Debatte

Unsere geistige Heimat

Infrage steht nicht, dass Deutschland unser Land ist. Foto: Marco Limberg

Deutsche Heimatliebe heißt Begriffsliebe. Der kollektive Begriffsfetischismus der Deutschen ist atemberaubend. Wir erinnern uns: Mitten in der schwierigsten und entscheidenden Phase der Aufnahme von Flüchtenden in Deutschland im Jahre 2015 diskutierte das Land, ob wir es »schaffen« (Angela Merkel) oder »nicht schaffen« (Boris Palmer).

Die selbst ernannte progressive Hälfte der Gesellschaft glaubte damals wohl, durch das beharrliche Wiederholen des Satzes »Wir schaffen das« alle Herausforderungen der neuen Migration in Chancen umzuwandeln. Die Skeptiker hingegen durften sich schon durch eine kurze Widerrede als andersdenkende Revoluzzer fühlen. Die beiden wichtigsten Protagonisten agierten ja zumindest im politischen Alltag. Sie trafen Entscheidungen und handelten, um diesen Alltag zu gestalten.

formeln Der mediale und öffentliche Rest überbot sich hingegen mit Analysen und Brandmarkungen und hat die Diskussion fetischisiert. Ein Bekenntnis zu der einen oder der anderen Formel wurde nicht nur zu einem (profanen) Test auf ideologische Zuverlässigkeit in der Flüchtlingsdebatte, sondern auch zu einer Umlenkungskommunikation. Für die meisten waren diese Worte eben beides: Formeln als moralisierende Marker und Formeln als Handlungsersatz.

Nun ist eine ähnliche Voodoo-Diskussion entbrannt, diesmal um den Begriff »Heimat«. Wer Tabubrüche wittert, der irrt: Der Begriff »Heimat« ist in Deutschland mitnichten tabuisiert, auch nicht links der CDU. Das Hamburger Programm der SPD wollte schon 2007 Menschen »Zugehörigkeit und Heimat« ermöglichen, die Grünen sprechen in ihrem Wahlprogramm 2017 mit Selbstverständlichkeit davon, dass Zuwanderer in Deutschland eine neue »Heimat« finden müssten.

Manch einer behauptet gar, die Grünen waren von Beginn an eine naturliebende »Heimatpartei«. Der Begriff selbst war und ist also auch im Nachkriegsdeutschland nie ausschließlich umgangssprachlich, sondern seit eh und je auch politisch gemeint.

konzept Manche machen den neuralgischen Punkt an der Frage fest, ob Heimat ein ausgrenzendes oder ein inklusives Konzept ist. Ganz so, als wären wir Sklaven unserer Begriffe, nicht deren Gestalter. Heimat ist, was man aus Heimat macht. Auch in unseren Köpfen. Wenn wir den Begriff Heimat positiv, bunt, offen und nachhaltig besetzen, dann ist das die Heimat, die wir haben. Wenn Heimat für uns kein Privileg der wenigen, sondern ein Angebot an viele ist, dann ist eben auch der Begriff Heimat keine Prärogative der Nationalisten.

Wenn wir ehrlich mit uns sind, geht es in der heutigen Diskussion nicht um das Wort an sich und nicht einmal um das Konzept. Es geht um eine Beziehung! Infrage steht nicht, dass Deutschland unser Land ist, sondern das Verhältnis der »Deutschen« zu ihm. Es geht nicht um die Enttabuisierung eines Wortes, sondern um die Enttabuisierung eines Gefühls. Welches Gefühl soll hier in die politische Diskussion inauguriert werden? Dürfen wir auf die Heimat stolz sein? Dürfen wir Deutschland lieben? Trotz des Holocaust?

Im Endeffekt geht es um unsere kollektive emotionale Intelligenz. Sind wir in diesem Land reif genug, um Gefühle zur Heimat zu empfinden, dabei aber Impulse zu kontrollieren? Folgt auf die Enttabuisierung des Gefühls eine Gefühlsentfesselung? Die Antworten auf diese Fragen werden wir erst im späteren Verlauf der Geschichte bekommen.

nachfrage Heute steht jedenfalls fest, dass es gerade unter den jüngeren Deutschen und unter vielen Ostdeutschen – egal welcher Generation – eine politische Nachfrage nach einem neuen Verhältnis zu diesem Land gibt. Kann die Politik dies ignorieren? Das wird auf Dauer wohl kaum möglich sein. Soll die Politik sich angesichts dieser Nachfrage bei den Nachfragenden anbiedern? Auch das wäre ein Fehler.

