Koexistenz

Unser Land

Koexistenz: Im modernen Deutschland muss Platz für viele Minderheiten sein. Foto: Thinkstock

Es ist nicht das erste Mal, dass vornehmlich muslimische Jugendliche auf die Straße gehen und Hassparolen gegen Israel und »die Juden« skandieren. Eine deutsche Freundin sagte mir dazu: »Wegen Antisemitismus braucht ihr Juden euch ja keine Sorgen mehr zu machen.« Als ich sie nur verwundert anstarrte, führte sie ihren Gedanken aus: »Ihr habt doch ein eigenes Land!«

Das war zumindest die zionistische Idee der israelischen Staatsgründung: nach dem Grauen der Schoa Juden eine Zuflucht vor weltweiter Verfolgung zu bieten. Doch die Freundin könnte nicht weniger recht haben: Wegen der permanenten Kriegssituation in Israel hatten sich vor allem aus der Sowjetunion geflohene Juden wie meine Eltern vor Jahren bewusst für ein Leben in Deutschland entschieden.

Es war kein Plan B, hierherzukommen. Nein: Sie zogen trotz der grausamen nationalsozialistischen Geschichte das sichere Deutschland dem jüdischen Staat vor. Ihre Kinder sollten hier aufwachsen – fern von Krieg, Hass und Gewalt des Nahostkonflikts.

Eskalation Aber schockiert sehen wir uns nun täglich auf deutschen Straßen mit ebendiesem Hass konfrontiert. Der Konflikt verfolgt uns bis nach Deutschland; Gewalt gegen uns bricht nicht nur bei jeder neuen Eskalation im Nahen Osten aus. Nein, Antisemitismus aus dem muslimischen Milieu ist leider alltägliche Realität.

Und der kommt auch nicht von irgendwoher: Vielmehr zeigt sich, dass wir alle, Juden und Muslime, auch wenn wir in Deutschland leben und Deutsche sind, uns nicht dafür entscheiden können, wichtige Bezugspunkte unserer Identität hinter uns zu lassen. Es gibt aber auch keinen Grund, warum wir das tun sollten, warum wir Israel oder die arabische Welt vergessen sollten, um hier friedlich nebeneinander leben zu können. Eine einheitliche Position zum Nahostkonflikt haben wir Juden ja nicht einmal untereinander: Deutsche Juden wie Micha Brumlik und Dieter Graumann, Tovia Ben-Chorin und Michel Friedman vertreten völlig unterschiedliche Positionen zur israelischen Politik.

Unser Pluralismus liegt in der jüdischen Tradition. Warum sollten wir diesen Pluralismus nicht auch mit den zahlreichen muslimischen Communitys teilen können? Warum schlagen dort die Meinungsunterschiede mit uns so oft in antisemitische Anfeindungen um? Selbstverständlich teilen nicht alle Muslime in Deutschland die antisemitischen Ansichten, die zuletzt bei Demonstrationen in Essen, Frankfurt und Berlin skandiert wurden. »Ich würde mir wünschen, dass all jene, die durch die jetzige Eskalation nicht fanatisiert sind, immer wieder laut sagen: Wir sind da!«, schreibt Mohamed Amjahid in einem Kommentar für den Berliner Tagesspiegel. Er hat recht.

Komplexer Wir müssen unsere leidenden und sterbenden Verwandten und Freunde im Nahen Osten nicht vergessen, um einzusehen, dass unser gemeinsames Leben in Deutschland nicht mehr zur Debatte steht. Der Nahostkonflikt ist viel komplexer, als dass man ihn zu einem weltweiten Krieg zwischen Juden und Muslimen stilisieren dürfte. Und selbstverständlich ist es nicht ein Krieg zwischen angeblichen »Kindermördern« und »Widerstandskämpfern«. Es gibt nicht nur schwarz und weiß. Schon gar nicht können wir den Konflikt auf deutschen Straßen austragen oder gar lösen.

Das wollen wir auch nicht. Deswegen sind wir nicht aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Daher werden wir, die als Zuwanderer das neue jüdische Leben im Land der Schoa mehrheitlich prägen, wegen des neuen Antisemitismus in Europa – egal ob er rechts oder links, islamistisch oder bürgerlich-konservativ motiviert ist – nicht fliehen.

