Der Konflikt zwischen den jemenitischen Huthi und Saudi-Arabien ist in den vergangenen Wochen eskaliert. Die vom Iran unterstützte Miliz hat ihre Angriffe mit Drohnen und ballistischen Raketen auf strategische und zivile Ziele im saudi-arabischen Staatsgebiet intensiviert. Die Huthi attackierten wiederholt Anlagen des staatlichen Ölkonzerns Aramco und eine wichtige Ost-West-Pipeline. Sogar die saudische Hauptstadt Riad kam im September unter Beschuss.
Hätte all dies nicht ein Fall für den neuen trilateralen Verteidigungspakt sein müssen, den Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan und Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif Anfang August in Mekka unterzeichnet haben? Demnach gilt ein Angriff auf eines der drei Länder fortan als Angriff auf alle. Der Vertrag sieht Technologietransfer, Geheimdienstkooperation, Luftabwehr, gemeinsame Übungen und den Ausbau der Rüstungsindustrie vor. Der Vertragstext bleibt jedoch unveröffentlicht, und auch die Entscheidungsmechanismen sowie der Umfang der Hilfe liegen im Dunkeln.
Vergleich mit der NATO trägt nicht weit
Ein Vergleich mit der NATO trägt nicht weit. Laut dem türkischen Außenminister Hakan Fidan würden die drei Staaten im Ernstfall zunächst beraten, welche Unterstützung angemessen ist – militärische Hilfe eingeschlossen –, es gibt jedoch keinen Automatismus. Ein ständiges Sekretariat und ein Ministerkomitee sollen dem Pakt erst noch Substanz geben.
Trotzdem ist er kein Papiertiger, wie die iranische Presse kommentierte. Die Türkei bringt eine der größten NATO-Armeen und eine aktive Rüstungsindustrie ein, Pakistan Kampferfahrung und die einzige Atombombe der islamischen Welt und Saudi-Arabien wirtschaftliches Gewicht und religiöse Autorität als Hüter Mekkas und Medinas.
Offiziell richtet sich der Pakt gegen niemanden, weder gegen den Iran noch gegen einen anderen Staat. Nur werden Bündnisse eben selten nach ihren Erklärungen beurteilt, sondern nach der Lage, in der sie entstehen. Iranische Raketen- und Drohnenangriffe haben die Golfstaaten getroffen, und auch die mit Teheran verbündeten Huthi griffen vor der Unterzeichnung des neuen Pakts saudisches Territorium sowie Schiffe im Roten Meer an. Klar ist: Riad will sich nicht mehr allein auf Washington oder die eigenen Fähigkeiten verlassen.
Bereits 2025 hatte Saudi-Arabien mit Pakistan vereinbart, einen Angriff auf einen Staat als Angriff auf beide zu werten. Der neue Pakt hebt dies auf eine breitere Ebene und verknüpft Pakistan mit der Türkei. Parallel dazu soll im Roten Meer eine multinationale Koalition zum Schutz der Schifffahrt am Bab al-Mandab entstehen. Riad verteilt seine Sicherheit somit auf mehrere Schultern, da die USA als Rückhalt zunehmend infrage gestellt werden.
Teheran muss den Pakt nicht als formelles Anti-Iran-Bündnis interpretieren, um ihn als Bedrohung zu betrachten
Der Iran ist im Visier, auch wenn dies nicht ausgesprochen wird. Teheran muss den Pakt nicht als formelles Anti-Iran-Bündnis interpretieren, um ihn als Bedrohung zu betrachten. Schon die Möglichkeit, dass ein Angriff auf Saudi-Arabien türkische oder pakistanische Reaktionen auslösen könnte, verändert Irans Kalkül.
Von einer militärischen Umklammerung Teherans zu sprechen, wäre dennoch übertrieben. Pakistans Prioritäten liegen in Südasien, die Türkei pflegt gegenüber Teheran ein Gemisch aus Konkurrenz und Kooperation, und zuletzt hat sogar Riad versucht, die Beziehungen zum Iran zu entspannen. Ob der Pakt Pakistans Atomwaffen indirekt einbindet, bleibt offen. Belege dafür fehlen, Islamabad wies entsprechende Spekulationen bereits zurück.
