Leo Baeck

Visionärer Geist

Leo Baeck (1873–1956): Rabbiner und unvergleichliche politische Leitfigur Foto: ullstein bild - ullstein bild

Leo Baeck

Visionärer Geist

Zum 150. Geburtstag eines Rabbiners, dem das Gemeinsame immer wichtiger war als das Trennende

von Josef Schuster  21.05.2023 14:13 Uhr

In der Tucholskystraße in Berlin, in Sichtweite der Spree und unweit vom Bahnhof Friedrichstraße, befindet sich das Leo-Baeck-Haus, der Hauptsitz des Zentralrats der Juden in Deutschland. Als sich im Zeitraum von 1907 bis 1941 in diesem Gebäude die 1869/70 gegründete Hochschule für die Wissenschaft des Judentums befand, hieß der Häuserblock noch Artilleriestraße; nur ein Fingerzeig auf den Strudel und die Abgründe deutscher Geschichte, die dieses Haus erlebte.

Mit der Schließung der Hochschule 1942, in deren Tradition 1956 die liberale Rabbinerausbildung in London fortgesetzt wurde – im Leo Baeck College –, verlor das Haus seinen einstigen Zweck. In der DDR wurde es als Wohnhaus genutzt, und nach der Wiedervereinigung kaufte es der Zentralrat der Juden in Deutschland von der Jewish Claims Conference, die es im Zuge der Restitution erhalten hatte.

Am 19. April 1999 fand die Einweihung des Sitzes des Zentralrats statt, und es erfolgte die Namensverleihung nach Leo Baeck sel. A., der seit 1912 Dozent an der Hochschule und gerade in späteren Jahren intellektuelle und emotionale Leitfigur der Hochschule sowie des deutschen Judentums insgesamt war. Seit 1933 bis zu ihrer Auflösung 1943 war er Vorsitzender der Reichsvertretung der Deutschen Juden, in gewisser Weise die Vorgängerorganisation des Zentralrats der Juden in Deutschland.

GENERATION Leo Baeck war eine Führungspersönlichkeit, wie es in einer Generation nur wenige gibt. Er war für viele Menschen während der Schoa ein letzter Halt und ein Fels im Angesicht des Abyssus menschlichen Seins. Er war all dies und gleichzeitig ein stiller, asketischer und geistreicher Mann, ein »Rabbiner in bedrängter Zeit«, wie es sein Biograf Michael A. Meyer so treffend ausdrückt, ein empathischer Mensch.

Ein zentraler Aspekt von Leo Baecks Denken war das »Menschsein«.

Am 23. Mai vor 150 Jahren wurde Leo Baeck geboren, seine Bedeutung für das Judentum in Deutschland, aber auch weltweit, sowie für die konzeptionelle Arbeit des Zentralrats ist in Worten kaum zu beschreiben. Seit 1957, rund ein Jahr nach dem Tod Baecks am 2. November 1956, verleiht der Zentralrat der Juden in Deutschland den Leo-Baeck-Preis, seine höchste Auszeichnung. Der Preis für Zivilcourage und demokratisches Bürger­ethos wird verliehen im Geiste Leo Baecks, der allein mit seiner Existenz und natürlich mit seinem Wirken ein Sinnbild des Aufbäumens gegen Ungerechtigkeit und eine Kontrastfolie für Gleichgültigkeit gewesen ist.

Ein zentraler Aspekt von Leo Baecks Denken war das »Menschsein«, das er auch als Wesen der Menschen zwischen Weltlichem und Geistlichem betrachtete. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs veröffentlichte Baeck, der später einer der ersten Militärrabbiner im Dienst der deutschen Armee werden sollte und somit in das Kriegsgeschehen involviert war, einen bemerkenswerten Aufsatz. Er richtete sich gegen den bereits grassierenden militanten Nationalismus.

Im Grunde verkörpert Baeck den Weg des Judentums in unserer Zeit.

Baeck schrieb, ein Mensch zu sein, schließe ein, auch »Mitmensch« zu sein und somit auch eine Pflicht zur Verantwortung füreinander zu haben. Wahre Frömmigkeit, so Baeck, gebe es zudem nur in der Beziehung zum Mitmenschen. Dass er darin auch einen Weg der Brücke zwischen den Völkern sah, bewies bereits früh seine Fähigkeit, auch in diesen Zusammenhängen zu denken. Dass es ohne Menschlichkeit keine Brücken geben konnte, sollte sich nur allzu schnell erneut beweisen.

MAHNUNG Einmal irrte Baeck, als er nach der Schoa die Epoche der Juden in Deutschland ein für alle Mal für beendet erklärte. Eine Fehleinschätzung allerdings, die ich aus tiefstem Herzen nachempfinden kann und die uns auch heute noch mahnen kann, nicht wegzuschauen; nicht wegzuschauen, wenn Jüdinnen und Juden in Deutschland bedroht sind, wenn sie angegriffen werden oder auch die Ausübung ihrer Religion infrage gestellt wird. Antisemitismus ist in Deutschland neben seinen gewalttätigen Auswüchsen auch ein Alltagsphänomen.

Es liegt an uns allen, dass Baeck, der die Größe und die Weitsicht hatte, seine Prognose noch vor seinem Tod zu korrigieren, mit dieser Anpassung recht behalten soll. Er, der Theresienstadt überlebte, wurde aus seiner neuen Heimat London zum Zeugen und Wegbegleiter der jüdischen Nachkriegsgemeinschaft in Deutschland. 1953 lehnte Leo Baeck die Ehrung mit dem Großen Bundesverdienstkreuz nicht ab, was nicht wenige von ihm erwartet hätten. Ihm war das Gemeinsame wichtiger als das Trennende.

Im Grunde verkörpert Baeck, der 1897 als Rabbiner ordiniert wurde, den Weg des Judentums in unserer Zeit, der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und des beginnenden 21. Jahrhunderts. Es braucht immer ein Dach, das alle Denominationen unter sich vereint; eine Möglichkeit, dass Strömungen auch im gegenseitigen Austausch miteinander wachsen und das Judentum in seiner Vielfalt zur Blüte bringen können. Das ist das Erbe Leo Baecks, dem sich der Zentralrat auch heute noch verpflichtet fühlt. Zugegeben, es ist kein leichtes.

Der Autor ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

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