Brit Mila

Unter die Haut

Im Namen der Kinder? Marlene Rupprecht (l.) und Liliane Maury Pasquier im Europarat Foto: Council of Europe

Es wird wieder über Beschneidung gestritten. Anlass ist diesmal eine Resolution über »Das Recht von Kindern auf körperliche Unversehrtheit«. Das Dokument wurde im Oktober 2013 von der Parlamentarischen Versammlung des Europarats mit breiter Mehrheit angenommen, nachdem einige Monate zuvor der Gesundheitsausschuss der Organisation sogar einstimmig zugestimmt hatte.

In der Resolution wird »die Beschneidung kleiner Jungen aus religiösen Gründen« zusammen mit »Genitalverstümmelung bei Mädchen und Frauen« genannt. Darüber hinaus tauchen – angeblich vergleichbar – auch »medizinische Eingriffe während der frühen Kindheit bei intersexuellen Kindern« auf oder der »Zwang oder die Nötigung von Kindern zu Piercings, Tattoos und kosmetischen Eingriffen«. All dies – Brit Mila inklusive – seien Beispiele für »eine Kategorie von Angriffen auf die körperliche Unversehrtheit von Kindern, die von deren Befürwortern trotz klarer Beweise des Gegenteils oft als vorteilhaft für die Kinder selbst dargestellt werden«.

Diese Resolution des Europarats hat nicht nur jüdische und muslimische Organisationen verärgert. Auch die israelische Regierung forderte den Europarat umgehend auf, die Resolution zurückzuziehen.

knesset In dieser Woche reiste nun der Knesset-Abgeordnete Nachman Shai (Arbeitspartei) nach Straßburg, um im Gesundheitsausschuss für die Akzeptanz der Brit Mila zu werben. Er brachte auch einen Film mit, der der Propaganda militanter Beschneidungsgegner Argumente entgegensetzen soll.

Ob die umstrittene Resolution – anders etwa als das mittlerweile berühmt gewordene Urteil des Landgerichts Köln vom Mai 2012 – wirklich »den offenen Krieg gegen die Beschneidung« ausruft, wie es zum Teil in amerikanischen und israelischen Medien hieß, ist freilich nicht so klar. Die Resolution des Europarats ruft lediglich dazu auf, »klar die medizinischen, hygienischen und anderen Umstände zu definieren, unter denen heute weit verbreitete Praktiken bestimmter religiöser Gemeinschaften, wie die Beschneidung kleiner Jungen ohne medizinische Indikation, stattfinden können«.

antworten Darauf verweist Liliane Maury Pasquier aus der Schweiz, Vorsitzende des Gesundheitsausschusses des Europarats. Sie glaubt, dass die Kritik an der Sache vorbeigeht. »Diese Reaktion«, sagt Maury Pasquier, »macht mich traurig. Vieles davon rührt entweder von bösem Willen her oder von Unwissen über das, was wir gesagt oder getan haben.«

Auch die Fürther SPD-Politikerin Marlene Rupprecht, die als Berichterstatterin des Europarats für den Kinderrechtsbericht mitverantwortlich ist, wehrt sich gegen Kritik. »Es geht überhaupt nicht darum, irgendeine religiöse Gemeinschaft oder ihre Praktiken zu stigmatisieren«, sagt sie, sondern um »den Dialog zwischen den Kulturen und den Religionen, um einen breiten Konsens zu erreichen über das Recht von Kindern, gegen Angriffe auf ihre körperliche Unversehrtheit geschützt zu werden.«

Juristisch relevant ist die Resolution nicht. Was der Europarat beschließt, ist für seine 47 Mitgliedstaaten mit ihren 820 Millionen Einwohnern – mehr als die Europäische Union – nicht bindend. In einzelnen Fällen haben Beschlüsse jedoch die Gesetzgebung in einer Reihe von Staaten beeinflusst; mindestens ebenso oft wurden sie schlicht ignoriert.

