Glosse

Über Charlie Chaplin und andere Scheinjuden

Joshua Schultheis Foto: Charlotte Bolwin

Glosse

Über Charlie Chaplin und andere Scheinjuden

Wie konnte sich die Geschichte von Chaplins Jüdischsein so lange halten?

von Joshua Schultheis  29.03.2023 10:32 Uhr

Was haben Bruce Springsteen, Mike Meyers und Rupert Murdoch gemeinsam? Genau – sie sind keine Juden! Selbst der geneigteste Leser mag sich nun fragen, warum das bedeutsam sein sollte. Schließlich sind die meisten Menschen keine Juden. Lassen Sie mich also ergänzen: Obwohl die drei Genannten gar keine Juden sind, werden sie häufig für welche gehalten. Die ersten beiden wegen ihres jüdisch klingenden Nachnamens, der dritte vermutlich weil … na ja … weil er eben steinreich ist.

Doch die Persönlichkeit, der das fälschliche Jude-Sein bis heute am hartnäckigsten nachgesagt wird, habe ich bisher ausgelassen. Dazu eine kleine Anekdote: Als ich einmal mit einer Gruppe aus Deutschland Israel besuchte, gab es auch ein Treffen mit Einheimischen. Diese spielten mit uns ein Spiel: Jeder bekam einen Zettel mit dem Namen einer berühmten Jüdin oder eines berühmten Juden auf den Rücken geklebt und musste sich dann über Ja-und-Nein-Fragen erschließen, um wen es sich handelt.

raten Die einen errieten »ihren« Namen früher, die anderen später, doch eine verzweifelte Teilnehmerin kam und kam einfach nicht darauf. Als ich ihr schließlich auf den Rücken schaute, war mir auch sofort klar, warum. Darauf stand: Charlie Chaplin. Wie konnte sich die Geschichte von Chaplins Jüdischsein so lange halten, dass offenbar selbst einige Israelis sie heute noch glauben?

Diese Frage lässt mich einfach nicht los. Die berühmteste Figur Chaplins, der Tramp, wirkte auf viele seiner Zeitgenossen eindeutig jüdisch. Der tollpatschige, aber gutherzige Vagabund war der Prototyp des »Schlemihl«, des albernen Pechvogels in der Literatur des osteuropäischen Judentums.

Ein Filmkritiker der 1920er-Jahre hat dazu eine interessante Begebenheit festgehalten, die ihm bei einer Vorführung von The Gold Rush untergekommen ist: Als der Tramp mal wieder in eine aussichtslose Lage gerät und von fiesen Gestalten drangsaliert wird, soll eine jüdische Frau laut geklagt haben: »Oy! Was wollen die Gojim bloß von ihm?«

falschinformation Die Ansicht, dass Chaplin Jude sei, war so weit verbreitet, dass sie 1948 sogar Eingang in eine jüdische Enzyklopädie fand. Dort wurde behauptet, dass er als Israel Thornstein in Frankreich als Kind osteuropäischer Juden geboren wurde. Selbst das FBI, dem Chaplins linke Haltung ein Dorn im Auge war, fiel offenbar auf diese Falschinformation herein. Jahrelang soll der Geheimdienst vergeblich der These nachgegangen sein, dass der in London geborene Hollywoodstar in Wirklichkeit ein jüdischer Kommunist sei.

Dass mit dem Mythos seiner angeblichen jüdischen Herkunft, dem übrigens auch die Nazis anhingen, nie wirklich aufgeräumt wurde, liegt auch daran, dass Chaplin nicht einsah, warum er diese Annahme öffentlich leugnen sollte. Er war der Ansicht, damit den Antisemiten nur in die Hände zu spielen. Zu eigen machte er sich die Falschannahme aber auch nicht. Als ihn einmal ein Reporter fragte, ob er wirklich Jude sei, soll Chaplin geantwortet haben: »Dieses Glück habe ich leider nicht.«

Steffen Krach, SPD-Spitzenkandidat bei der Abgeordnetenhauswahl 2026

Berlin

SPD-Vorstand beschließt Mitgliedervotum zu Koalitionsvertrag

Noch haben die Koalitionsverhandlungen in Berlin nicht begonnen. Klar ist aber schon, dass die Basis der drei potenziellen Regierungspartner eng eingebunden werden soll

 30.10.2026

Friedens-Mission

Woidke lobt Pferdetreck nach Jerusalem als Friedenszeichen

Sechs Monate und mehr als 3.500 Kilometer Reise durch acht Länder: Der Friedenstreck nach Jerusalem im vergangenen Jahr musste viele Hindernisse überwinden

 30.10.2026

Meinung

Elif Eralp und der »Spiegel«: Alles nur eine böse rechte Kampagne!

Die Spitzenkandidatin der Linken in Berlin offenbart aus Versehen ihre Angst vor dem Umfeld der eigenen Partei – und entlarvt den Vorwurf, Opfer einer Kampagne zu sein

von Wiebke Hollersen  30.10.2026

Iran-Krieg

Katarische Unterhändler in Teheran zu Gesprächen

Inmitten von Spannungen und Angriffen auf Schiffe in der Straße von Hormus mehren sich diese Woche diplomatische Besuche im Iran. Jetzt sind Vertreter aus Katar eingetroffen

 30.10.2026

Wahl in Israel

Josef Schuster: Regierungswechsel in Israel könnte förderlich sein

Äußerungen rechtsradikaler Minister in Israel sind nicht akzeptabel, sagt der Präsident des Zentralrats der Juden. Was ein möglicher Regierungswechsel im Land für die deutsch-israelischen Beziehungen bedeuten könnte

von Leticia Witte  30.10.2026

SPIEGEL-Affäre

Eralp zu Angst-Eingeständnis: Nehme Rat von Behörden ernst

Mit schriftlichen Anmerkungen zu einem Interview sorgt die Berliner Linken-Frontfrau für Aufsehen. Nun bezieht sie selbst Stellung - und führt ihr Handeln auf den Rat der Sicherheitsbehörden zurück

 30.10.2026

Berlin

Thorsten Frei fordert Abbruch der Koalitionsverhandlungen mit Linken

»Wer in den eigenen Reihen die Zusammenarbeit mit Hamas-Sympathisanten duldet, kann nicht glaubwürdig Verantwortung für die Sicherheit von Millionen Berlinern übernehmen«, so der Fraktionschef der Bundestagsunion

 30.10.2026

Debatte

Nach Eralp-Veröffentlichung: Jetzt meldet sich der »Spiegel« zu Wort

 30.10.2026

Rheinland-Pfalz

CDU, SPD und Grüne fordern Schulterschluss gegen Antisemitismus

Nachdem in einem Brief an die Jüdische Gemeinde Speyer gedroht wurde, die Synagoge in die Luft zu sprengen, wollten die Fraktionen ein Zeichen setzen

 30.10.2026