Vielleicht verläuft die Grenze zwischen der gesunden und irrläufigen Heimatbeziehung an der Unterscheidung zwischen Liebe und Stolz. Eine Familie kann jemand auch dann lieben, wenn er oder sie auf die Geschichte der Familie nicht stolz sein kann. Liebe ist eine emotionale, keine moralische Wertung, Stolz ist hingegen ein aufwertendes Urteil.

Vielleicht steht es mit Deutschlandliebe wie mit einem Wehrmachtsopa: Man kann einen Großvater lieben, auch wenn dieser in einem Besatzungszug im Osten gekämpft hat. Es ist aber schwerlich möglich, auf einen Wehrmachtssoldaten an der Ostfront stolz zu sein, auch wenn es dein geliebter Großvater ist. Dies sei auch zur moralischen Orientierung an manch eine neu gebackene Bundestagsfraktion und ihre Heimatliebe gesagt.

zukunftshoffnung Nein, es wird nicht einfach sein, für uns alle kollektiv eine neue »Heimat« zu finden. Doch Heimat muss nicht völkisch strahlen und nicht auf Blut und Boden gebaut sein. Auch und erst recht in Deutschland nicht! Wenn wir Heimat sagen, sollen wir es eher wie Ernst Bloch meinen, für den Heimat nicht eine Frage der historischen Verwurzelung, sondern der Zukunftshoffnung war.

Es geht um Erfüllung unserer besten Hoffnungen, unserer ehrlichsten Selbstreflexionen, unserer schonungslosesten Analysen, all das mit dem Ziel, etwas aufzubauen, wovon jeder von uns, egal, wo seine Wurzeln sind, träumen kann. Dann erfüllt sich die Hoffnung und »entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat«.

Der Autor ist Anwalt und Publizist in Berlin.

Stuttgart

»Der Nationalsozialismus war wunderschön«: AfD-Gemeinderat droht Parteiausschluss

Niels Foitzik behauptete in Videos, unter Adolf Hitler sei jeder willkommen und wertgeschätzt gewesen. Sein Landesverband will ihn ausschließen. Nach wie vor ist er Stadtrat der AfD

 07.05.2026

Hamburg

»Nakba«-Protestcamp am Ort der Judendeportation?

Auf dem ehemaligen Juden-Sammelplatz soll wieder ein antiisraelisches Camp errichtet werden. Die Jüdische Gemeinde und die Stadt Hamburg fordern die Verlegung an einen anderen Ort

von Michael Thaidigsmann  07.05.2026

Berlin

Wegner: Kannte Liste mit Antisemitismus-Projekten nicht

Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson war im Zusammenhang mit der umstrittenen Vergabe von Fördermitteln zurückgetreten. Der Regierende Bürgermeister wusste laut eigener Aussage über einen wichtigen Aspekt nicht Bescheid

 07.05.2026

München

»Hitlergruß«-Collage? AfD-Politiker Bystron freigesprochen

AfD-Mann Bystron teilt in sozialen Medien eine Fotomontage - unter anderem mit Angela Merkel mit ausgestrecktem Arm. Strafbar? Geschmacklos? Das Landgericht sieht die Sache anders als die Vorinstanz

 07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 19 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Bayern

»Antisemitismus ohne mich«: Parteiübergreifende Kampagne

Landtagspräsidentin Ilse Aigner, Ministerpräsident Markus Söder sowie die Landtagsabgeordneten von CSU, Grünen, Freien Wählern und SPD nehmen Teil

 07.05.2026

Sachsen-Anhalt

Umfrage zur Landtagswahl: Rechtsextreme AfD stärkste Kraft

Die selbsternannte »Alternative« baut ihren Vorsprung zur CDU vor der Landtagswahl aus. Das zeigt eine Umfrage von Infratest dimap. BSW, Grüne und FDP wären nicht im mehr Landtag

 07.05.2026

Berlin

Gericht stoppt geplante Abschiebung israelfeindlicher Aktivistin aus Irland

Im Oktober 2024 dringen 20 Aktivisten in das Präsidium der Hochschule ein, beschädigten Büros und verletzten mindestens einen Mitarbeiter. Die Irin soll dabei gewesen sein

 07.05.2026

Meinung

Die Angst, als Jude erkannt zu werden

Der Lagebericht des Zentralrats offenbart, wie unsicher sich Juden in Deutschland fühlen. Eine Gemeindevorsitzende beschreibt, was das für den Alltag der jüdischen Gemeinschaft bedeutet

von Jeanne Bakal  07.05.2026