Genauso hätte man wohl auch diese Resolution ignorieren können, wenn die Diskussion nicht schon so aufgeheizt wäre. Im Gefolge des Kölner Landgerichtsurteils, das sich gegen die Beschneidung eines muslimischen Jungen wandte, waren sowohl der jüdische Ritus der Brit Mila wie auch die Beschneidungspraktiken muslimischer Gemeinschaften einer Kritik ausgesetzt, die stark antisemitische und antimuslimische Züge trug.

kritik So geschah es vergangene Woche, dass erstmals eine gemischte Delegation von zehn Rabbinern und Imamen beim Generalsekretär des Europarats, Thorbjørn Jagland, vorsprach, um ihrer Besorgnis Ausdruck zu verleihen, dass die Resolution in manchen Ländern einem Beschneidungsverbot zur Durchsetzung verhelfen könnte.

Rabbiner Marc Schneier, Präsident der Foundation for Ethnic Understanding (FFEU), die sich in den USA für ein Miteinander der Religionsgemeinschaften und Ethnien engagiert, forderte Jagland bei dieser Gelegenheit auf, sich dafür einzusetzen, dass auf Maury Pasquier, die diese Woche ihren Abschied nimmt, ein »toleranterer und sensiblerer« Ausschussvorsitzender folgen möge.

Jagland hatte sich bereits im Oktober von der Resolution distanziert. Aber beendet hatte der frühere norwegische Premier die Debatte damit nicht.

Washington

Trump stoppt geplanten Angriff auf Iran vorerst

»Wenn wir ein Abkommen mit Iran erreichen können, ohne sie in Grund und Boden zu bombardieren, wäre ich sehr glücklich«, so der US-Präsident

 19.05.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« erhält Tacheles-Preis

Der Tacheles-Preis wird alle zwei Jahre an Personen oder Organisationen verliehen, die sich für die Sicherung einer jüdischen Zukunft in Deutschland einsetzen. Die Laudatio hält der neue WELT-Chefredakteur Helge Fuhst

 18.05.2026

Berlin

Josef Schuster für Bestrafung der Leugnung von Israels Existenzrecht

Der Zentralratspräsident stellt sich hinter das Vorhaben aus Hessen. Derweil sind einige Strafrechtler skeptisch

 18.05.2026

Interview

»Sonntagsreden reichen nicht«

Hessens Justizminister Christian Heinz will, dass Aufrufe zur Vernichtung Israels künftig unter Strafe stehen. Wie lässt sich ein solcher Eingriff in die Meinungsfreiheit begründen? Ein Gespräch über Staatsräson, den Schutz jüdischen Lebens und Mehrheiten im Bundesrat

von Joshua Schultheis  18.05.2026

Mailand

Provokantes »Hitler mit Kufiya«-Mural bei israelfeindlicher Demonstration aufgetaucht

Nach Angaben des Künstlers versteht sich die Aktion als Warnung vor wachsender gesellschaftlicher Radikalisierung und der zunehmenden Normalisierung antisemitischer Sprache

 18.05.2026

Washington D.C.

Mutmaßlicher Drahtzieher von Angriffen auf jüdische Einrichtungen vor Gericht

Auch für einen Brandanschlag auf ein jüdisches Restaurant in München soll Mohammad Baqer Saad Dawood Al-Saadi verantwortlich sein

 18.05.2026

Initiative

Offener Brief jüdischer Organisationen an Berliner Senatorin

Nachdem eine Klage des jüdischen Studenten Lahav Shapira gegen die Freie Universität Berlin für unzulässig erklärt worden ist, fordern jüdische Organisationen eine Gesetzesänderung

 18.05.2026 Aktualisiert

Potsdam

Forscher: Offenheit für AfD wächst trotz mehr Radikalität

Der Extremismusforscher Botsch erklärt, warum die Bereitschaft wächst, die zumindest in Teilen rechtsextremistische Partei zu wählen - ungeachtet ihrer Entwicklung

von Marc-Oliver von Riegen  18.05.2026

Ramallah

Abbas will blockierte Gelder als Terror-Renten verwenden

In Zusammenhang mit Israels Entscheidung, Teile der Steuereinnahmen für die PSA einzubehalten, spricht der Palästinenserpräsident von einem Rechtsbruch, will aber weiterhin illegale Terror-Renten bezahlen

 18.05.2026