Brexit

Verantwortung tragen

»Bregret«: Junge Briten bedauern die Brexit-Entscheidung. Foto: dpa

Nun ist das Referendum schon zwei Wochen alt, und immer noch hadern die Briten mit dem Brexit-Votum. Und im Nachhinein möchte man sagen: Hätte sich David Cameron bloß an Moses ein Beispiel genommen! Auch Moses hatte es mit Nörglern und Nostalgikern, selbst ernannten Freiheitsexperten und Populisten zu tun. Nicht nur deswegen hat er eben kein Referendum zu einem Exit aus dem Exodus angeboten. Es ging nicht nur um die Frage: Rückkehr nach Ägypten oder nicht.

Es ging um sehr viel mehr. Um Fortschritt. Um Zukunft. Um Freiheit und Mündigkeit. Vor allem ging es Moses um eines: um Verantwortung. Schier unerträglich schien ihm diese Last – so sehr, dass er sie sogar gegen den Tod tauschen würde –, das ist ausgerechnet in jenem Wochenabschnitt zu lesen, der in der Woche des Referendums gelesen wurde. Dort erfahren wir, wie Moses die Verantwortung, die er trägt, auch erträgt. Viel bequemer wäre es, die Verantwortung einfach abzuwälzen. Unterwegs ins Gelobte Land sehnten sich die Nostalgiker nach Ägypten zurück; dort wurde man zwar unterdrückt, dafür nahmen einem die Unterdrücker die Verantwortung ab.

bequemlichkeit Mit der Übergabe der Tora beginnt ein neues Zeitalter: das der Verantwortung. Davor waren tatsächlich alle Kulturen überall auf der Welt nach dem Prinzip der Bequemlichkeit verfasst, im Kant’schen Sinn: unmündig. »Es ist so bequem, unmündig zu sein«, schreibt Kant in seinem berühmten Briefwechsel mit Mendelssohn. Zur Mündigkeit »wird nichts erfordert als Freiheit«. Was der große Aufklärer 1784 formulierte, ist bereits Tausende Jahre zuvor in der Tora festgehalten worden: der Auszug aus Ägypten als Freiheitsakt, der die notwendige Bedingung zur Erlangung der Mündigkeit darstellt – sowohl für das Individuum als auch für die Gemeinschaft.

Verantwortung ist unbequem. Hat Premier Cameron deshalb so gehandelt? Politisch notwendig war es nicht. Dennoch übergab er die Verantwortung an das Volk. Großbritannien ist eine repräsentative Demokratie – wie die meisten Demokratien dieser Welt. Die Grundidee dabei ist, dass komplexe Entscheidungen getroffen werden von demokratisch legitimierten Repräsentanten, die ihrerseits alle dafür notwendigen Informationen einholen, abwägen und entscheiden.

schweiz In einer direkten Demokratie dagegen, wie etwa in der Schweiz, muss das jeder für sich tun – genau darin besteht die Trägheit der direkten Demokratie. Der Einzelne ist derart überfordert, dass er geneigt ist, sich bequem zu verhalten, das heißt: einfach beliebig zu entscheiden statt über den mühseligen Umweg der Einholung von Informationen und ihrer Gewichtung nach bestimmten Prinzipien und Kriterien. Also auch aus dem Bauch heraus. So ist es kein Zufall, dass in der Schweiz das Wahlrecht für Frauen erst 1971 eingeführt wurde – so träge kann direkte Demokratie sein.

Nach Rousseau ist nur eine direkte Demokratie eine wahre Demokratie. Von Trägheit oder gar Dummheit hat er nicht gesprochen. Den Umfragen zufolge hätten wir durch direkte Demokratie auch hierzulande einige Dummheiten zu ertragen, darunter ganz bestimmt auch ein Beschneidungsverbot und ähnliche Entmündigungen mehr. Durch Referenden, also in der direkten Demokratie, kommt Mündigkeit nur langsam voran. Dazu Kant: »… das Publikum, welches zuvor … unter dieses Joch gebracht worden, sie hernach selbst zwingt, darunter zu bleiben«. David Cameron hätte das wissen müssen, kommt er doch aus dem Mutterland der Demokratie. Oder hat er es gewusst und seine Verantwortung einfach und bequem auf dem Altar wahrer Demokratie geopfert? Schlimm genug.

talmud Wer je Talmud gelernt hat, kennt die Tücken der Versuchung, komplexe Zusammenhänge einfach nach Belieben zu simplifizieren, statt nach konsistenter Anwendung eines durchgängigen Prinzips analytisch anzugehen – was nicht nur die größere Herausforderung darstellt, sondern eben auch konsistente Ergebnisse zu liefern vermag. Wie der Talmud ist auch die Demokratie kein Selbstbedienungsladen, wo einfach das ins Körbchen kommt, was gerade bequem wirkt.

Nun haben wir mit dem Brexit das Chaos: In London fordern viele den Exit vom Brexit. In Edinburgh orientiert man sich unterdessen Richtung Brüssel. In Brüssel wundern sich alle, dass London keinen Brexit-Plan hat. Und verantwortungslose Rechtspopulisten machen sich nun anderen europäischen Hauptstädten auf, dem Londoner Vorbild zu folgen: Raus aus Europa und nach uns die Sintflut! Die, die das Ganze lostreten, machen sich in London aus dem Staub. Boris Johnson, Kopf der Brexit-Bewegung, will jetzt doch nicht mehr Premierminister werden. Und Nigel Farage, ebenfalls Brexit-Wortführer, erklärte seinen Rücktritt als Chef der rechtspopulistischen Ukip. Nicht die feine englische Art. Wohl zu viel Verantwortung, oder?

Zum Trost: Moses hat uns damals ein weitaus schlimmeres Chaos erspart; eines, welches die Entwicklung hin zum mündigen verantwortungsbewussten Menschen um Jahrhunderte sinnlos zurückgeworfen hätte. Und damit ist uns ein Exit aus dem Exodus erspart worden. Stattdessen konnte die Freiheit zur Grundlage unserer Mündigkeit als jüdisches Volk ausgebaut werden. Durch alle wechselvollen Episoden unserer Geschichte hindurch haben wir diese Mündigkeit bewahrt. Wir sind dafür beneidet und gehasst worden. Es war ein langer Weg – und der Weg lohnt sich. Immer.

Der Autor ist Rabbiner der Budge-Stiftung in Frankfurt/Main.

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