Der Iran ist im Visier, auch wenn dies nicht ausgesprochen wird.
Für die Türkei ist das Abkommen ein Wendepunkt: Lange konkurrierte Ankara mit Riad um Einfluss in der islamischen Welt. Wirtschaftliche Interessen haben aus den Konkurrenten Partner gemacht, ohne dass die Türkei ihre NATO-Mitgliedschaft aufgibt.
Die israelische Regierung hat sich bislang offiziell zurückgehalten. In den Medien des Landes, in Expertenkreisen und in einzelnen Regierungsstellen überwog hingegen deutlich die Besorgnis. Die Medien sprachen oft von einer »muslimischen NATO« oder einer »sunnitischen Achse« und bewerteten den Pakt als strategische Herausforderung. In einigen Kommentaren wurde explizit für die Schaffung einer Gegenallianz plädiert, vor allem, um den Hegemoniebestrebungen der Türkei entgegenzutreten.
Die Emirate teilen das Interesse an der Eindämmung des Iran
Ein möglicher Beitritt Ägyptens, den Fidan angedeutet hat, würde das Bündnis durch den Suezkanal und die große Armee des Landes erheblich aufwerten. Die Emirate teilen das Interesse an der Eindämmung des Iran, verfolgen im Jemen aber eigene Prioritäten. Indien beobachtet die saudisch-pakistanische Nähe seit 2025 mit Sorge.
Die Angriffe der Huthi verändern allerdings die Situation: Saudi-Arabien befindet sich nun in genau der Lage, für die der Pakt politisch relevant sein soll. Pakistan hat bereits sehr deutlich reagiert. So erklärte Verteidigungsminister Khawaja Asif Ende September, Pakistan werde Saudi-Arabien gegen die Huthi mit allen notwendigen Mitteln verteidigen.
Auch die Türkei hat konkrete Unterstützung angeboten. Außenminister Fidan sagte, Saudi-Arabien habe angesichts der Angriffe der Huthi möglicherweise militärischen und insbesondere technischen Bedarf, den die Türkei im Rahmen des Pakts decken könne. Ende September kamen die militärischen Spitzen der drei Staaten zusammen und erörterten die Huthi-Angriffe.
Am Montag kam es dann zu einem weiteren Treffen in Riad, bei dem unter anderem beschlossen wurde, gemäß des Pakts gegenseitige Verteidigungsverpflichtungen zu »aktivieren«. Denn der Pakt schafft zwar eine politische Verpflichtung zur gemeinsamen Verteidigung, aber keinen Automatismus, nach dem türkische oder pakistanische Streitkräfte unmittelbar in den Kampf eingreifen müssen.
Huthi-Angriffe könnten den Pakt paradoxerweise sowohl stärken als auch auf die Probe stellen
Die Huthi-Angriffe könnten den Pakt also paradoxerweise sowohl stärken als auch auf die Probe stellen. Denn wenn die drei Staaten jetzt gemeinsam Luftverteidigung, Aufklärung, Waffenproduktion, Übungen und Einsatzplanung organisieren, wird aus dem bisher eher politischen Abkommen schrittweise eine tatsächliche Sicherheitsstruktur. Genau diese Institutionalisierung hatten die drei Staaten bereits Ende August beschlossen.
Sollte Saudi-Arabien nun tatsächlich eine Bodenoffensive zur Rückeroberung der Gebiete am Bab al-Mandab mit 100.000 Mann anstreben, könnte sich zeigen, wie weit die Solidaritätsklausel tatsächlich reicht und ob Ankara und Islamabad bereit sind, für die saudische Sicherheit militärische Risiken einzugehen. Pakistan soll zwar Tausende Soldaten nach Saudi-Arabien verlegt haben und diese nun bis auf 40.000 Mann aufstocken wollen, in die schweren Kämpfe auf jemenitischem Gebiet sollen bislang allerdings, neben der saudischen Luftwaffe, nur Bodentruppen der jemenitischen Regierung involviert sein.
Der Autor ist deutsch-schweizerischer Islamwissenschaftler und emeritierter Professor an der Universität Bern.
