Die USA und Israel stellen sich auf eine mögliche Wiederaufnahme des Krieges gegen Iran ein. Nach Informationen der »New York Times« arbeiten die Streitkräfte beider Länder an konkreten Plänen für eine neue Angriffswelle, die nach den amerikanischen Zwischenwahlen am 3. November beginnen könnte. Ziel wäre es, den Druck auf das Teheraner Regime so weit zu erhöhen, dass es bei den Verhandlungen über sein Atomprogramm und die Kontrolle der Straße von Hormus Zugeständnisse macht.
Dem Bericht zufolge bereiten sich die Streitkräfte auf einen kurzen, aber besonders intensiven Einsatz vor. Dazu gehören verstärkte Militärübungen, bei denen Kampfflugzeuge auch über dem Irak Manöver für mögliche Angriffe trainieren. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth erörterte die Optionen demnach in dieser Woche bei einem Treffen mit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in Israel.
Als mögliche Ziele gelten iranische Energieanlagen, Einrichtungen des Atomprogramms sowie Bestände an Raketen und Drohnen. Einige amerikanische Planer gehen davon aus, dass eine dreitägige Offensive ausreichen könnte, um die iranische Wirtschaft so schwer zu treffen, dass die Führung in Teheran ihre bisherige Verhandlungsposition überdenken muss. Nach fast acht Monaten Konflikt haben die bisherigen militärischen Maßnahmen, Sanktionen und die amerikanische Seeblockade noch keine entscheidenden Zugeständnisse bewirkt.
Umstrittene Einschätzung
Die Einschätzung, ein weiterer massiver Angriff könne das Regime zum Einlenken zwingen, ist keineswegs unumstritten. Iran hat den wirtschaftlichen Belastungen bislang standgehalten. Zudem hatten die amerikanisch-israelischen Angriffe zwischen Februar und April weltweit die Energiepreise und die Inflation steigen lassen. Gleichzeitig verschärfte sich die Sicherheitslage im Nahen Osten, während die Vorräte des US-Militärs an Abfangraketen erheblich beansprucht wurden.
Dana Stroul, die in der Regierung von Joe Biden für die Nahostpolitik im US-Verteidigungsministerium zuständig war, sieht deshalb keinen überzeugenden Beleg dafür, dass eine Fortsetzung der militärischen Kampagne die strategische Lage verändern würde. Weder Netanjahu noch US-Präsident Donald Trump hätten nachvollziehbar erklärt, wie weitere Angriffe das grundlegende Dilemma in einer ohnehin instabilen Region lösen sollten, sagte sie der »New York Times«.
Ob es tatsächlich zu einer neuen Offensive kommt, ist weiterhin unklar. Trump hat in diesem Jahr wiederholt Pläne für eine Rückkehr zu größeren Kampfhandlungen gestoppt. Erst Anfang Oktober sollen die USA und Israel kurz vor einem erneuten Angriff gestanden haben. Beide Streitkräfte hatten dem Bericht zufolge umfangreiche Vorbereitungen getroffen und ihre Luftwaffen in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Trump entschied sich jedoch in letzter Minute für einen Aufschub.
Hin und Her
Ein Angriff noch im Oktober gilt als möglich, aber wenig wahrscheinlich. Trump hatte zugesagt, vor den Zwischenwahlen keine neue Offensive zu beginnen. Außerdem sollen zusätzliche amerikanische Streitkräfte erst Anfang November vollständig in Stellung sein. Dazu zählen drei Flugzeugträger, Tausende Marines, Kampfflugzeuge und Spezialkräfte.
Die wiederholten Vorbereitungen und anschließenden Absagen sorgen offenbar für erhebliche Unruhe in den militärischen Planungsstäben. Ein Kommandeur beschrieb die Situation gegenüber der »New York Times« als ein ständiges Hin und Her. Die Streitkräfte müssten jederzeit bereit sein, die jeweils von Trump ausgewählte Option umzusetzen.
Das Weiße Haus wollte sich nicht zu konkreten militärischen Planungen äußern. Ein Sprecher erklärte, die Regierung kommentiere keine Pläne, die möglicherweise existierten oder auch nicht. Trump halte sich alle Möglichkeiten offen, um zu verhindern, dass Iran Atomwaffen erlangt.
