Nationalpreis

Starke Streiterin gegen Antisemitismus

Zeitzeugin Anita Lasker-Wallfisch Foto: dpa

Hunderte Male hat Anita Lasker-Wallfisch Jugendlichen von ihrer Zeit in den Lagern in Auschwitz und Bergen-Belsen berichtet und aus ihrem Buch gelesen. Und sie will damit weitermachen, »bis ich tot umfalle«, hat sie einmal gesagt.

Als eine »starke Streiterin gegen den Antisemitismus« hat die Deutsche Nationalstiftung die 94-Jährige am Dienstag in Berlin mit dem mit 30.000 Euro dotierten Nationalpreis ausgezeichnet. Ihr Bemühen um Verständigung, vor allem mit jungen Deutschen, ihr Eintreten gegen Antisemitismus und gegen Ausgrenzung seien ein Verdienst für das Land, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Ansprache zur Preisübergabe in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin.

Seit 1994 nimmt sie immer wieder große Anstrengungen auf sich, um Schüler in Deutschland über die Gräuel der Nazi-Zeit zu informieren.

Seit 1994 nehme sie immer wieder große Anstrengungen auf sich, um Schüler in Deutschland über die Gräuel der Nazi-Zeit zu informieren, erklärte die Nationalstiftung. Lasker-Wallfisch, die zu den immer weniger werdenden Überlebenden des Holocaust gehört, sieht darin auch eine Pflicht der letzten Zeugen. »Wir sind die Stimmen der Menschen, die man umgebracht hat«, hat sie es einmal formuliert.

MÄDCHENORCHESTER Als jüngste von drei Töchtern aus bildungsbürgerlichem Haus erlebt Anita Lasker-Wallfisch, wie die Familie nach und nach ihrer Rechte beraubt wird. Der Vater Alfons Lasker, ein angesehener Rechtsanwalt, bemüht sich ebenso verzweifelt wie vergeblich, aus Deutschland herauszukommen. Im April 1942 werden die Eltern deportiert und später ermordet. Während die älteste Schwester schon früher nach England emigriert ist, sind die beiden jüngeren, Anita und Renate, auf sich gestellt.

Die damals 16- und 17-Jährigen müssen Zwangsarbeit in einer Papierfabrik leisten. Sie fälschen Pässe, um doch noch zu entkommen, werden erwischt und landen im Gefängnis. Später werden sie getrennt voneinander nach Auschwitz gebracht. Weil Anita kurz nach ihrer Ankunft beiläufig erwähnt, dass sie Cello spielt, wird sie Mitglied im Mädchenorchester des Lagers. Das rettet ihr und ihrer Schwester das Leben. Auch als sie später in das Konzentrationslager Bergen-Belsen bei Celle deportiert werden, geben die beiden einander Halt.

Bundespräsident Steinmeier hob ihr Bemühen um Verständigung, vor allem mit jungen Deutschen, als »Verdienst für das Land« hervor.

Als britische Truppen das Lager am 15. April 1945 befreien, finden sie Tausende unbestatteter Leichen und Zehntausende todkranker Menschen vor. Fünf Monate nach der Befreiung erhebt ein britisches Militärgericht Anklage gegen die Täter. Anita Lasker-Wallfisch ist als Zeugin in dem Prozess vorgeladen, den sie als Farce erlebt, wie sie schreibt. Ein Verbrechen wie der Massenmord an Millionen von Menschen stehe außerhalb jedes Gesetzes.

HOLOGRAMM Anita Lasker wandert schließlich nach England aus. Sie heiratet den Pianisten Peter Wallfisch, mit dem sie zwei Kinder hat. Sie macht als Cellistin Karriere und ist Mitbegründerin des »English Chamber Orchestra«. Lange hat Anita Lasker-Wallfisch über ihre Erinnerungen geschwiegen. Fast ein halbes Jahrhundert nach ihrer Befreiung hat sie dann ihre Erfahrungen zunächst für ihre Kinder und Enkel aufgeschrieben. Das Buch Ihr sollt die Wahrheit erben erschien 1997 erstmals auf Deutsch.

Um das Gedenken auch für die Zukunft zu bewahren, hat die Nationalpreisträgerin an einem Hologramm-Projekt teilgenommen. Zeitzeugen werden bei der Beantwortung Hunderter Fragen von bis zu 50 Kameras gefilmt. Später werden die Aufnahmen zu einem zwei- oder dreidimensionalen Hologramm zusammengestellt. Auf eine Bühne projiziert, scheint es, als sitze der Überlebende tatsächlich dort.  epd/ja

Hintergrund

Wenn Juden- und Israelfeindlichkeit Extremisten aller Couleur vereint

Der Verfassungsschutzbericht 2025 verdeutlicht einmal mehr: Antisemitismus und Antizionismus sind der Bindekitt zwischen ansonsten inkompatiblen extremistischen Strömungen

von Michael Thaidigsmann  01.07.2026

Meinung

Warum Hessens Vorstoß mit der Meinungsfreiheit vereinbar ist

Die Landesregierung will die Leugnung des Existenzrechts Israels unter Strafe stellen. Mit einer veränderten Begründung und anderen leichten Modifikationen wäre der umstrittene Entwurf grundgesetzkonform

von Fiete Kalscheuer  01.07.2026

Extremismus-Bericht

Auschwitz Komitee macht AfD für gestiegenen Rechtsextremismus verantwortlich

Die Zahl der Extremisten in Deutschland ist nach Einschätzung des Bundesamtes für Verfassungsschutz weiter gestiegen. Dafür macht das Komitee vor allem die AfD verantwortlich

 01.07.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  30.06.2026

Interview

»Es fehlte am fußballerischen Können, nicht am Glück«

Sportreporter-Legende Marcel Reif über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, Jürgen Klopp und die Zukunft von Julian Nagelsmann als Bundestrainer

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026

Meinung

Maccabiah ist gelebte Selbstbehauptung

Gerade jetzt ist es für jüdische Sportlerinnen und Sportler wichtig, in Israel Kraft zu tanken. Es geht nicht nur um Sport, sondern auch um Selbstbehauptung und ein tieferes Verständnis für das Land

von Alon Meyer  30.06.2026

Berufung

Hamburg hat wieder eine Beauftragte gegen Antisemitismus

Nach Monaten der Vakanz ist das Amt wieder besetzt: Anna von Villiez wird Hamburgs neue Beauftragte gegen Antisemitismus. Ein Rechtsstreit hatte die Auswahl verzögert

von Michael Althaus  30.06.2026

Kommentar

Für Islamisten existiert kein Kindeswohl

In glühender Hitze wurden Kinder von Islamisten gefesselt durch Berlin geführt. Dass so etwas mitten in der Hauptstadt geschehen kann, ist die Folge einer fehlgeleiteten Migrationspolitik

 30.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 30.06.2026