Denn genauso wenig wie für uns ist Deutschland für die allermeisten der muslimischen Jugendlichen eine Zwischenstation. Oft ist es das einzige Land, das sie kennen. Rassistische Kommentare, der Islam sei ein Integrationshindernis, führen am Problem vorbei. Der Islam und die Muslime hierzulande sind, wie wir Juden, Teil von Deutschland.

Machete Vor einiger Zeit saß ich mit einer afghanischen Freundin in einem Café. Auf einmal sagte sie mir, dass ihr Vater mich mit einer Machete in Stücke hauen würde, wenn er mich träfe. So habe er seit ihrer Kindheit über Juden gesprochen. Ich fragte sie, ob er je Juden begegnet sei. Sie überlegte kurz, schüttelte verneinend den Kopf. Wir wechselten das Thema. Aber ich hätte den Vater gerne getroffen und ihm das Selbstverständliche gezeigt: dass ich ein Mensch bin wie er und seine Tochter.

Außer Bildung und Begegnung gibt es keine vernünftigen Antworten auf Vorurteile, Verschwörungstheorien und Hass. Deswegen müssen wir europäischen Juden uns gleichwohl Sorgen machen, wegen des grassierenden Antisemitismus. Egal, ob deutsche Freundin oder afghanischer Papa – beide ignorieren den gleichen Punkt: Wir werden auch in Zukunft in diesem Land zusammenleben.

Der Autor ist ELES-Stipendiat und studiert Sozialwissenschaft in Düsseldorf.

Meinung

Orden für den Botschafter: Wie Leo XIV. Irans Regime aufwertet

Mit seinem Orden für den iranischen Botschafter beim Heiligen Stuhl verpasst der Papst den Menschen im Iran symbolisch einen Tritt in die Magengrube

von Michael Thaidigsmann  13.05.2026

Meinung

Linke Luftnummer

Der Fünf-Punkte-Plan gegen Antisemitismus der Berliner Linken ist heuchlerisch. Die Partei ist derzeit nämlich nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems

von Ralf Balke  13.05.2026

TikTok

Antisemitismus per Algorithmus

Antisemitische Inhalte auf der Social-Media-Plattform treten häufig codiert auf. Reichweitenstarke Beiträge sind oft uneindeutig und werden erst im Kontext als antisemitisch erkannt

 13.05.2026

Meinung

Was Sachsen-Anhalt im Herbst droht

Nach den aktuellen Umfragen ist eine Alleinregierung für die AfD zum Greifen nah. Was das allein für die Erinnerungspolitik bedeuten würde, konnte man zuletzt an der Reaktion der Landespartei auf den 8. Mai beobachten

von Mascha Malburg  13.05.2026

Berlin

Ulf Poschardt gibt Herausgeber-Position bei »Welt« auf

Vom Herausgeber zum Autor: Der Journalist Ulf Poschardt wechselt seine Position beim Medien-Unternehmen Axel Springer

 13.05.2026

Kommentar

Warum Dieter Nuhr den Leo-Baeck-Preis gerade jetzt verdient hat

Dass der Zentralrat der Juden den Kabarettisten ehrt, sendet ein wichtiges Signal weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus

von Ahmad Mansour  13.05.2026

London

Sie »fischten« mit Geld nach Juden: Zwei Männer verurteilt

»Fishing for Jews« mit einer Angel, an der ein Geldschein hängt: Im Stadtteil Stamford Hill, in dem viele Charedim wohnen, werden die Verdächtigen von den Shomrim gestellt und später festgenommen

 13.05.2026

Teheran

Weitere Hinrichtung im Iran nach Spionagevorwürfen

Die iranische Justiz hat in den vergangenen Wochen viele Männer exekutieren lassen. Nun wird wieder ein Todesurteil vollstreckt

 13.05.2026

Bern

Mengele-Akten endlich öffentlich

Der Schweizer Nachrichtendienst blockierte den Zugang zu diesen Unterlagen jahrzehntelang. Nun wird diese Sperre aufgehoben

von Nicole Dreyfus  13.05.2026