Juden und Katholiken

Unter Gleichen

Papst Benedikt XVI. steht für Dialog mit dem Judentum. Foto: dpa

Vom 22. bis 25. September kommt Papst Benedikt XVI. zu seinem ersten offiziellen Staatsbesuch in seine deutsche Heimat. Auf dem Terminplan steht unter anderem ein Treffen mit Vertretern des Zentralrats der Juden in Deutschland und anderen Persönlichkeiten des jüdischen Lebens in der Bundesrepublik.

Bereits der Besuch des Papstes 2005 in der Kölner Synagoge, der erste von einem Papst besuchten Synagoge außerhalb Italiens, galt als Beginn einer neuen, positiven Dimension innerhalb der jüdisch-katholischen Beziehungen.

Das bevorstehende Treffen im September sehen wir daher als eine willkommene Gelegenheit an, neue Zeichen für die Weiterentwicklung und die Vertiefung des Dialogs mit der katholischen Kirche zu setzen. Daher sehen wir dem Papstbesuch mit dem herzlichen Gruß entgegen: »Baruch Ha-Ba« – Gesegnet sei, der da kommt.

differenzen Wohl wahr: In den letzten Jahren ist es auch zu einigen Differenzen zwischen dem Vatikan und der jüdischen Welt gekommen. Auch der Zentralrat hatte einiges kritisiert, was, unserem Gefühl nach, nicht so recht zum Geist der Versöhnung mit dem Judentum passen mochte. Da geht es etwa um eine Fassung der Karfreitagsfürbitte für die Juden, in der die katholischen Gläubigen um unsere »Erleuchtung« bitten, damit wir Jesus aus Nazareth als den Retter der Menschheit erkennen.

2009 wurde zudem die Exkommunikation von zutiefst versöhnungs- und judenfeindlichen »Piusbrüdern« aufgehoben. Zu ihnen gehörte auch der bekennende Holocaust-Leugner Richard Williamson. Und dann registrieren wir Signale zur Seligsprechung von Papst Pius XII., einem Papst also, dessen kaltes Schweigen angesichts der nationalsozialistischen Judenverfolgung ihn aus unserer Sicht zu einer höchst problematischen Persönlichkeit macht. Wir bedauern diese Schritte, sie schmerzen uns bis heute.

versöhnung Indessen muss ebenso klar gesagt werden: Wir sind vom absoluten Versöhnungswillen des Papstes immer fest überzeugt gewesen. Wir wissen, dass er den Prozess der Versöhnung zwischen dem Vatikan und dem Judentum, der in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte gemacht hat, bereits vor seiner Wahl zum Oberhaupt der katholischen Kirche persönlich immer gefördert und an der Seite seines Amtsvorgängers, Johannes Paul II., mitgetragen hat.

Wir würdigen auch Benedikts jüngst ausgesprochene, klare Absage an jede Judenmission und seine Zurückweisung des alten Vorwurfs des »Gottesmordes« durch die Juden. Wenn man bedenkt, wie viele Juden wegen dieser Mär im Laufe der Jahrhunderte verfolgt und ermordet wurden, tritt die Bedeutung dieser klaren Aussage des heutigen Papstes besonders klar und wohltuend hervor. Dies fördert Vertrauen und Zuversicht.

Der Dialog zwischen unseren Religionsgemeinschaften hat auch zu keinem Zeitpunkt aufgehört. Er muss nun noch erheblich verstärkt werden. Wir wissen, dass der Dialog mit den Juden vielen Katholiken wichtig, ja eine wirkliche Herzensangelegenheit ist. Das gilt für Amts- und Würdenträger, mit Papst Benedikt an der Spitze, ebenso wie für Laien – in der ganzen Welt und in Deutschland. Die Kontakte zwischen der jüdischen Gemeinschaft in der Bundesrepublik und der katholischen Kirche hierzulande sind besonders vielfältig, vertrauensvoll und eng.

Doch nichts ist so gut, dass es nicht noch besser, herzlicher und produktiver sein könnte. Denn nun müssen wir den Dialog noch weiter vertiefen, einen Dialog, der als Gespräch unter Gleichen von Respekt und von Akzeptanz geprägt ist. Freundschaft und brüderlicher Umgang zwischen Juden und Christen wundern heute niemanden mehr, und das ist gut so. Es ist zu wünschen, dass sie immer mehr zu einer Selbstverständlichkeit werden und es auch für alle Zeit bleiben.

gemeinwohl Wir müssen und werden sicherlich viele Herausforderungen gemeinsam annehmen. Gewiss, die Herausforderungen der jüdischen Gemeinschaft welt- weit und auch die des Staates Israels werden uns besonders beanspruchen und unser Handeln prägen.

Aber die Notwendigkeit des Arbeitens für eine bessere Welt, hört nicht dort auf, wo eine andere Glaubensrichtung beginnt. Das Gemeinwohl kennt keine Religionsgrenzen, und das Handeln für eine bessere Zukunft der uns nachfolgenden Generationen bleibt schließlich Motor und Motivation für uns alle. Daher gilt es, unsere Gemeinsamkeiten stärker zu betonen, sie zu fördern.

Und die Zahl der Gemeinsamkeiten ist groß. Wie das Judentum erkennt auch das Christentum an, dass der Mensch nicht zufällig auf der Welt ist und dass sein Leben einen Zweck und Sinn hat. Das Christentum hat große Teile der jüdischen Ethik übernommen.

Das ist eine Übernahme, über die wir wirklich froh sind, begründet sie doch eine in vielen wesentlichen Fragen ähnliche Weltsicht. Auch die christliche Soziallehre wurzelt in der hebräischen Bibel – und dort findet sich auch zum ersten Mal das Gebot der Nächstenliebe. Die Zehn Gebote wurden nicht nur zur Basis des Christentums, sondern sogar zum moralischen Fundament der ganzen Welt.

Das Treffen im September ist also sicherlich etwas Besonderes. Die gemeinsamen Wurzeln unseres Glaubens ermöglichen es uns, auch seine Früchte miteinander und mit der ganzen Gesellschaft zu teilen. In einer Zeit, in der der Glaube leider zu häufig als moralische Richtschnur an Boden zu verlieren scheint, ist das ganz besonders nötig – aber auch lohnend und vielversprechend für uns alle.

Der Autor ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

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