentlichkeit ausgesprochen positiv aufgenommen worden ist.

Haben Sie schon eine Person im Kopf, die sich Ihrer Meinung nach für das Amt gut eignen würde?
Das muss der Rat der EKD beschließen. Es wäre wichtig, dass die Stelle angemessen ausgestattet ist, um ihre Aufgaben wahrzunehmen und mithilfe von Religionspä­dagogischen Instituten oder Evangelischen Akademien ein Bildungsprogramm zu entwerfen, wie sich zum Beispiel jüdisches Leben heute darstellt und wie die Begegnung von Menschen jüdischen und christlichen Glaubens gestaltet werden kann. Wir müssen uns zudem auch intensiv über die Definition von Antisemitismus verständigen. Ich finde den Vorschlag der Internationalen Allianz für Holocaust-Gedenken (IHRA) sehr angemessen: »Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann.« Das ist genau das, worum es mir geht. Wir müssen sagen: Passt auf! Es darf nicht sein, dass in unserem Land Menschen bedrängt werden wegen eines Glaubens, der auch die Wurzel unseres christlichen Glaubens ist. Der Apostel Paulus sagt ausdrücklich: »Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.«

Mit dem Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck sprach Ayala Goldmann.

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