Möglicher Schwerpunkt
Ein möglicher Schwerpunkt neuer Operationen wäre das iranische Atomprogramm. Dazu könnte auch ein Angriff auf die tief im Gestein verborgene Anlage »Pickaxe Mountain« gehören.
Trump hatte in der vergangenen Woche erklärt, er erwäge den Einsatz einer gewaltigen Bombe, die als MOAB bekannt ist. Die Abkürzung steht für »Massive Ordnance Air Blast«. Ihr Spitzname lautet »Mother of All Bombs« (»Mutter aller Bomben«). Die Waffe wiegt rund zehn Tonnen und ist für eine massive Druck- und Explosionswirkung ausgelegt.
Militärexperten bezweifeln allerdings, dass sie sich zur Zerstörung einer tief unter Granit liegenden Anlage eignet. Die Bombe detoniert oberhalb des Bodens und entfaltet dort ihre Wirkung. Zudem müsste sie mit einem vergleichsweise langsam fliegenden Transportflugzeug des Typs MC-130 abgeworfen werden, das der iranischen Flugabwehr ausgesetzt wäre.
Entscheidender Faktor
Einige amerikanische Planer wollen bei der Auswahl der Ziele offenbar Raffinerien und andere Ölanlagen aussparen. Trump hat ein Interesse daran, einen weiteren Anstieg der Benzinpreise in den USA zu verhindern. Gerade die Energieversorgung könnte jedoch zu einem entscheidenden Faktor werden, falls sich der Konflikt ausweitet.
Die iranische Führung rechnet nach eigenen Angaben mit neuen Angriffen und bereitet Gegenmaßnahmen vor. Dabei könnten die Ziele über Handelsschiffe und Energieanlagen hinausgehen. Iranische Vertreter drohen auch mit Attacken auf Rechenzentren und Unterseekabel, die für die internationale Internetkommunikation von Bedeutung sind.
Parallel zu den militärischen Vorbereitungen laufen die diplomatischen Bemühungen weiter. Washington setzt die Aussicht auf neue Angriffe als Druckmittel ein, um Fortschritte beim iranischen Atomprogramm und bei der Kontrolle über die Straße von Hormus zu erreichen. Teheran weigert sich bislang, beim Atomprogramm Zugeständnisse zu machen, und will diese Frage erst zu einem späteren Zeitpunkt der Gespräche behandeln.
Israelische Wahl
Die politische Lage in Israel könnte die amerikanisch-israelischen Planungen zusätzlich beeinflussen. Bei der israelischen Wahl am 27. Oktober könnte Netanjahu seine Macht verlieren. Sollte er nur noch geschäftsführend im Amt sein, wäre es für ihn schwieriger, einen neuen Krieg zu beginnen.
Einige Beobachter halten es allerdings für möglich, dass Netanjahu die Aussicht auf einen unmittelbar bevorstehenden gemeinsamen Angriff mit den USA nutzen könnte, um seine politischen Gegner zur Bildung einer Einheitsregierung zu bewegen. Eine solche Regierung könnte den Krieg politisch absichern und Netanjahus Verbleib an der Macht verlängern. Nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hatte er bereits eine Regierung gebildet, in die auch Vertreter der Opposition eingebunden waren.
Derweil wächst die Gefahr einer regionalen Eskalation. Das US-Außenministerium ordnete am Mittwoch an, nicht dringend benötigte Regierungsmitarbeiter und deren Familien aus Saudi-Arabien abzuziehen. Hintergrund sind unter anderem Angriffe der vom Iran unterstützten Huthi-Miliz auf Ziele in dem Königreich.
Die iranische Führung geht nach Darstellung der »New York Times« zunehmend davon aus, dass Washington und Jerusalem letztlich einen Sturz des Regimes anstreben. Mojtaba Chamenei, der neue oberste Führer Irans, bleibt für amerikanische und israelische Nachrichtendienste schwer einzuschätzen. Einige US-Beamte vermuten, dass er weniger Macht besitzt als sein im Krieg getöteter Vater und dass Hardliner innerhalb der Islamischen Revolutionsgarden zentrale Entscheidungen treffen. im